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Dieter David Scholz
Buch-Besprechung Okt.2009
Eva Rieger. Hiltrud Schroeder. Bohlau Verlag, 198 Seiten, 2009, 24, 90 Euro Der Komponist Richard Wagner verbrachte einen beträchtlichen Teil seines Lebens in der Schweiz, in der er vielfältige Anregungen erhielt für sein Bühnenwerk. Nicht zuletzt seine Wanderungen in der Schweiz waren es, die ihn immer wieder inspirierten. Die Musik-wissenschaftlerin Eva Rieger und die Sozialwissenschaftlerin Hiltrud Schroeder sind Wagners Pfaden gefolgt und haben ein Buch darüber verfasst. In der Schweiz, in Tribschen bei Luzern, am Vierwaldstätter See also, hat Richard Wagner seine „Meistersinger“ abgeschlossen und Gedanken über „Deutsche Kunst und deutsche Politik“ zu Papier gebracht. In Zürich vollendete er seine „Ring“-Dichtung und las sie einem enthusiasmierten Publikum im Hotel Baur au Lac vor. Zum Waldweben im „Siegfried“ inspi-rierte ihn nicht etwa der Bayerische Wald oder das Rheinische Schiefergebirge, wie es das Nibelungenlied nahelegte, sondern das Sihltal bei Zürich, so wie er im Walliser Vispertal und am Fuße des Matterhorns die Odyssee las, die die Dramaturgie seines „Rings“ entschei-dender prägte, als aller germanische Mythos. Seinem Zürcher Mäzen Otto Wesendonck bekannte er: Lasst mich noch die Werke schaffen, die ich dort empfing, im ruhigen, herrlichen Schweizerlande, dort, mit dem Blick auf die erhabenen, goldbekränzten Berge: es sind Wunderwerke, und nirgends sonst hätte ich sie empfangen können. Die erhabenen, goldbekränzten Berge hat Wagner hauptsächlich erwandert. Er war gut zu Fuß und liebte lange Wanderungen. Eva Rieger und Hiltrud Schroeder haben Wagners eigene Äußerungen zu seinen Schweizer Wanderungen zusammengetragen und sind ihnen nachge-wandert, freilich etwas komfortabler, und nicht durchweg zu Fuß. Ihre Erfahrungen haben sie im nun vorgelegten Buch mitgeteilt. Ob Säntis oder Hüfligletscher, Uetliberg, die Rigi oder das Faulhorn: Man könne Wagners strapaziöse Wanderungen als moderner, verwöhnter Westeuropäer zwar nicht nachvollziehen, aber die Naturerlebnisse und Ausblicke, die gebe es noch. Die Autorinnen dokumentieren übrigens, dass Wagner keineswegs den bereits damals touristisch vorgegebenen Pfaden zu den alpinen Sehenswürdigkeiten folgte, wie er selbst in seiner Autobiographie „Mein Leben“ bekannt hatte: Von Alpnach am Vierwaldstätter See aus trat ich die streng zu Fuß eingehaltene Wanderung an, und zwar nach einem Plane, welcher außer den Hauptpunkten des Berner Oberlandes mir besondere, weniger betretene Pfade durch die Alpenwelt anwies. Ich verfuhr hierbei ziemlich gründlich, indem ich z.B. im Berner Oberland auch das damals noch beschwerliche »Faulhorn« besuchte. Was Eva Rieger und Hiltrud Schroeder an Informationen über den Schweizer Tourismus zur Zeit Wagners zusammengetragen haben, über die Art zu Reisen, damals, die völlig anders war als heute, gehört zum Interessantesten des Buches. Auch, was sie über die Hotellerie, und über Wasser-, Luft- und Molkekuren jener Zeit herausgefunden haben. Der notorisch kränkelnde Wagner hat ja oft gekurt, ebenso seine nicht minder kränkliche Frau Minna. Doch die praktischen Reisetips für alle Leser, die sich auf die Spuren Wagners begeben wollen, sind von sehr unterschiedlichem Informationsgehalt. Zwei lange Lebensabschnitte verbrachte der wegen seiner aktiven Teilnahme an der Dresdner Revolution 1849 steckbrieflich gesuchte Komponist Richard Wagner in der Schweiz, neun Jahre im Zürcher Exil, und dann, von 1859 bis 65 abwechselnd in Luzern, bei Zürich und in Genf, schließlich von 1868 bis 1872 in Tribschen am Vierwaldstädter See. Ein Großteil seines Oeuvres entstand in der Schweiz. - Die szenische „Ring“-Phantasie Wagners wurde im Appenzeller Ländchen und am Hohen Säntis, am Julier-Paß, auf dem Rosegg-Gletscher und auf dem Rütli inspiriert. Den „Tristan“ begann Wagner in Zürich zu schreiben. Er vollendete ihn in Venedig und in Luzern. Von Anfang an hatte ihm die Schweiz über alle Maßen gefallen, kaum dass er Schweizer Boden betreten hatte, wie er Schwager Hermann Brockhaus in Leipzig in einem Brief von 1851 bekannte: Nie habe ich mich noch in meinem ganzen Leben so glücklich und heiter gefühlt, als im Som-mer 1849 in der herrlichen Schweiz: ich gestehe, dass selbst meine ernstliche Sorge um meine Frau nicht das Wohlgefühl in mir ersticken konnte, das mich andauernd beseelte. Eva Rieger und Hiltrud Schroeder haben mit ihrem Buch über Wagners Wanderungen in der Schweiz ein reizvolles Thema angeschnitten, das aber bereits von Verena Naegeli und Sibylle Ehrismann in einer Zürcher Ausstellung, die auch in Bayreuth gezeigt wurde in diesem Jahr sehr anschaulich bearbeitet wurde. Ganz davon abgesehen, dass bereist 1934 Max Fehr ein großes, zweibändiges, umfassendes Buch geschrieben hat über „Richard Wagners Schweizer Zeit“. Kein Grund, nicht noch einmal, mit dem Wissen von heute und mit aktuellen Hinweisen und Informationen sich des Themas anzunehmen. Aber leider haben es sich die „Seniorinnen“, als die sie sich selbst bezeichnen, etwas einfach gemacht mit dem Protokoll ihrer alpentouristischen Reise. Sie haben zwar eine historische Schweiz-Faltkarte der Wagner-Zeit beigefügt, aber nicht seine Wanderrouten hervorgehoben. Auch haben sie ihr Buch mit historischen Stichen und Lithographien bebildert, die sie im Wagner-Archiv Bayreuth ausfindig machten. Doch auf die Gegenüberstellung heutiger Photographien, aus denen die Diskrepanz zwischen gestern und heute, Ideal und Wirklichkeit erkennbar würde, haben sie verzichtet. Auch hätte man eine etwas übersichtlichere Auflistung der Reiserouten, Verkehrsmittel und Unterkünfte mitsamt Preisen erwarten dürfen, so wie es in jedem Reise-führer üblich ist. Schließlich werben die Autorinnen damit, den Leser zum Nachwandern ani-mieren zu wollen. Aber das sind Verbesserungsvorschläge, die vielleicht in einer Neuauflage berücksichtigt werden können. Immerhin haben Eva Rieger und Hiltrud Schroeder aber einmal das ganze Material zusammengetragen und verdeutlicht, was Wagners Wanderungen in der Schweiz für ihn und sein Werk bedeuteten. Cosima hat es in ihren Tagebuch-aufzeichnungen am 8. März 1879 notiert, und aus ihren Notizen leitet sich auch der Titel des Buch es ab: Gestern sprach er über die Alpen, die erhabene Ruhe der Vegetationslosigkeit: »Wo noch ein Grashalm wächst, ist die Möglichkeit für Goethe und Schiller da; aber wo bloß Stein ist, da ist Ruhe, das ist der Platz für Götter.«
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