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Dieter David Scholz
30.08.2009 Zum 90sten des Bayreuther Patriarchen
Er ist der letzte noch lebende Enkel Richard Wagners und war bis 2008 alleiniger Festspielleiter. Dann erklärte er seinen Rücktritt zugunsten seiner Töchter Eva und Katherina, die am 30. August 2008 vom Stiftungsrat der Bayreuther Festspiele zu den neuen Leiterinnen der Festspiele gewählt wurden. Wolfgang Wagner feiert heute – zwei Tage, nachdem die erste Festspielsaison, die seine Töchter verantworteten, zuende ging - seinen 90. Geburtstag. Zum „Parsifal“ erhob sich am 30. Juli 1951 der Vorhang der Eröffnungspremiere der ersten Bayreuther Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg. Es war Wolfgang Wagner gewesen, der in den ersten Nachkriegsjahren mit dem Motorrad durch Deutschland fuhr, um Sponsoren zur Wiedereröffnung zu gewinnen: „Ja Gott, ich mein, wie immer sind es zwei große Probleme gewesen damals: das ist einer-seits die Finanzierung – man darf nie vergessen, Richard Wagner ist an der Finanzierung des zweiten Festspieljahres gescheitert – und dann ging es ja darum, die nur von deutscher Seite - ohne die Ausländer hätten wir´s nicht geschafft - die von deutscher Seite ausgehenden Res-sentiments, die natürlich weitgehend durch die Freundschaft meiner Mutter mit Hitler untermauert waren, abzubauen.“ Seit 1951 leitete Wolfgang Wagner, gemeinsam mit seinem Bruder Wieland, die Bayreuther Festspiele. 1966 starb Wieland und seither war Wolfgang alleiniger Festspielleiter. Als Künstler, will sagen als Regisseur war Wolfgang immer umstritten, er galt als konservativ und stand im Schattens eines Bruders. Doch seine enorme praktische Lebensleistung ist respekt-gebietend. Er hat unzweifelhaft künstlerische Höhepunkte gesetzt, er hat bedeutende Sänger, Regisseure und Dirigenten an sein Haus geholt und er hat Bayreuth zur „Werkstatt“ eines „Work in Progress“ gemacht. Freilich, nicht alle waren davon begeistert, auch nicht die große Wagner-Sängerin Birgit Nilsson, die sich mir gegenüber vor ihrem Tode noch einmal dazu äußerte: „Bayreuth ist nicht mehr so wie es war, als ich dort war. Es ist auch so, daß man jetzt nicht mehr vom Festspielhaus Bayreuth spricht. Man sagt Werkstatt Bayreuth. Und das deckt ja viel mehr ab. Da kann ja jeder Anfänger in Bayreuth singen!“ Auch wenn Wolfgang Wagner mit seinem Werkstattgedanken den künstlerischen Niedergang der Festspiele einleitete: Er hat sich maßgeblich für die Schaffung einer Richard Wagner-Stif-tung engagiert, aber auch um den Wiederaufbau des kriegszerstörten Hauses Wahnfried - heute Richard Wagner-Museum - und er hat konsequent ein baufälliges Provisorium zu einem mit dem neusten Stand der Technik ausgerüsteten Theatergebäude saniert. Darauf vor allem ist er stolz: "Daß ich zumindestens die Bayreuther Festspiele, soweit es durch meine Tätigkeit für die Bayreuther Festspiele überhaupt menschenmöglich ist – als gesichert betrachten kann, und das war also auch eine meiner Hauptarbeiten, die ich vollbringen wollte durch die Gründung der Stiftung. Man wollte verhindern, daß eventuell durch eine Erbauseinandersetzung das ganze kostbare Wagnersche Manuskriptenmaterial zum Beispiel, oder auch die Bibliothek und die ganze Hinterlassenschaft von ihm, einschließlich des Festspielhauses, irgendwie in eine Lage gerät, daß es alles durch Familienauseinandersetzungen zerfleddert und kaputt geht." Wolfgang Wagner war ein Glücksfall für die Nachkriegsgeschichte der Bayreuther Festspiele. Der Dirigent Peter Schneider: „Er hat sich um alles gekümmert, er kam zu Proben rein, ich habe ihn beobachtet, wie er in der Kantine in die Töpfe guckte, ob alles läuft, er war auch musikalisch ausgesprochen gut informiert, also er kannte sich einfach in allem aus!“ Im März 1999 gab Wolfgang Wagner seine Zustimmung zu dem Verfahren seiner Nachfolge-findung als Festspieleiter. Schmierentheater-Possen, politische Querrelen und familiäre Schlammschlachten haben sich seither gejagt. Der Clan stritt sich um das Erbe. Erst als Wolfgang Wagners zweite Frau, Gudrun, die seit mehr als 25 Jahren seine rechte Hand war, Ende November 2007 plötzlich und unerwartet starb, wurde durch ihren Tod der Weg frei für die Nachfolgeregelung zugunsten Eva und Katharina Wagners, die denn auch am 1. September 2008 vom Stiftungsrat der Bayreuther Festspiele entschieden wurde. Seither sind andere Zeiten angebrochen am Grünen Hügel. Die beiden Halbschwestern Eva und Katharina sehen sich mit schwierigen strukturellen und finanziellen Veränderungen der Festspiele konfontiert. Und sie setzen programmatisch-künstlerisch auf Verjüngung, auf Regietheater, Zeitgeist, Events, neue Kommunikationsmedien und Popularisierung der Festspiele. Der Ausgang dieser Neuorientierung ist ungewiss. Wolfgang Wagner, der sich – seit 2007 gesundheitlich arg angeschlagen, weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat, mischt sich in die Festspielleitung nicht mehr ein. Er begeht seinen neunzigsten Geburtstag als Pensionär in aller Stille und familiären Abgeschiedenheit. Zum ersten Mal seit 1951 steht er bei seinem Geburtstag nicht mehr im Rampenlicht, muß zum ersten Mal seit mehr als einem halben Jahrhundert nicht mehr als Festspielchef repräsentieren.
DW Dt. Programm & International
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