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Dieter David Scholz
Buch-Besprechung
„Wache Wala, Wala erwache“ ruft Gott Wotan im dritten Akt des „Siegfried“ der schlafen-den Urmutter Erda nach seiner Niederlage gegen Siegfried hilfesuchend zu. Das Wort „Wala“ ist eines jener vielen Wörter Wagners, die heute nicht mehr gebräuchlich sind. Was bedeutet es? Bei Victor Henle kann man nachschlagen und erfährt, dass es soviel wie „Trägerin des Zauberstabes“ meint. Die Wala ist also eine Zauberin. Das ist sie tatsächlich, diese weissa-gende, allwissende Erdmutter Erda, oder eben auch Wala genannt. Apropos „Wala“: auch das Wort „Wal“ kommt in Wagners „Ring“ oft vor. Damit ist nun keineswegs ein großer Meeressäuger gemeint. Das Wort geht zurück auf ein altnordisches, das den gefallenen Krie-ger meint. Die Wagnersche Walstatt ist also das Schlachtfeld, Walhall ist die Halle der Gefal-lenen Helden, und die Walküren sind diejenigen, die die gefallenen Krieger einsammeln und nach Walhall bringen.
„Nun zäume dein Ross, reisige Meid“ ruft Wotan seiner Lieblingstochter Brünnhilde am Be-ginn des dritten Aktes der „Walküre“ zu. Was ist eine „reisige“ Meid eigentlich? Auch da weiß Victor Henle Rat: Zum einen ist ein „Reisiger“ ein berittener oder bewaffneter Soldat, zum andern meint „reisig“ soviel wie „zum Aufbruch fertig“, gerüstet zum Kampf. Die Wal-küren sind eine bewaffnete, berittene Elitetruppe Wotans. Aber was ist ein "garstiger Gauch"? Was bedeutet das Wort "lackern", was ist ein "Zage"? Was sind „Bresten“? Auch der Zwerg Mime bedient sich eines unüblichen Vokabulars. Im "Siegfried" fragt er sich "Wie führ ich den Huien zu Fafners Nest?" Ein „Huier“ ist nichts anders als ein lautmalerisches Wort für einen eiligen, hastigen Menschen, so erfährt man bei Henle, abgeleitet von „hui“, gleich geschwind, schnell. Was man bei Victor Henle lernt, wenn man es nicht schon vorher wusste, dass sich Wagners Sprache ganz bewusst verschwundener oder altertümlicher Wörter zur Revitalisierung des Mythischen, des vermeintlichen Ur- und Volkstümlichen bedient. Ein romantischer Traum, dem der jungdeutsch-vormärzliche Dichter-Komponist Wagner nachhing im Bestreben, mit seinem utopischen „Kunstwerk der Zukunft“, also seinem Musikdrama, in Bildern und mit Wörtern der Vergangenheit der gesellschaftlichen Revolution, zuzuarbeiten. Victor Henle, ehemaliger Direktor der Thüringer Landesmedienanstalt und gewissenhafter Wagnerianer, hat all diese Wörter in einer Art Lexikon aufgelistet und kurz und bündig erklärt. Nicht ohne Witz. Und in leicht lesbarer Sprache.
Die engende „Brünne“, die Siegfried mit seinem Schwert aufschneiden möchte, ist nichts an-deres als der Brustpanzer der gepanzerten Wotanstochter, die im Schlaf liegt und nur darauf wartet, von Siegfried wach geküsst zu werden. - Wagner hat nicht nur eine eigene musi-kalische, sondern auch eine eigene Wort-Sprache entwickelt. Er bedient sich eines veralteten, vergessenen Vokabulars, des altdeutschen Stabreims und er erfindet Wörter. So skurrile Reime wie „Geschlamb und Geschlumpfer“, "Garstig glat-ter glischiger Glimmer" oder „schwarzes, schwieliges Schwefelgezwerg“ man mag das mögen oder nicht: Diese Stabreime, die sich zuweilen wie Da-Da-Wortkunst anhören, gehören zum System von Wagners Dicht- und Komponiertheorie und machen innerhalb des Systems Sinn. Dasselbe gilt für die Sprich-wörter, etwa die Hans Sachsens „Ihr macht mir Flausen. Oder „Es klang so alt und war doch so neu“ Auch das Spiel mit Stilmitteln der antiken Poetik und Rhetorik beherrscht Wag-ner virtuos. Aber vor allem liebt Wager alliterierende Wortspiele wie in seinem berühmten "Wasser-Wohlfühlgesang" (Henle) der Rheintöchter: „ Weia! Waga! Woge du Welle, walle zur Wiege“
Natürlich ist Victor Henle nicht der Erste, der sich mit Wagners Wörtern beschäftigt hat. Aber er fasst in seinem Buch souverän zusammen, was in den letzten 150 Jahren schon vor ihm Wagnerexperten zur Sprache, zur Dichtkunst und zum Vokabular Wagners wissen-schaftlich ermittelt und erklärt haben. Er nennt auch einige wichtige Standardwerke im An-hang. Und er kommt natürlich nicht umhin, Thomas Mann zu zitieren, dessen Äußerung nach wie vor gilt: Wagner dieser „Musiker als Dichter und Dichter als Musiker“ habe „durch die Musik“ seine Sprache „in einen Primitiv-Zustand zurück gezwungen“. Zuvor hatte allerdings schon Friedrich Nietzsche etwas Fundamentales zum Thema gesagt: erklärt, Wagners Werke sollten nicht gelesen werden, sie seinen eigentlich keine Sprachwerke, sondern „Musikdunst“. Ich bin allerdings der Meinung: Doch, man sollte sie schon lesen! Und im Zweifelsfall: Schlag nach bei Henle! Sein Lexikon der Wagnerschen Begriffe von "Aar" bis "Zwicker" ist kon-kurrenzlos auf dem gegenwärtigen Buchmarkt. Es informiert zuverlässig und unkompliziert über alle sprachliche Archaismen, über Mythos und Etymologie, aber auch Gegenstände, Orte und Figuren in Wagners Werk. Ergänzt hat Henle sein Buch um ein Szenarium der Opern. Man kann es herausnehmen und als Wagner-Opernführer in die Westentasche stecken. Und für alle, die einfach nicht genug kriegen können von Wagner, gibt es auch noch eine kleine Aphorismen-Blütenlese im Anhang sowie eine europäische Landkarte, auf der die Handlungsorte der Wagnerschen Werke verzeichnet sind. Die meisten übrigens spielen nicht in Deutschland!
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MDR
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