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Dieter
David Scholz
Richard Wagners Antisemitismus. Jahrhundertgenie im
Zwielicht. Eine Korrektur.
191 S., Parthas Verlag. Erweiterte Neuauflage 2000.
Rezensionen
Es
kommt auf anderes an als auf Racenstärke
Freispruch für Richard Wagner
- vom Vorwurf des Antisemitismus
DIETER
DAVID SCHOLZ: Richard Wagners Antisemitismus
- Epistemata (Würzburger Wissenschaftliche Schriften, Reihe
Literaturwissenschaft, Band 95), Verlag Königshausen und Neumann. Würzburg
1993, 218 S., DM 44 Mark
Nicht
der Welteroberer, sondern der Weltüberwinder sei die größte Erscheinung
der Welt-geschichte, sagte Schopenhauer. Wagners Parsifal,
sein am tiefsten vom Philosophen des Mitleids und der Verneinung des
Willens zum Leben geprägtes Werk, ist eine doppelte Zurücknahme:
Parsifal überwindet den Drachentöter Siegfried, aber auch den an seiner
Liebeswunde sterbenden Tristan. Der Anti-Held des „Weltabschiedswerks“
ist ganz aus dem Holz des Schopenhauerschen „Heiligen“ geschnitzt: Er
erlöst die vom Lebenswillen (der nach Schopenhauer in den Genitalien
seinen Brennpunkt hat) stigmatisierten Gestalten Amfortas und Kundry.
Ausgerechnet Parsifal musste sich aber den Vorwurf gefallen lassen, das
letzte Glied einer von dem Antisemiten Richard Wagner planmäßig ins Werk
gesetzten religiös-rassistischen Vernichtungsideologie zu sein.
Die
These Hartmut Zelinskys, zum ersten Mal 1976, zur hundertsten Wiederkehr
der Bayreuther Festspiele präsentiert, beendete eine weitgehend zwischen
Berührungsangst und Verharmlosungstendenz sich bewegende Nachkriegsphase
der literarischen Ausein-an-dersetzung mit Wagners Antisemitismus und
bildete zugleich den Auftakt einer Kontroverse, deren Turbulenzen bis
heute sich nicht gelegt haben. Sie könnte jetzt, falls die Verachtung von
Vernunft und Wissenschaft nicht schon zu weit fortgeschritten ist,
beigelegt werden: In einer vorzüglichen Dissertation hat Dieter David
Scholz das leidige Thema einer umfassenden Untersuchung unterzogen, die
uns die Wagnerliteratur bisher trotz wichtiger Vorarbeiten (Dieter
Borchmeyer, Carl Dahlhaus, Jakob Katz) schuldig blieb.
Scholz
hält sich an die Forderung Hans Mayers: „Wer sich mit Richard Wagner
abgibt, muß sich auf das Ganze einlasen.“ Dieses Ganze meint neben
Wagners dramatischem Werk in seiner musikalisch-verbalen Doppelgestalt
auch den meist zugunsten des Künstlers vernachlässigten Theoretiker, der
wiederum nicht auf den Verfasser des
1850 erschienenen und 1869 neu aufgelegten Pamphlets Das
Judentum in der Musik einzuschränken ist. Zum „Ganzen“ gehört
aber auch die Biographie und das Nachleben: die im Falle Wagners so überaus
unheilvolle, mit dem „Bayreuther Kreis“ aufs engste verknüpfte
Rezeptionsgeschichte. Scholz also lässt auf dieses labyrinthische Ganze
sich ein. Im Gegensatz zu
Zelinsky legt er eine methodisch seriöse Analyse vor.
Ein gutes Stück weit hilft ihm dabei der Ariadnefaden der von der
Forschung noch nicht konsequent ausgewerteten Cosima-Tagebücher.
Cosima
ist freilich eine Helferin wider Willen: Ihr bornierter Antisemitismus
hebt sich deutlich von Wagners Äußerungen ab, die sie gleichwohl
gewissenhaft referiert. Deren Entwicklung führt „weg von einer unversöhnlichen
Judenfeindschaft, hin zu einer versöhnlichen Haltung eines gewissen Verständnisses,
der Anerkennung fast, und des Glaubens an Assimilierung, schließlich zur
Hoffnung auf kulturelle „Regeneration“ im Geiste eines eigenwillig
gedeuteten Christentums, an der auch die Nichtjuden teilzunehmen hätten“.
Ein
wichtiger Beleg für dieses Urteil ist die Bemerkung, die Wagner am
14.2.1881 im Hinblick auf Gobineaus Rassenlehre gegenüber Cosima machte:
„Daß die Menschheit un-tergeht, ist gar keine Unmöglichkeit; nur wenn
man außer Zeit und Raum die Dinge betrachtet, weiß man, dass es auf
etwas anderes ankommt, als auf Racenstärke, gedenkt man des
Evan-geliums.“ Die von Schopenhauer (der in der Abwertung von Zeit und
Raum auch in dieser Äußerung präsent ist) übernommene buddhistische
Auffassung des Christentums bedeutet die Abkehr von Gobineaus Rassismus
und findet im Parsifal ihren künstlerischen
Ausdruck. Er ist Wagners versöhnliches
Schlusswort zu nahezu allen Themen seines Lebens, auch zum Antisemitismus:
„Gobineau sagt, die Germanen waren die letzte Karte, welche die Natur
auszuspielen hatte, Parsifal ist meine letzte Karte.“
Mit
diesem aus Cosimas Tagebüchern gewonnenen Befund, der, wie gesagt, als
Endpunkt eines Entwicklungsprozeses verstanden werden muß, gewinnt die
Untersuchung ihre Evidenz: In Wagners Musikdramen finden sich keine Spuren
des antisemitischen Giftes, und sein Weg als Theoretiker führt zur Absage
an die antisemitische Bewegung. Der Schlusssatz dieser Studie war längst
fällig, er sollte das letzte Wort in der Debatte sein: „Wagners heute
noch durch die Optik Hitlers wahrzunehmen ist wissenschaftlich unhaltbar,
und, wofern gegen bessere Einsicht unternommen, moralisch infam“
Albert
von Schirnding
(Süddeutsche
Zeitung v. 31. Juli 1993)
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Manfred
Eger: Wagner-Hitler-Holocaust?
Mit
Fakten gegen Fiktionen - Zu einem Buch von Dieter David Scholz
Gegen
die Meinung, daß ein gerader Weg von Richard Wagner zu Hitler und zum
Holocaust führt, kämpfen Götter selbst vergebens. Mit der
Beharrlichkeit eines Sisyphus geht Dieter David Scholz in seinem Buch
„Wagners Antisemitismus“ dennoch gegen diesen Irrglauben an. Die erste
Auflage ist 1993 erschienen und entspricht seiner Dissertation, was
umfassende Literatur- und Sachkenntnis, Gründlichkeit und Sachlichkeit in
Urteil und Diktion verspricht - eine Erwartung, die nicht enttäuscht
wurde.. Seit 2000 liegt das Buch in einer überarbeiteten und auf Grund
neuer Forschungsergebnisse aktualisierten Neuausgabe vor. (Parthas Verlag,
Berlin, 191 S.). Es ist das
Vademecum optimum für jeden, der sich ernsthaft mit Wagners Antisemitismus befassen will.
Scholz
will mit diesem Buch das noch immer schiefe, vor allem durch die Optik des
Nationalsozialismus nachhaltig verfälschte Wagnerbild korrigieren,
historische Mißver-ständ-nisse klären und wirkungsgeschichtliche
Vorurteile aus der Welt räumen. Er zieht ein Fazit aus einer Fülle von
Forschungsbeiträgen und Erkenntnissen und gibt einen auf Fakten und
gesicherten Quellen basierenden Überblick über das Thema. Durch eine
scharfe Trennung zwischen biographischen, konzeptionellen (werkimmanenten)
und rezeptionellen (wirkungs-geschichtlichen) Aspekten schafft er eine
wesentliche Voraussetzung für eine klarsichtige Betrachtung und Bewertung
der in der Literatur oft wirr vermanschten Probleme.
Er
verharmlost den Antisemitismus Wagners nicht, er verschweigt auch nicht
die schrillen Ausfälle. Für die 1850 veröffentlichte Broschüre über
„Das Judentum in der Musik“ und deren 1869 erfolgte Wiederveröffentlichung
hat Scholz kritische und
scharfe Worte, wobei er auch die „Verharmlosungsstrategie“ namhafter
Wagnerianer, auch prominenter jüdischer Forscher wie Guido Adler,
anprangert.
Das
Pamphlet machte es den
Ideologen des Dritten Reiches nicht schwer, den Verfasser als pränationalsozialistischen
Muster-Antisemiten zu propagieren. Scholz nennt eine ganze Reihe von
Autoren, die Wagner den politischen Intentionen Hitlers dienstbar gemacht
haben. Daß dieser der Welt glauben machen wollte, er habe Wagner als
seinen Vorläufer empfunden, bezeuge - so Scholz - seinen Größenwahn und
sein Unverständnis. Wenn Zelinsky behauptet, keiner habe die Botschaft
Wagners fanatischer aufgenommen und furchtbarer erfüllt als Hitler, wäre
ihm Brigitte Hamanns Buch „Hitlers Wien“ zu empfehlen, in dem die
Autorin die eigentlichen Wurzeln von Hitlers Judenhaß eingehend bloßgelegt
hat: Sie liegen bei den rüden antisemitischen Politikern und
sektiererischen Hetzern im Wien der Ära vor dem Ersten Weltkrieg,
wie Karl Lueger, Georg von Schönerer oder Lanz von Liebenfels, wo schon
Hakenkreuz und Heilrufe zu Hause waren. Wagner spielte für Hitler nur
insofern eine Rolle, als er leidenschaftlich für seine Opern schwärmte.
Er las auch seine Schriften. Wenn er aber von seinem Antisemitismus
infiziert gewesen wäre, hätte er wohl kaum mit so vielen jüdischen
Bekannten Umgang gepflogen und nicht für Gustav Mahler Partei genommen,
den er als Wagnerdirigenten schätzte und der damals von den Antisemiten
als Jude angefeindet wurde.
Als
Hitler während der Bayreuther Festspiele 1939 seinen Jugendfreund August
Kubizek in Wahnfried empfing und sie auf gemeinsam besuchte Wagneraufführungen
in Linz zu sprechen kamen, rief Hitler: „Damals begann es.“ Diese von
Scholz nicht erwähnte Episode wird oft so interpretiert, als habe Hitler
schon als Pennäler Holocaustpläne geschmiedet. In Wahrheit hat er auf
den „Rienzi“ angespielt., der ihn in Linz zu halbnächtelangen
visionären Monologen über das zündende Beispiel des Volkstribunen
hingerissen hatte.
NS-Prophet
wieder Willen
Daß
Wagner von den Nationalsozialisten
benutzt und zu ihrem Propheten zurechtgestutzt werden konnte, lag vor
allem - wie Scholz ausführt - an Cosima, Houston Stewart Cham-berlain und
ihrem Kreis, die Wagner zum
Religionsgründer eines germanischen, antisemi-ischen, völkischen
Christen- und Deutschtums stilisierten, indem sie wesentliche Elemente in
seinen Schriften
ignorierten, verzerrten oder gar ins Gegenteil verkehrten. Ihr Wagnerismus,
so Scholz,
sei nahtlos übergangen in
die Wagnerexegese der Nationalsozialisten.
Die Usurpation Wagners durch die Ideologen des Dritten Reiches hatte
zwangsläufig zur Folge, daß er nach 1945 nun auch
von der anderen Seite mit
dem Nationalsozialismus und seinen Verbrechen identifiziert wurde. Man
bestrafte Wager dafür, daß er mißbraucht worden war. Teils wurde das
Reizthema mit einem Tabu belegt, verdrängt oder verharmlost. Andere
taten Wagner vollends in Acht
und Bann. Der Autor registriert aber auch Kommentatoren, die das Thema schon früh ohne Scheu, kritisch und ideologiekritisch nach
allen Seiten, unter dem Blickwinkel der jeweiligen historischen
Bedingungen beleuchtet haben, bevor ab 1976 ein neuer Schub abfälliger,
oft polemischer Literatur über Wagners Antisemitismus erschien.
Dutzendweise
führt Scholz Autoren vor - von Adorno über Ludwig Marcuse, Erich Kuby.
Bernd Weßling, Heinz-Klaus Metzger und
Klaus Umbach bis Paul Lawrence Rose - , die Zelinskys fixe Idee von
Wagner als dem Vorläufer des Judenmörderes Hitlers oder von
anti-semitischen Tendenzen in Wagners Musikdramen vorweggenommen oder
nachgebetet haben - Leute, die sich dabei weder durch widersprechende
Fakten noch durch des Fehlen
jeglicher Belege beirren ließen und
lassen, sondern sich mit
einem gleichbleibenden Sortiment von Vorurteilen und Hypothesen begnügen:
Ein Phänomen, vor dem jeder halbwegs intelligente Mensch kapituliert,
wenn er sieht, wie hurtig und blindlings selbst respektable Leute bereit
sind, das zu glauben, was sie glauben wollen, weil ideologische
Scheuklappen ihnen die Sicht nehmen oder weil es
en vogue ist und sich gut verkauft. Scholz ist um seine Contenance
zu beneiden, mit der er manche ihrer Absurdidäten kommentiert.
Kategorisch
sagt der israelische Historiker Jacob Katz, der 1985 eine der - laut
Scholz - „am meisten ernstzunehmenden Arbeiten“ zum
Antisemitismus-Problem Wagners veröffentlicht hat:. Man müsse die
Vergangenheit aus ihren eigenen Gegebenheiten verstehen und sich nicht von
Tendenzen der Gegenwart bestimmen lassen. „Die Deutung Wagners aufgrund
der Gesinnung und der Taten von Nachfahren, die sich mit Wagner
identifizierten, ist ein unerlaubtes Verfahren.“ Und ebenso lapidar
pflichtet Scholz ihm bei: „Wagner heute noch durch die Optik Hitlers
wahrzunehmen, ist wissenschaftlich unhaltbar und, wofern gegen bessere
Einsicht unternommen, auch immer moralisch infam.“

Denn
welche Vorwürfe, die gegen den angeblichen präfaschistischen Antisemiten
Wagner erhoben werden, sind wirklich stichhaltig? Greifen wir einen der
meistbenutzten Angriffs-punkte aus dem Judenpamphlet heraus: Wagner spricht
dort von der „Selbstvernichtung“ der Juden. Damit ist aber - liest man
genau - keine physische Selbsttötung gemeint, sondern die Abkehr von
Denk- und Lebensgewohnheiten, die einer gemeinsamen Erlösung von Juden
und Nichtjuden zu „wahren“ Menschen im Wege stehen, nämlich zu
Menschen, die nicht von Geld- und Vergnügungssucht beherrscht werden.
Dies muß leider noch immer betont werden, weil manche Publizisten alles
aus der Auschwitz-Perspektive beurteilen, was Jacob Katz als „Willkür
einer rückgewandten Interpretation“ verurteilt. Aus guten Gründen
stellt Scholz fest, der Wagnersche Antisemitismus sei zu einem Gutteil
vorgefundener Marxscher Antika-pitalismus.
Was
hat Wagner eigentlich zur Niederschrift seines Pamphlets veranlaßt? Diese
Frage ist von einer fundamentalen kausalen Bedeutung. Scholz beantwortet
sie mit einem Hinweis auf Jacob Katz, der tatsächlich den Kern trifft,
wenn er mit Nachdruck die Hypothese vom Konkurrenzkampf als entscheidende
Ursache des Wagnerschen Antisemitismus verficht. Die Verurteilung
Mendelssohns und Meyerbeers sei nicht aus seiner anti-jüdischen Gesinnung
herzuleiten sei, sondern umgekehrt, seine anti-jüdische Gesinnung werde
erst aus der Rivalität mit den beiden Juden verständlich wird. Dazu
siehe die im Kasten beigefügte Ergänzung:
| „Dieses
verfluchte Geschreibe...“
Bei der Niederschrift
seines Pamphlets ging es gar nicht in erster Linie um die
Judenfrage. Wie gleichgültig sie Wagner
zunächst war, zeigt beispielsweise die Beziehung zu seinem jüdischen
Pariser „Herzensfreund“ Samuel Lehrs und sein Sympathisieren mit
der bürgerlichen Emanzipationsbewegung der dreißiger und vierziger
Jahre. Anlaß war vielmehr ein persönlicher Ärger über den
Pressewirbel, der um den „Propheten“
Meyerbeers gemacht wurde, während Wagner und seine Opern damals
kaum noch erwähnt wurden. Im selben Jahr 1850, in dem Wagner seinen
Aufsatz veröffentlichte,
erschienen in der „Neuen Berliner Musikzeitung“ 120
Artikel und Meldungen, die sich allein auf den “Propheten“
bezogen. Mit Ausnahme von drei Nummern gab es keine Ausgabe, in der
Meyerbeer nicht erwähnt wurde.
Im selben Jahrgang der Zeitung findet man hingegen nur fünf
Notizen über Wagner insgesamt, mit ganzen
29 Zeilen. Darunter zwei vier- und fünfzeilige Meldungen
über die Uraufführung des „Lohengrin“ einmal als „Lognin“
angekündigt, das andere mal abfällig und ohne Nennung des
Komponisten abgetan.
In einem Brief an Liszt vom
18.4.1851 rechtfertigte
Wagner sein Pamphlet damit, daß er sich über das „verfluchte
Geschreibe“ geärgert habe.; „und so platzte ich denn endlich
einmal los!“ Auch die
Honorare Meyerbeers weckten Wagners Ressentiment. Die Pariser Oper
zahlte allein für die Aufführungsrechte des „Propheten“ 19 000
Francs, für Verlagsrechte erhielt er 44 000 Francs. Wagner bekam für
die Weimarer Uraufführung des „Lohengrin“ ganze 600 Mark.
Ein polemischer Beitrag
seines Freundes Theodor Uhlig in der „Neuen Zeitschrift für
Musik“ über den “hebräischen Kunstgeschmack“ erinnerte
Wagner an die jüdische Abstammung, die Achillesferse Meyerbeers -
und das bewirkte den Kurzschuß: Wagner hatte eine Zielscheibe, an
der e r- nicht gerade nobel - seine persönlichen
Ressentiments abreagieren konnte. Das war die eigentliche
Initialzündung zu seinem verhängnisvollen und folgenreichen
Pamphlet und zu seinem Antisemitismus.
... |
Der
Aufsatz richtete sich also nicht gegen alles Jüdische an sich. Aber es
nisteten sich - so Scholz - dabei Vorurteile ein, aus denen sich später -
geschürt von Cosima - eine Juden-feindschaft entwickelte.

Antisemitische Musik?
Es
ist eigentlich grotesk, daß man sich in einer ernsthaften Arbeit überhaupt
noch mit Zelinsky befassen muß. Wer sich noch immer beifällig auf ihn
beruft, exhibitioniert damit den Grad
sei-ner eigenen Kompetenz. Scholz
muß sich zwangsläufig sogar auf die „gegen den Rest der Welt“
behauptete These Zelinskys einlassen, schon Wagners Musik sei „Weltan-schau-ungsträger“. Ähnlich
hatte sich allerdings schon Thomas Mann 1940 geäußert, der - entgegen früheren
Einsichten - vorgab, das „nazistische Element“
auch in Wagners Musik zu finden. Scholz entschuldigt diese
Bemerkung als Versuch des Emigranten, sein Gesicht als Antifaschist zu
wahren. Auch allen nach 1945 aufgestellten Nazifizierungsversuchen fehlten
Nachweise und objektive Kriterien; es handle sich um bloße
„antifaschistische“ Affekte mit der Tendenz, alles, was im „Dritten
Reich“ heilig war, als „nazistisch“ abzutun.
Geduldig
blättert Scholz in den Partituren und Dichtungen vom „Holländer“ über
den „Ring“ und die „Meistersinger“ bis zum „Parsifal“. Er prüft
alle einschlägig Verdächtigten auf Herz und Nieren - vor allem Mime,
Alberich, Beckmesser, Kundry . - und alle Verdächtigungen fallen zusammen
wie Spinnhttpen. Er findet im
musikdramatischen Werk so wenig Spuren vom Antisemitismus Wagners wie auch
Jacob Katz, nämlich keine.
Der
„Vernichtungsschlag“
Bezeichnend für Zelinskys Kompetenzquotienten war übrigens eine
Fernsehsendung, in der er den von Wagner erwähnten
„Vernichtungsklang“ der Pauke im „Parsifal“ als Indiz für
Wagners Holocaust-Aktion anführte. Die Frage Hans Wollschlägers,
ob er einmal die von Wagner gemeinte Stelle in der Partitur
angesehen habe, mußte Zelinsky jedoch verneinen. Er mußte sich
erklären lassen, daß dort die Pauke gar nicht vorkommt, sonder ihr
Klang nur mit einem fünfmaligen Pizzicato angedeutet wir ,
vorgezeichnet mit „p“ und „Dämpfer“ - also eher ein
Veratmen als eine Vernichtung - Schopenhauer, nicht SS. Trotzdem
wiederholte Zelinsky später
in einer ungarischen Zeitschrift seine These, wobei er aus dem von
Wagner erwähnten „Vernichtungsklang“
sogar einen
„Vernichtungsschlag der Pauke“ machte. |
Anders
als in Wagners Bühnenwerken sind in seinen Schriften zahlreiche
antisemitische Äu-ßerungen enthalten. Allerdings wäre es laut Scholz
ungerecht, sie isoliert und aus heutiger Sicht zu beurteilen, ohne zu berücksichtigen, daß sie Teil einer beginnenden allgemeinen judenfeindlichen Zeitströmung
waren. Dies macht er - ohne das „infame“, „gehässige’“ und
„unverzeihliche“ Judenpamphlet
zu beschönigen - in einem differenzierten
historischen Abriß deutlich. So, wenn
er etwa Heinrich
Treitschke zitiert (“Die Juden sind unser Unglück“) oder Paul de
Lagarde, der die Juden mit Trichinen und Bazillen vergleicht, und Eugen Dühring,
der die Angst vor einer „Weltverschwörung“ der Juden schürt. Daneben
führt der Autor an die zwei Dutzend europäischer Vertreter der
Weltliteratur vor, die zumindest zeitweise das antisemitische Feuer
anfachten. Gar nicht zu reden von politischen Agitatoren, die eine
Austreibung oder Ausrottung der Juden forderten und Hitlers
Vernichtungsideologie in ganz anderer Weise vorwegnahmen und schürten,
als Wagners Schriften dies vermocht hätten. Seine Äußerungen sind
bedenklich genug. Aber sie unterscheiden sich grundlegend vom
Rassenantisemitismus de Lagardes, Dührings oder Hitlers.
Ein
Lernprozeß
Zudem
registriert Scholz bei Wagner einen unverkennbaren „Lernprozeß“. Die
scheinbar unversöhnliche Feindschaft mit ihren peinlich-bedenklichen Ausfällen
wandelt sich am
Ende zu einer einsichtsvollen Zurücknahme seiner Vorurteile und zu
Sympathiebekundungen für jüdische Freunde. In den späten Schriften
begegnet uns ein Wagner, der sich von der anti-semitischen Bewegung seiner
Zeit ebenso distanziert wie von den rassistischen Argumenten Gobineaus,
die nach Wagners Worten eine „schlechthin unmoralische Weltordnung
rechtfertigten.“ Eine Bemerkung, die den NS-Ideologen ebenso schwer im
Magen hätte liegen müssen wie die von Cosima notierte Bemerkung Wagners:
„Wenn ich noch einmal über die Juden schriebe, würde ich sagen, es sei
nichts gegen die einzuwenden, nur seien sie zu früh zu uns getreten, wir
seien nicht fest genug gewesen, um dieses Element in uns aufzunehmen.“
Den „Parsifal“ bezeichnete Wagner selbst in diesem Sinn als sein
„versöhnendstes Werk“ - also ausgerechnet jenes Opus, in dem Zelinsky den Kulminationspunkt einer
religiös-rassischen Vernichtungsideologie wittert.
Bei
Cosima konstatiert Scholz - anders als bei Wagner - eine heillose
Unbelehrbarkeit. In ihren Ansichten sei sie „gleichbleibend borniert,
starr und unbeugsam“ gewesen, „christlich-religiös militant“,
kategorisch so einfältig wie diffus“, was er mit
Zitaten belegt. Ihr Antisemitismus unterscheide sich erheblich von
dem Richard Wagners. Sie habe dem völkisch-antisemitischen Wagnertum des
Bayreuther Kreises den Weg bereitet, so daß Winifred Wagner leichtes
Spiel gehabt habe, die Freundschaft Hitlers zu gewinnen.
...
Ausdrücklich
hebt Scholz Cosimas Verdienste als Autorin der Tagebücher hervor, deren
Quellenwert er trotz mancher Vorbehalte hoch einschätzt. Entschieden
verteidigt er diese Dokumente gegen Zelinsky, der mit Blick auf Wagner
behauptet: „Sie beseitigen den letzten Zweifel daran, daß das
Judenproblem das zentrale Problem seines Lebens war.“ Mit der genauen
Aufrechnung, daß dieses „zentrale Problem“ ganze anderthalb Prozent
der Tage-buchnotizen ausmacht, markiert Scholz noch einmal den Glaubwürdigkeitspegel Zelinskys.
Das
Buch gibt nicht nur Antworten. Es regt - wie man sieht - auch zu Fragen
an. Warum - zum Beispiel - hat sich die Suche nach den Wurzeln von Hitlers
Judenhaß derart auf Wagner konzentriert? Und warum werden unter den
zahllosen antisemitischen Äußerungen, die von Prominenten überliefert
sind, ausgerechnet die seinen plakatiert?
Diese Frage wird nie ganz geklärt, wenn man Nietzsche außer acht
läßt. Der Tote war in der Weimarer Zeit äußerst lebendig und zum
Mythos avanciert. Als Mentor und Lautsprecher der Wagnergegner hatte er
das Klima der Intellektuellen und der Publizistik angeheizt,. Er hatte die
Mär vom angeblichen Halbjuden Wagner suggeriert und damit das Motiv von
dessen jüdischem Selbsthaß ins Spiel gebracht - eine Mystifikation, die
Scholz ebenso eindeutig
widerlegt wie die Pointe einer vermeintlichen jüdischen Versippung von
Cosimas Mutter. Vor allem hatte Nietzsche in seinen Schriften
mit unwiderstehlicher Penetranz auf den Antisemitismus Wagners
eingetrommelt und sich selbst zum Anti-Antisemiten stilisiert, indes sein
Freund Overbeck ihm bescheinigt, „daß, wo er ehrlich spricht, seine
Urteile über die Juden allen Antisemitismus an Schärfe weit hinter sich
lassen.“ Nietzsche hatte lediglich das Glück, keine Cosima zu haben,
die jede seiner judenfeindlichen Äußerungen wörtlich für die Nachwelt
aufzeichnete. Jedenfalls gewann Wagner als Nietzsches Lieblingstodfeind
eine Bedeutung, die auch seinen Antisemitismus ins Überlebensgroße
projizierte.
Zurück
zum Buch: Scholz beweist eine Kompetenz, die man bei einigen Referenten
der relevanten Symposien in Bayreuth und Elmau, zu denen er nicht
eingeladen war, vermißte. Er hat mit hieb- und stichfesten Argumenten
viele Vorurteile, Mißverständnisse und Manipula-tionen ein für allemal
zurechtgerückt.. Aber auch er hat schon erfahren müssen, wie starr-sinnig
manche Autoren auf ihren widerlegten Thesen beharren - getreu dem
Leitspruch: „Belästigt mich nicht mit Fakten, meine Meinung steht
fest!“.
(Veröffentlicht
in „Festspielnachrichten“ (Die Meistersinger) 2002 zu den Bay-reuther Festspielen)

„Richard
Wagners Antisemitismus und kein Ende: spätestens seit dem Bayreuther
Festspiel-Jubiläumsjahr 1976 wollen die Meinungsäußerungen,
Buchpublikationen und Sym-posien über das Thema nicht abreißen. Damals
hatte der Germanist Hartmut
Zelinsky mit großem Echo seine provokanten Thesen in die Welt gesetzt,
Wagner sei ein entscheidender Vordenker der nationalsozialistischen
Ideologie und ihres Judenvernichtungsprogramms gewesen., eine These, die
er in den Folgejahren mit weiteren Publikationen bekräftigte. Manche sind
seiner radikalen Lesart gefolgt, etwa der amerikanisch-jüdische
Historiker Paul L. Rose oder Joachim Köhler, der sein 1997 erschienenes
Buch geradezu in Verkehrung von Chronologie und Kausalität mit Wagners Hitler betitelte. Andere wollten Wagners anti-semitische Äußerungen
differenzierter sehen und mochten vor allem den Versuchen nicht folgen,
auch Wagners Musikdramen monokausal als antisemitische Machwerke im
Dienste einer geschlossenen Ideologie ihres Autors zu interpretieren.
Im
allgemeinen Kampfgetümmel wurde eine 1983 erschienene Schrift über Richard
Wagners Antisemitismus von Dieter David Scholz nicht hinreichend gewürdigt.
Die damals bald vergriffene Publikation, die auf einer Berliner
Dissertation von 1982 basierte, liegt nun in einer Neuausgabe vor, die bis
auf kleine inhaltliche Aktualisierungen und Retuschen an der Glie-derung im
wesentlichen unverändert geblieben ist.
Wer
nicht bekennender Anhänger Zelinskys ist, findet hier eine analytische
Darstellung des Wagnerschen Antisemitismus, der „in seiner vielfachen
Bedingtheit“ und seinen „wider-sprüchlich-brüchigen
Manifestationen“ untersucht wird, und zwar sowohl „entstehungs-geschichtlich
als auch wirkungsgeschichtlich vor dem Hintergrund des aufkommenden moder-nen
deutschen Antisemitismus im 19. Jahrhundert“. Dies gelingt Scholz auch
überzeugend. Er arbeitet das Unsystematische an Wagners Äußerungen
heraus, die Entwicklungen und Wandlungen, die Wagners Verhältnis zum
Judentum nahm, und zieht eine klare Trennlinie zwischen Wagners Äußerungen
(die sich zudem im Alter zunehmend mildern) und dem späteren
nationalsozialistischen Rassenantisemitismus.
Warum
gingen dann Hitler und Bayreuth im Dritten Reich dennoch eine enge
Verbindung ein? Scholz vertritt die These einer „Usurpation Wagners
durch den Faschismus“. Vorschub
dazu leistete freilich Wagners Umgebung, zuvörderst Cosima, deren im
Unterschied zu Wagner „bornierten und starren Antisemitismus“ Scholz
als den eigentlichen Ausgangspunkt für die spätere Entwicklung sieht.
Erst von ihr über Hans von Wolzogen, Houston Stewart Chamberlain und die
Schwiegertochter Winifred führt dann der Weg der Wagner-Rezeption zu
jener „Feuerkur“ für das Judentum, die Zelinsky und seine Anhänger für
Wagners eigenes Projekt halten.“
Gerhard
Dietel
(Neue Zeitschrift für
Musik, Schott Vlg. - Jan/Febr. 2001, S. 88)


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