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Dieter David Scholz
Buchrezension
Am 28. August 2002 fand mit den "Meistersingern von Nürnberg" die letzte Aufführung einer Inszenierung von Wolfgang Wagner im Bayreuther Festspielhaus statt. Er hatte das Werk in den 57 Jahren, die er die Bayreuther Festspiele geleitet hatte, bis 1966 gemeinsam mit seinem Bruder Wieland, nach dessen frühem Tod in Alleinverantwortung, vier Mal inszeniert. Im August 2008 trat er zugunsten seiner Töchter Katherina und Eva von der Festspielleitung zurück. Eine Ära ging zu Ende. Wolfgang Wagner war der dienstälteste Opernimpresario der Welt gewesen, und unersetzbar, denn seine umfassende Kompetenz in allen theaterpraktischen, künstlerischen und organisatorischen, auch rechts- und finanztechnischen Fragen der Leitung eines Opernhauses war einmalig. Auch seine väterliche Fürsorge gegenüber seinen Künstlern. Seine menschliche Direktheit konnte entwaffnen. Wem er vertraute, zeigte er sich unkompliziert und offen. Andere ließ er an seinem fränkischen Dickschädel abprallen. Er war um keine Antwort verlegen. Sein Gedächtnis war phänomenal. Als Künstler, will sagen als Regisseur war Wolfgang immer umstritten, er galt als konservativ und stand zweifellos im Schatten seines Bruders Wieland, der eigentlich das, was man den "Neubayreuther Stil" nennt, kreiert hat. Die Ära Wolfgang Wagner ist inzwischen Geschichte, denn am 21. März 2010 starb der Bayreuther Festspielleiter 90-jährig. Seine Nachfolgerinnen in der Leitung der Festspiele sind - seinem Wunsch entsprechend - seine beiden Töchter aus zwei Ehen. Seither ist in Bayreuth alles anders geworden. Seit den Neunzigerjahren stand das Thema seiner Nachfolge im Vordergrund des Medieninteresses an Bayreuth. Der Prozess der Nachfolgefindung, den Wolfgang Wagner selbst 1999 angestoßen hat - aber immer wieder auch umgestoßen - hatte sich zur jahrelangen, quälenden Farce, ja zur Soap Opera entwickelt und fand erst nach dem plötzlichen Tod seiner zweiten Ehefrau Gudrun im November 2007 einen Abschluss. "Die Quintessenz ist die:, dass ich zumindestens durch meine Tätigkeit die Bayreuther Festspiele als gesichert betrachten kann durch die Gründung der Stiftung. Man wollte verhindern, dass eventuell durch Erbauseinandersetzungen die ganze Hinterlassenschaft von Wagner einschließlich des Festspielhauses irgendwie in eine Lage gerät, dass es alles zerfleddert und kaputt geht." (Wolfgang Wagner) 1944 brachte WolfgangWagner an der Berliner Staatsoper mit der Oper "Bruder Lustig" seines Vaters Siegfried seine erste Inszenierung heraus. Das war der Beginn seiner Regielaufbahn, die 2002 endete. Hans Georg Bauer hat gewissenhaft alle Inszenierungen Wolfgang Wagners dokumentiert. Mit Photographien, Besetzungslisten, mit allen verfügbaren offiziellen Äußerungen Wolfgang Wagners. Er hat mit großem Fleiß Interviews, Statements, Presseerklärungen, Vorträge und Aufsätze zusammengetragen. Auch was den Festspielleiter und den Bauherr Wolfgang Wagner angeht. Sein Buch ist ohne Frage eine verdienstvolle Photo- und Text-Dokumentation, die in ihrer Spannbreite und Fülle des Materials als Er-gänzung der Autobiographie Wolfgang Wagners von Nutzen ist. Allerdings stehen die Dokumente unkom-mentiert nebeneinander. Es ist Absicht. "Sie sollen für sich sprechen", so Oswald Georg Bauer. Er enthält sich jeder Bewertung, jeder kritischen Einordnung und Hinterfragung. Aber genau das ist der einzige, aber kapitale Einwand, den man gegen dieses Buch erheben kann: Die Charaktereigenschaften des macht-bewußten Patriarchen Wolfgang Wagner, der wie Fafner auf dem Hort saß nach dem Motto "Ich lieg und besitz", seine Fehler, seine fragwürdigen künstlerischen Entscheidungen sind Tabu in diesem Buch. Ebenfalls wird die Tatsache verschwiegen, dass in den letzten 20 Jahren seines Lebens die Schattenimpresaria Gudrun Wagner (die im übrigen den Familienzwist beförderte) in der Festspielleitung mehr oder weniger die Oberhand hatte. Überhaupt ist der ganze familiäre und politische Kontext des Phänomens Wolfgang Wagner ausgeblendet. - Zurecht erinnerte der damalige Bundespräsident Walter Scheel in seiner Rede bei der Hundertjahrfeier Bayreuths daran: "Bayreuths Geschichte ist ein Teil deutscher Geschichte. Seine Irrtümer sind die Irrtümer unsere Nation gewesen. Die dunkeln Kapitel deutscher Geschichte und Bayreuther Geschichte können wir nicht einfach wegwischen." Auch die dunklen Kapitel in der Persönlichkeit Wolfgang Wagners nicht, seinen autoritären Führungsstil im Unternehmen wie in der Familie, einem Atridenclan, in dem ein Familienmitglied dem anderen nach dem Leben trachtet, wie es Nike Wagner, die schärfste Kritikerin Wolfgang Wagners einmal formulierte. Ein Buch, das auch diese Aspekte einmal ans Licht zieht und ungeschminkt darstellt, steht noch aus. Das Buch von Oswald Georg Bauer ist nicht mehr und nicht weniger als das bedingungslos bewundernde "Dokument einer bedeutenden Lebensleistung", als "Dokument der Dankbarkeit von Seiten all derer, die Wolfgang Wagner förderte und prägte, und deren Leben er unendlich bereichert hat", wie der Autor im Vorwort seines Buches schreibt. Er wird sich trotz des dokumentarischen Werts seiner Materialzusam-menstellung den Vorwurf gefallen lassen müssen, er habe Bayreuther Hofgeschichtsschreibung betrieben. Aber immerhin hat Oswald Georg Bauer mit seiner Dokumentensammlung allen künftigen Autoren, die sich kritisch mit den Wagners auseinandersetzen wollen, einen Steinbruch an Material zur Verfügung gestellt, der eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Richard Wagners Enkel Wolfgang, der ebenso janusköpfig war wie sein Großvater, erleichtert. Beiträge in DLF, MDR, SWR
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