Dieter David Scholz

MDR, „Figaro Spezial“ zu Wolfgang Wagners Abschied


EIN PATRIARCH TRITT AB

Moderatorengespräch mit Bernd-Uwe-Schekauski
zu Wolfgang Wagners Verabschiedung am 28.08.2008

 

Schekauski: Herr Scholz, Wolfgang Wagner eilt der Ruf voraus, ein dickschädeliger Patriarch zu sein, der  nicht mit sich spassen läßt, wenn es um die Familie und seine Macht auf dem Hügel geht. Stimmt das? War er der Clan-Chef, als der er gilt.

Scholz: Wolfgang Wagner ist immer ein fränkischer Dickschädel und ein ausgemachter Patriarch  gewesen, im Grunde ganz wie sein sächsischer Großvater Richard. Er war auch immer ein Familienmensch, auch das hat er vom Großvater. Und er hat sich nie die Butter vom Brot nehmen lassen. Wolfgang Wagner ist zäh, hartnäckig, zielstrebig und mit allen Wassern ge­waschen, ein ausgekochter Fuchs, der noch immer erreicht hat, as er wollte. Und die ganze Nachfolger-Findungs-Prozeder, die ja schon seit dem Jahre 2001 andauert, hat ja gezeigt, dass er keinen Trick scheut und dass es ihm nicht an Schläue fehlt, seine Geschäfts- und Familien­interessen durchzusetzen. Wie er zunächst seine zweite Ehefrau Gudrun zu seiner rechten Hand machte, wie er seine Kinder aus erster Ehe aus dem Laden warf, sich auch die übrige Familie vom Halse hielt und wie er die Karriere seiner Tochter Katharina geschickt lancierte, bis hin zu ihrer ersten Inszenierung am Grünen Hügel und zur Einsetzung Katharinas als Geschäftsführerin der BF Medien GmbH, das zeigt doch dass seine Drachen- um nicht zu sagen Fafner –Natur darin besteht, nach dem Motto zu handeln „Ich lieg und Besitz“. Und gewissermaßen zu seinem Besitz rechnet er auch die Übernahme und Fortsetzung seines Amtes durch seine beiden Töchter Katharina und Eva. Und bei seinem Tempe­rament muss man sogar damit rechnen, dass er womöglich im letzten Augenblick den Rücktritt von seinem Rücktritt erklärt, falls seiner Wunschvorstellung bei der Besetzung seines Nachfolgers im Amt des Festspielleiters nicht entsprochen wird. 

Schekauski: 57 Jahre leitet Wolfgang Wagner die Geschicke der Bayreuther Festspiele, davon 42 Jahre in alleiniger Verantwortung. Er hat in dieser Zeit 12 Eigene Inszenierungen     vorgestellt. Mit fast 450 Aufführungen. Wie waren seine Inszenierungen? Welchen Stel-lenwert hat Wolfgang Wagner als Regisseur, wie ist er als Künstler zu beurteilen?

Scholz: Wolfgang Wagner stand künstlerisch von Anfang an im Schatten seines Bruders Wie­land. Das war ihm auch völlig klar. Er hat das mit Fassung getragen. Und daran nicht gerüttelt. Ich glaube, er hat sich in dieser Hinsicht auch nie als Konkurrent seines Bruders gefühlt, denn seine Domäne war einfach immer die organisatorische Arbeit hinter den Kulissen. Die beiden Brüder hatten sich ja abgesprochen, dass nach einem ersten Durchgang aller Werke durch Wieland auch Wolf­gang alles nach und nach neu inszenieren würde. Später hat Wolfgang ja dann nur sporadisch inszeniert. Während Wieland aus damaliger Sicht kühne Abstraktion und provozierende „Entrümpelung“ betrieb, wie man das damals nannte, und als Bühnenbildner den Anschluß an die Moderne Picassos, Mondrians und Henry Moores suchte, hat Wolfgang dann doch eher werktreue Umsetzungen auf die Bühne ge-bracht, in zwar modernem Gewand, aber doch oft kunstgewerblich und bieder in der Optik. Er hatte allerdings einen Hang zu technischem Raffinement. So hat er beispielsweise ins einem ersten „Ring“ die Weltenscheibe seines Bruders, die Wielandsche „Kochplatte“, wie sie genannt wurde, vertikal aufgefächert. Das hat damals großen Eindruck gemacht. Und auch später hat er immer wieder gerne mit technischen Überraschungen Eindruck gemacht. Beispielsweise in seinem ersten Parsifal 1975, der ein Wunder an Verwandlung von Natur in Architektur war. Aber Wolfgang hat nie Experimente gemacht oder provoziert. Dazu hatte er immer zu viel Respekt und Hochachtung vor dem Werk seines Grossvaters.  Handwerklich war er übrigens perfekt. Er hat das Regie­handwerk ja auch von der Pieke auf gelernt an der Berliner Staatsoper. Und natürlich kannte er das Werk seines Großvaters wie kein Anderer. Aber neue Impulse sind von seinen Insze­nierungen, die meist von der Presse gescholten wurden, im Grunde nie ausgegangen. Allerdings hat er in seinen späten Inszenierungen immer wieder mal in einzelnen Szenen oder bei einzelnen Figuren Staunen gemacht. Beispielsweise hat er in seinen realistischen Meister­singen von 1981 zum ersten Mal die Figur des Beck-messers von allen Klischees einer Juden­karikatur befreit, wie man das nie vorher erlebt hat. Mit Hemann Prey stand ihm da allerdings auch in hochintelligenter Interpret zur Sänger-Schauspieler zur Verfügung.

 

Schekauski: Den Löwenanteil der Inszenierungen haben in Wolfgang Wagners Ära Gast-regisseure am Grünen Hügel bestritten. Es waren sehr unterschiedliche Handschriften, die    man in Bayreuth in Augenschein nehmen konnte. Hat Wolfgang Wagner immer die  richtige Leute zur richtigen Zeit nach Bayreuth geholt?

Scholz: Kein Intendant holt immer nur die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt. Aber Wolfgang hat doch in seiner alleinigen Verantwortung seit 1966 immer wieder für aufsehen-erregende Glücksfälle gesorgt, indem er,  um nur ein paar Beispiele zu nennen, Jean-Pierre Ponnelle für einen der opulenteste „Tristane“ geholt hat, Patrice Chéreau für einen „Ring“, der geradezu  ein Jahrhundert-Kultstück wurde, er hat 1972 Götz Friedrich für einen sozialistisch angehauchten „Tannhäuser“ engagiert, der zu einem Eklat führte, über den die Opernwelt sprach, er hat den Filmemacher Werner Herzog zu einem traumhaften „Lohengrin“ geholt. Auch Harry Kupfers „Holländer“ von 1978 wird man nicht vergessen. Das sind nur einige Beispiele. Dazwischen gab es natürlich auch viel Leerlauf.

In der langen Zeit Wolfgang Wagners als Leiter der Festspiele, in der er Neubayreuth in eine Werkstatt verwandelte, in der fortwährend an Inszenierungen gearbeitet, gefeilt und verbes-sert wurde, ist natürlich nicht alles Gold gewesen, was am Grünen Hügel glänzte, weder in-szenatorisch, sängerisch noch  dirigentisch. Da ist viel ausprobiert und ausgewechselt worden. Viele Unberufene, Leute die nicht vom Fach waren und wenig von Wagner verstanden,  ha-ben dort arbeiten dürfen. Das war bis Anfang der Siebzigerjahre noch anders, damals waren nur die Besten der Besten in Bayreuth. Und längst haben die Bayreuther Festspiel-Produk-tionen  nicht mehr Modellcharakter. Die interessanteren Wagneraufführungen sieht und hört man seit langem anderswo als in Bayreuth. Erst in den letzten Jahren hat Wolfgang, womög-lich unter dem Einfluss seiner Tochter Katharina, den Anschluss an den Zeitgeist gesucht und Leute wie Marthaler und Schlingensief und Herheim geholt. Das sind spektakuläre Produktio-nen geworden, sängerisch allerdings eher durchwachsen. Und das Dirigentenproblem ist bis heute nicht befriedigend gelöst am Grünen Hügel. Es ist wirklich an der Zeit, dass dort ein Paradigmen- und ein Führungs-Personalwechsel stattfindet.

Schekauski: Wie ging der Patriarch eigentlich mit seinen Künstlern und Mitarbeitern um?

Scholz: Der Umgang Wolfgang Wagners mit seien Mitabeitern und Künstlern gehört sicher-lich zu seinen rühmlichsten Seiten. Er hat seine Künstler auf Händen getragen, wenn sie sei-nem Willen gefolgt sind, das muss man einschränken, sonst konnte er unangenehm werden. Aber das muss ein Operndirektor wohl auch. Seinen Mitarbeitern hat er über viele Jahre die Treue gehalten. Wenn sie nicht gegen ihn aufbegehrten. Wolfgangs Künstler konnten sich immer seiner absoluten Loyalität und Unterstützung sicher sein. Wenn er einmal eine Ent-scheidung getroffen hat, hat er sie gegen den Rest der Welt verteidigt. Die Buh-Orkane des Publikums konnten so laut sein, wie sie wollten, die Presseschelte so vernichtend wie nur denkbar: Wolfgang Wagner hat  sich immer rückhaltlos hinter seine Künstler gestellt. Und er hat sie geschützt. Allerdings hat er ihnen auch abverlangt, für ein besseres Taschengeld in Bayreuth zu singen, zu dirigieren und zu inszenieren. Aber nicht zuletzt deshalb konnte er die Eintritts­preise so billig halten, wie in kaum einem anderen vergleichbaren Festival. Und das war ganz im Sinne Richard Wagners.

Schekauski: Herr Scholz, Sie gehen seit vielen Jahren in Bayreuth ein und aus wie kaum ein anderer Journalist. Sie kennen Wolfgang Wagner gut. Wie haben Sie ihn denn im persön-lichen Umgang erlebt?

Scholz: Wolfgang Wagner ist immer von entwaffnender Natürlichkeit und Unkompliziertheit gewe­sen. Man konnte mit ihm unter vier Augen über alles reden, er hatte keinerlei Berüh-rungsangst, hatte keinerlei Dünkel oder Autoritätsprobleme. Er hatte bis vor kurzem jedenfalls ein beneidenswertes Gedächtnis, konnte unglaublich schlagfertig sein - und das in seinem hemdsärmelig fränkische Bauerntonfall, für den er berühmt ist. Und wenn man sein Vertrauen gewonnen hatte, dann hat er einem auch Dinge anvertraut, die einem andere Intendanten nie gesagt hätten, und er war dann von großer Herzlichkeit und Großzügigkeit. Wie gesagt, wenn er einem vertraute. Das war die Voraussetzung. Wehe wenn man ihn verletzte, dann wurde er ungemütlich. Und dann war  er wie ein Elefant: Er hat niemals etwas vergessen. -

Und wenn ich in der Vergangenheitsform rede, dann deshalb, weil seit einigen Jahren seine Frau Gudrun ihn immer mehr unter Kontrolle gehalten und aus dem Blickfeld gezogen, fast möchte man sagen, entmachtet hat und niemanden mehr an ihn  heran liess. Insofern war es kein Wunder, dass er nach ihrem plötzlichen Tod geradezu auflebte und neuen Aktivismus entfaltete, sogar den, von seiner Leitung zurückzutreten.

Schekauski: Wolfgang Wagner stand immer im Schatten seines berühmteren Bruders Wieland. Wieland galt als der begabtere Künstler/Regisseur. Seine Inszenierungen haben Theatergeschichte gemacht. Alle sprachen damals und auch in der Rückschau immer nur       von Wielands herausragenden Leistungen.  Was war denn die Leistung Wolfgangs             damals, als die Festspiele sich ab 1951 wieder etablierten?

Scholz: Wolfgang Wagner hat lange bevor man 1951 die Festspiele wiedereröffnen konnte, dafür gesorgt, dass man sie wieder eröffnen konnte, während sein Bruder Wieland am Bo-densee Bühnenbilder bastelte und sich Inszenierungsvisionen ausdachte.Wolfgang Wagner hat sich schon wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aufgemacht, die nötigen finanziellen Voraussetzungen eines Neuanfangs in Bayreuth zu schaffen. Er ist auf dem Mo-torrad durch Deutschland gefahren, um bei den wich­tigen Stellen in Politik, Kultur und Industrie für Wagner und Bayreuth zu werben, um verständlicheVorurteile abzubauen und Sponsoren zu gewinnen, um bürokratische Hindernisse aus dem Weg zu räumen und Public Relation zu betreiben. Und das ist ihm mit großem Erfolg gelungen.   

Der Start „Neubayreuths“ war dann ein überragender Erfolg. Mit dem jungen Herbert von Karajan, mit Hans Knappertsbusch, mit André Cluytens und Karl Böhm, mit Rudolf Kempe und Eugen Jochum hatte man einige der besten Dirigenten der Zeit engagiert.  Angeführt von Astrid Varnay, Martha Mödl und Birgit Nilsson hatte man damals eine ganze Riege ausdrucksstarker Sängerpersönlichkeiten zur Verfügung, die einen unverwechselbaren Stamm charaktervoller Sängerdarsteller bildeten. Sie gaben den Aufführungen der Bayreuther Fest-spiele Unverwechselbarkeit und Einmaligkeit.  Und das immerhin über zwei Jahrzehnte zu sichern und auf Niveau zu halten, auch seinem Bruder und überhaupt den künstlerischen Vorgängen den Rücken freizuhalten und die Basis zu sichern, das gehört ohne Frage zu seinen besonderen Verdiensten.

Schekauski: Wolfgang Wagner ist bzw. war der dienstälteste Theaterimpresario der Welt. Wie  war er als Intendant und Theaterdirektor? Was hat Bayreuth ihm zu verdanken?

Scholz: Bayreuth stünde heute nicht so da, wie es da steht, ohne Wolfgang Wagner. Er hat Bayreuth zu dem gemacht, was es heute ist. Er hat es nach 1945 wieder aufgebaut, er hat dann in den Siebzigerjahren, als die Festspiele etabliert waren, sich maßgeblich für die Schaf-fung einer Richard Wagner-Stiftung engagiert und zu diesem Zwecke die miteinander ver-feindeten Mitglieder der großen Familie an einen Tisch zu holen vermocht. Das ist schon etwas! Damit hat er die Zukunft der Festspiele und das Wagnerarchivs über seine Zeit hinaus gesichert, aber auch den Wiederaufbau des kriegszerstörten Hauses Wahnfried - heute Richard Wagner-Museum – ermöglicht. Und er hat damit jedwedes Auseinanderfallen des Wagnererbes durch Familienstreitereien unterbunden. Er hat aber auch konsequent ein bau-fälliges Provisorium, das Festspielhaus, zu einem mit dem neusten Stand der Technik aus-gerüsteten Theatergebäude saniert. Bei aller Kritik, die Wolfgang Wagner für seine eigenen Inszenierungen immer wieder einstecken mußte, bei aller Unzufriedenheit, über seine Beset-zungsstrategien der letzten 25 Jahre und allem Missmut über seine patriarchalische Haus-politik, ist die Bilanz seines langen Lebens für Bayreuth unter dem Strich imposant. Und bis heute sind jedes Jahr die Festspiele zehnfach überbucht,. Von so einem Ansturm, so einer Platzausnutzung können andere Theaterdirektoren nur träumen.

Schekauski: Welche Rolle hat Wolfgang Wagners zweite Frau, Gudrun gespielt? Wie gross war   ihr Einfluss? War sie wirklich die „heimliche Herrin“ von Bayreuth in den letzten        Jahren?

Scholz: Dieses Kapitel gehört nun leider zu den unerfreulichsten Seiten seiner langen Inten-danzzeit, dass er sich in denn letzten dreissig Jahren zunehmend unter den Pantoffel seiner Frau begab, die von kalter Herrschsucht und von Ehrgeiz beseelt war. Sie hatte es  erreicht, dass alles nur über ihren Schreibtisch ging. Sie war im Grunde die heimliche Intendantin, jeder wusste das, der Bayreuth näher kannte. Und sie hat ja schließlich auch zum ersten Mal in der Geschichte des Nachkriegsbayreuths ein gewaltiges Defizit in der Kasse zu verantworten. Sie war auch im persönlichen Umgang nicht angenehm. Sie war gefürchtet und viel gehasst. Dass Wolfgang Wagner in Bezug auf seine Frau blind war und für jegliche Kritik unzugänglich, ge-hört zu seinen bedauernswertesten Fehlern. Übrigens war es auch Gudrun, die die Kinder ihrer Vorgängerin, also Wolfgangs erster Ehefrau, aus dem Haus geekelt um hat und eine Annäherung der verfeindeten Wieland- und Wolfgang-Kinder strikt unterbunden hat. Ihr Ziel war es, dass ihre Tochter Katharina um jeden Preis Wolfgangs Nachfolgerin wird und sie hat alles daran gesetzt, um dieses Ziel zu befördern. Dass sie vor etwa einem Jahr so plötzlich und unerwartet starb, gehört zu den Rätseln der Bayreuther Festspielgeschichte. Immerhin hat sie durch ihren Tod  tragischerweise - man könnte auch sagen ironischerweise - den Weg frei gemacht für eine Annäherung Katharinas und Evas und damit ihrer Tochter Katharina den größten Dienst erwiesen, den sie ihr erweisen konnte, denn ohne Evas Beistand hätte Katha-rina beim Stiftungsrat keine Chancen gehabt, ihres Vaters Nachfolgerin zu werden..

 

Schekauski: Man sagt immer, Wolfgang Wagner habe die Aufarbeitung der Nazigeschichte Bayreuths blockiert und verhindert. Stimmt das eigentlich?

Scholz: Ich kann nur sagen, dass die Vertreter der Wieland-Familie, also die Erben Wieland Wagners weit mehr Briefe, Tagebücher und brisante Dokumente unter Verschluss halten und verheimlichen als Wolfgang es je getan hat. Ich habe ja selbst über Wagners Antisemitismus geforscht und auch sehr viel unappetitliche Nazigeschichte bearbeitet in Bayreuth. Ich kann nur sagen, dass mir in den dortigen Archiven nichts, aber auch gar nichts vorenthalten wurde. Im Gegenteil. Auch und gerade Wolfgang Wagner, das muss ich einfach so sagen, hat meine Forschungen damals sehr befördert und gutgeheissen. Ausserdem hat er sich ja sehr früh von seiner nationalsozialistischen Mutter distanziert. Und – auch das möchte ich betonen - ohne seine Anregungen und seine Offenheit hätte die Historikerin Brigitte Hamann vor fünf Jahren nicht das entlarvende  und wegweisende Buch über „Winifred Wagner und Hitlers Bayreuth“ schreiben können. Er hat ihr keinerlei Steine in den Weg gelegt, er hat ihr sogar geholfen. Das hat sie mir selbst erzählt. Und Brigitte Hamann hat ja schließlich auch herausgefunden und dokumentiert, dass Wieland Wagner der Obernazi von Bayreuth war, nicht Wolfgang. Wie-land stand unter persönlichem Schutz Hitlers, er sollte nach dessen Willen Festspielleiter wer-den, er wurde vom Kriegsdienst freigestellt, Wolfgang musste an die Front und zog sich le-benslange Behinderungen zu. Also Wolfgang hatte gar keinen persönlichen Grund die Nazi-vergangenheit zu verschweigen. Wieland hatte viel mehr Grund dazu. Aber er hat sich nie dazu bekannt, dass er Hitler-Protegée war und als Leiter einer Aussenstelle eines KZs die Kriegszeiten überlebte und bühnentechnische Experimente anstellte. Er hat sich der Entnazi-fizierung entzogen. Für ihn war das Thema Drittes Reich Tabu. Und spielte sich als Sauber-mann auf. So ist die Sachlage.

Man darf übrigens nicht vergessen, dass Wolfgag Wagner im Vollbesitz seiner Zurechnungs-fähigkeit die Meistersingerinszenierung Katharinas und die Parsifalinszenierung Stefan Her-heims eingekauft hat, in denen ja unmissverständlich mit der Nazivergangenheit in Bayreuth auf der Bühne abgerechnet wird. Im Übrige ist die Geschichte Bayreuths im Dritten Reich doch längst wissenschaftlich, publizistisch aufgearbeitet worden. Da gibt es keine weissen Flecken mehr.

Schekauski: Eine Epoche Bayreuther Festspielgeschichte geht zu Ende mit der Verab-schiedung Wolfgang Wagners. Egal wer Bayreuths Zukunft bestimmen wird. Was wird Bayreuth fehlen, wenn Wolfgang Wagner nicht mehr da ist?   Hat er Bayreuth einen unver-wechselbaren Stempel aufgedrückt? Oder wird er schnell vergessen sein?

Scholz: Bei allen Skandalen, Mißerfolgen und aller Kritik an Wolfgang patriarchalischem Auftreten und seiner künstlerischer Leitung, in der in den letzten Jahren Anzeichen von Er-starrung, ja Stagnation erkennbar sind: Seine Lebensleistung ist respektgebietend. Seine Kompetenz in Sachen Finanzen, Technik, Organisation, Sponsoring, Management, kom-plizierter Rechtsfragen und künstlerischer Leitung, sein legerer, väterlicher Führungsstil, seine Unkompliziertheit im Umgang mit Künstlern, Angestellten und Gesprächspartnern gleich welcher Couleur sind beeindruckend. So etwas wird es wohl nicht mehr geben in Zukunft. Er ist ganz gewiß der letzte patriarchalische Dinosaurier unter den Theaterdirektoren und Fest-spielunternehmern. Und keiner seiner Nachfolger wird mehr einen Vertrag auf Lebenszeit bekommen. Das ist auch gut so. Sicher wird vieles ganz anders werden im zukünftigen Bay-reuth. Dennoch wird Bayreuth für die Wagnerianer das Mekka bleiben, das es von je ist, schon wegen des authentisches Aufführungsortes und seiner Aura. Aber der Führungsstil, die Aussendarstellung werden sich ändern, die Kartenpreise werden steigen, die Künstlergagen auch. Was das für Folgen haben wird, ist nicht abzusehen.

Es ist zu hoffen, dass die Festspiele wieder eine Vorreiterrolle in Sachen Wagner erreichen, eine deutliche Steigerung ihrer künstlerischen Qualität und den Anschluß an den internatio-nalen Standard finden. Und ich glaube, es ist wirklich an der Zeit, dass die sippenartige Gschäftlhuberei Wolfgang Wagners jetzt zuende geht. Insofern wäre eine Nachfolgelösung ausserhalb der Familie im Grunde wünschenswert. Es steht allerdings zu befürchten, dass der Stiftungsrat – der sich ja seit Jahren Wolfgang Wagners Diktat und Erpressungen beugte - nicht den Mut und den Willen hat zu einem radikalen Neuanfang. Er favorisiert eine dy-nastische Nachfolgeregelung aus dem Wolfgang-Stamm.