Dieter David Scholz

Richard Wagners Antisemitismus. Jahrhundertgenie im Zwielicht. Eine Korrektur. 191 S., Parthas Verlag. Erweiterte Neuauflage 2000.

Leseprobe

Vorwort

Daß die Dialektik der Aufklärung Mythen stiften und Vorurteile in die Welt setzen kann, hat sich gerade im Falle Wagners erwiesen. Es versteht sich von selbst, daß nach dem Holocaust unmöglich über Wagners Antisemitismus reflektiert werden kann, ohne nicht auch immer Hitlers Wagnerismus und Antisemitismus mitzubedenken. Dennoch ist es ein Irrtum, zu glau-ben, es führe ein direkter Weg von Wagner zu Hitler oder gar, Wagners Antisemitismus habe den Hitlerschen vorweggenommen bzw. vorbereitet, wie die Nationalsozialisten behaupteten.

Die Geschichte der Wagner-Rezeption, die Geschichte der Wagner-Literatur ist voll von entstellenden Vereinfachungen, von ideologischen Hilfskonstruktionen, von biographischen Verrückungen, philologischen Verzerrungen, Ausblendungen von Unliebsamem und von Miß-verständnissen, um nicht zu sagen Vorurteilen, die sich offenbar hartnäckig jeder Korrektur, jeder sachlichen Klarstellung widersetzen, trotz inzwischen vorliegender gegenteiliger Erkenntnisse und Fakten der Wagnerforschung. Nun wissen wir aus der Geschichte, daß alle Vernunft und Aufklärung versagt, wo Ideologien und politische Interessen, Emotionen und Leidenschaften, Identifikationsbedürfnisse und Fanatisierungsprozesse das Sagen haben. Das trifft nicht nur, aber eben auch und ganz besonders im Falle Wagners zu!

Ziel dieses Buches ist es, das vor allem durch die Optik des Nationalsozialismus nachhaltig verfälschte Wagnerbild zu korrigieren, historische Mißverständnisse zu klären und wirkungs-geschichtliche Vorurteile aus der Welt zu räumen, soweit dies kraft sachlicher Argumente möglich ist. Die entscheidenden Fragen konzentrieren sich dabei auf den unleugbaren Wagnerschen Antisemitismus in seinen musikdramatischen und theoretischen sowie privaten Äußerungen. Als oberstes Gebot habe ich das Bemühen um historisches Verständnis betrachtet, so wie es der israelische Historiker Jakob Katz in seiner, wenn auch nur einen Ausschnitt des Problemfelds behandelnden, dennoch wegweisenden Arbeit fordert: "Die Beachtung der chronologischen Reihenfolge in der Darstellung und Deutung der Ereignisse ist die erste Pflicht des Historikers, die auch in diesem Fall unter Überwindung der verständlichen Widerstände streng einzuhalten ist."[1]

 

Daß es einem Stich ins Wespennest gleicht, sich mit dem heiklen und beklemmenden Thema des deutschen - speziell des Wagnerschen - Antisemitismus zu befassen, zumal es gilt, sich zwischen extrem polarisierten Standpunkten zu bewegen, versteht sich von selbst. Die konträren Pressereaktionen auf die Erstausgabe dieses Buches vor sieben Jahren haben es veranschaulicht. Die Rezensentin der Berliner TAZ demonstrierte nur einmal mehr, wie sie genau jenen für sie anscheinend unverrückbaren Vorurteilen auf den Leim ging, deren Infra-gestellung das Thema meines Buches sind. Die Süddeutsche Zeitung dagegen druckte den überschwänglichsten der vielen Zusprüche, die das Buch erhielt. Die gutgemeinte Schlußforderung des Rezensenten allerdings, daß der Schlußsatz meines Buches „das letzte Wort in der Debatte“ sein solle, bleibt sein frommer Wunsch und mehr als nur fraglich. Daß mich die in den vergangenen Jahren anberaumten Symposien zu Wagners Antsemitismus in Bayreuth und in Schloß Elmau schlichtweg ignorierten, zeigt nur die ideologisch aufgeladenen und verhärteten Fronten in der aktuellen Wagnerdebatte, in der ein sachlicher, unparteiischer Standpunkt – aus welchen Interessen heraus auch immer - offenbar nicht gewünscht wird.

Ich gebe mich keineswegs der Illusion hin, daß die Debatte um Richard Wagner mit dieser Arbeit abgeschlossen sein wird. Wenn es mir aber gelungen ist, deutlich zu machen, daß Wagners musikdramatisches Werk frei ist von jeglichem Antisemitismus, daß der Wagnersche Antisemitismus (der hier nicht im geringsten geleugnet noch zähneknirschend verharmlost oder bagatellisiert werden soll, wie Christian Niemeyer anmaßend in einem unsachlichen Aufsatz in den Nietzsche-Studien behauptete) sich grundlegend unterscheidet vom Rassenantisemitismus eines de Lagarde, Dühring oder gar Hitler und daß die nationalsozialistische Berufung auf Wagner auf eigentlichem Unverständnis Wagners beruht und nur als Mißbrauch bezeichnet werden kann, zumal sich der nationalsozialistische Antisemitismus wesentlich aus ganz anderen Quellen speist, wie zu zeigen sein wird, dann ist der Zweck meines Buches erreicht. Vielleicht gelingt es mir, wenigstens einige der postnationalsozialistischen Wagner-Vorurteile abzubauen, um so einer Versachlichung des Themas den Boden zu bereiten. Der Sysiphosarbeit solchen Vorhabens bin ich mir selbstverständlich bewußt.

Walter Levin, der sowohl in jüdischer Tradition als auch in früher Kenntnis der Wagnerschen Werke aufgewachsene Gründer des Lasalle-Quartetts, mit dem ich noch unlängst sehr anregende Gespräche über das Thema dieses Buches führte, hat das Problem auf den Punkt gebracht: „Im Amerikanischen sagt man: ‚Don´t bother me with the facts, my mind is made up!‘ Die Fakten interessieren bei einem Vorurteil überhaupt nicht. Das Vorurteil dient einem ganz anderen ideologischen Zweck und es braucht die Konstruktion dessen, was mit Ruhe  besehen zwar falsch ist, aber es nützt dem Zweck, den man verfolgt. Und so werden diese ideologisch begründeten Vorurteile immerfort tradiert und werden unbesehen auch immer weiter übernommen vom Einen zum Andern. Die meisten Wagnerbücher, die geschrieben werden sind ja eigentlich Abschriften zusammengesuchten Zeugs aus anderen Büchern.“

 

Dieses Buch ist das Ergebnis langjähriger wissenschaftlicher Beschäftigung mit der Person und dem Werk Richard Wagners, aber auch zahlreicher Gespräche und Auseinandersetzungen über Wagners Antisemitismus und seine Folgen.

Die Erstfassung des Buches basierte auf meiner Berliner Dissertationsschrift an der Technischen Universität Berlin 1992 und erschien ein Jahr später als selbständige Ver-öffentlichung, die schnell vergriffen war. Das Thema dieser Neuausgabe des Buches hat aller-dings, wie die nach wie vor polarisierte, in verhärteten Fronten verharrende Wagnerdebatte zeigt, nichts an Aktualität eingebüßt. Im Gegenteil: meine Grundthese, daß im Falle Wagners vor allem Mißverständnisse und Vorurteile repetiert, anstatt mit zunehmendem Erkennt-nisgewinn der Wagnerforschung abgebaut werden, hat sich auch in den zurückliegenden 7 Jahren nur bestätigt. Selbstverständlich habe ich das Buch gründlich überarbeitet, aktualisiert und auf den neusten Stand der Forschung und Literatur gebracht.

Dank noch einmal an alle streitbaren Gesprächs- und briefliche Konversationspartner, darun-ter besonders herzlichen Dank an Prof. Dr. Dénes Zoltai (Budapest), Walter Levin (USA), Prof. Dr. Jacob Katz (Israel) und an zwei getreue Freunde für anregende Debatten und viel-fältige Unterstützung: Kamillus Dreimüller, dem ich auch wertvolle Literaturhinweise verdanke, sowie Prof. Dr. Ingo Kowarik, ohne dessen Ermunterung diese Arbeit wohl kaum zustande gekommen wäre.

Zu danken habe ich nach wie vor dem ehemaligen Leiter der Richard-Wagner-Gedenkstätte Bayreuth, Herrn Dr. Manfred Eger und dem Bibliothekar des Archivs, Herrn Günter Fischer. Er hat mir in ungewöhnlicher Hilfsbereitschaft alles verfügbare Material des Bayreuther Wag-ner-Archivs zugänglich gemacht. Nicht zuletzt danke ich Prof. Dr. Peter Wapnewski und Prof. Dr. Norbert Miller sowie dem engagierten Verleger alter Schule Horst Wandrey.

Berlin, im Februar 2000                                                                      Dieter David Scholz


[1] Jacob Katz: Richard Wagner, Vorbote des Antisemitismus, Königstein/Ts. 1985, S. 13.