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Dieter David Scholz
Rezension |
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Wagners
"Ring" 2006 begann das Deutsche Nationaltheater Weimar damit, nach mehr als 50 Jahren einen neuen „Ring“ zu schmieden. Michael Schulz, bisheriger Operndirektor in Weimar – ab nächster Spielzeit Generalintendant in Gelsenkirchen - hat mit seinen ersten drei Abenden überregionales Aufsehen erregt. Gestern Abend hat er Wagners Nibelungen-Tetralogie mit einer Neuinszenierung der „Götterdämmerung“ herausgebracht.
Weder Helden, Götter, noch heroische Naturszenerien sieht man in Weimars Abschluß des gewaltigen Wagnerschen Welterschaffungs-Endspiels. Man ist, wie schon in den er-sten drei Teilen dieser Tetralogie ganz in dieser Welt, einer Welt gegenwärtiger Menschen von heute. Kein Felsensaal, kein Rhein, keine Gibichungenhalle und kein finales Feuer-fiasko erwartet den Zuschauer. Brünnhildes und Siegfrieds Abschied findet vor weißem Vorhang statt, Der Hof der Gibichungen ist die Karikatur eines stoffdrapierten Operetten-Hofstaats. Gunter ist Offenbachs König Bobèche und Jarrys Roi Ubu mit Pappkrone in Einem. Im dritten Akt gibt es nur noch eine quadratische Spielfläche im grau ver-schmierten Bühnenkasten. Quasi-shakespearhaftes Simultantheater der Mächtigen und Ohnmächtigen. Theater auf dem Theater. Regisseur Michael Schulz arbeitet gern mit Brüchen und Desillusionierungen. Sogar der tote Siegfried darf wieder auferstehen. Brecht lässt grüßen. Das ist teils berührend, teils komisch, auch unfreiwillig. Aber in diesem Ring darf ohnehin viel gelacht werden. Michael Schulz hat viel Sinn für Ironie und Parodie. Er vermeidet konsequent alles Wagnersche Pathos. Ihn interessiert weder der Mythos noch die politische, antikapitalistische Parabel. "Es geht mir darum, über ein assoziatives Material an den Ring heranzugehen. Und die Menschen hoffentlich dazu zu führen, dass sie anhand der Charaktere, anhand der Psychologie, des sichtbaren Verhaltens zwischen diesen Menschen, und ich be-haupte, dass auch die Götter wie Menschen zu zeigen sind, Parallelen zu sich, ihrer Umwelt, ihrer gesellschaftlichen Realität ziehen können und erleben können." Michael Schulz zeigt Wagner von seiner menschlichsten Seite. Anders als beispielsweise in Bayreuth, wo Tancred Dorst im derzeitigen „Ring“ Spuren des antiken Mythos in einer Mischung aus Archaischem und Fantasy im Gegenwärtigen spiegelt oder in Aix-en Provence, wo Stéphane Braunschweig den „Ring“ als überhöhtes, steifes Konver-sationsstück gibt, zu schweigen vom Wiener postmodernen Schnickschnack-Ring Sven-Erik Bechtholfs, setzt der Weimarer „Ring“ ganz auf nachvollziehbare zwischen-menschliche Geschichten. Er zeigt Beziehungen jenseits aller Wagnerklischees und –Traditionen. Michael Schulz ist ein Regisseur subtiler, ja intimer Blicke, Gesten und Begegnungen zwischen Menschen. Immer wieder gelingen ihm berührende Momente, wenn er den „Ring“ als ein Stück über mißbrauchte Kinder und wenn er die hilflosen Rheintöchter, die verschreckten Walküren, überhaupt die von patriarchalischen Macht-strukturen unterdrückten, betrogenen, vergewaltigten Frauen zeigt. Das ist sein Thema! Er inszeniert den Aufstand der Frauen gegen die Männer. Am Ende erlöst denn auch die stärkste Frau, Brünnhilde, die fluchbeladene Männerwelt. Und Wagners Schluß-Utopie zeigt Schulz - nach einem Welten- und Walhallbrand ohne jedes Feuer - hinter den Kulissen sozusagen – als reinigendes Bad der übrig gebliebenen Frauen im Regen.
Die Männer sind in dieser Götterdämmerung durchweg brutale Machos, oder, wie im Falle Siegfrieds und Gunthers, Schwächlinge, die zu Fall kommen. Die Masse Mann – die Mannen - zeigt der Regisseur als marodierenden, randalierenden, saufenden Mob der Strasse, eine rüde Mischung aus Neonazis, Rockern und autonomen Krawallbrüdern, die Frauen wie Jagdtrophäen und Sexobjekte benutzen. Deren wilde Sex-Orgie kontrastiert bedrohlich die anrührende Todeserzählung Siegfrieds, in der der Tenor Norbert Schmitt-berg zu großer Form aufläuft, ein hoffnungsvoller Wagnerheld.
Überhaupt wartet man in Weimar – für ein Haus dieser Größe -mit einem insgesamt sehr überzeugenden Ensemble auf. Immerhin stemmt man den Ring überwiegend mit haus-eigenem Ensemble. Es gibt hervorragende Rheintöchter (Silona Michel, Susann Günther-Dißmeier, Christiane Bassek) und Nornen (Christine Hansmann, Nadine Weissmann, Silona Michel), Nadine Weissmann singt auch eine bewegende Waltraute, Mario Hoff einen fabelhaften, hell timbrierten Gunther. Das Glanzlicht dieses Rings wie der Götterdämmerung ist die junge britische Hochdramatische: Catherine Foster. Sie hat aus-sergewöhnliche Durchschlagskraft, ist höhensicher und von erstaunlicher Spielfreudigkeit. Sie ist wirklich eine Ideal-Brünnhilde mit großem Zukunftspotential.
Das Publikum war begeistert von ihr, aber auch vom scheidenden GMD Carl St. Clair, der ja an die Komische Oper Berlin wechselte. Carl St. Clair hält zwar den großen Apparat unter und auf der Bühne sehr gut zusammen, aber er hat in der Götter-dämmerung - interpretatorisch - die Zügel etwas schleifen lasen. Da klang doch Manches ziemlich hemdsärmelig. Die Staatskapelle Weimar war bei der Premiere auch spieltech-nisch nicht ganz so gut, wie sie sein kann, und wie sie in den vorausgegangenen drei Teilen dieses Rings war. Dennoch, alles in allem ist das eine Aufführung, die viel Respekt verdient, und deren Besuch sich unbedingt lohnt.
NDR Kultur, DLF, MDR Figaro, SWR2 Journal
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