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Dieter David Scholz
Richard Wagners Aktualität
Heute auf den Tag vor 125 Jahren starb in Venedig der Komponist Richard Wagner. Eine bis heute sein Publikum polarisierende Persönlichkeit. Wagners Musik ist allerdings unumstritten, seine Musik-Dramen gehören zum Bedeutendsten, was das die Gattung Musiktheater aufzu-bieten hat.
Am 13. August 1876 hob sich der Vorhang zu den ersten Bayreuther Festspielen und zur er-sten kompletten Aufführung des „Rings des Nibelungen“. Richard Wagner hatte sich einen Traum erfüllt. Ein eigenes Theater zur ausschließlichen und mustergültigen Aufführung seiner Werke. Noch heute existieren die Bayreuther Festspiele. Sie haben mehrere Kriege über-standen, sie werden immer noch geführt von einem Mitglied der Familie Wagner und gelten als eines der renommiertesten und ältesten Festivals der Welt. Freilich, die Glanzzeiten Bay-reuths sind lange vorbei. Künstlerische, finanzielle und personelle Probleme überschatten das Unternehmen heute. Vor allem die Nachfolgefrage Bayreuths steht im Raum. Und doch, das Werk Wagners hat in Bayreuth wie im Rest der Welt bis heute nichts an Faszination eingebüßt. Noch nie wurde so viel Wagner gespielt wie heute auf den kleinen und großen Bühnen der Opernwelt. Die Sogkraft seiner Musik, die Magie seines „Musikdramas“ ist ungebrochen, wie der Regisseur und Bühnenbildner Gottfried Pilz bekennt, der das Gesamtwerk Wagners auf die Bühne gebracht hat. "Wagner ist eine Droge, von der Musik her, das merkt jeder, der sich mit Wager ausein-andersetzt und ihn spielt. Man muß sich zwischendurch mit Mozart und Bach reinigen und erholen, es ist schwer, aus dem wiederum herauszukommen, das Zum einen, zum Anderen: Er hat in seiner Gesamtheit natürlich die menschlichen Probleme in so faszinierender Weise – und zwar vor Freud – analysiert und uns dargestellt, dass uns wahrscheinlich diese Art der Stoffbehandlung immer wieder so fasziniert. Wagners musikalisches Werk war schon zu Lebzeiten revolutionäres Theater, musikalisch, stofflich, gedanklich. Es war politisch konzipiertes Theater. Richard Wagner hat es in einem Brief an einen seiner Freunde bekannt: "Mit diese neuen Konzeption trete ich gänzlich aus allem Bezug zum heutigen Theater und Publikum heraus. An eine Aufführung kann ich erst nach der Revolution denken. Erst die Revolution kann mir die Künstler und Zuhörer zuführen. Mit dem Werk gebe ich den Menschen der Revolution dann die Bedeutung dieser Revolution nach ihrem edelsten Sinne zu erkennen. Dieses Publikum wird mich verstehen. Das jetzige kann es nicht." Längst sind Wagners Werke für sein Publikum keine „Zukunftsmusik mehr. Sie gehören heute zu den Säulen des Repertoires der Opernhäuser, ob in Europa, Amerika oder Australien. Als „Zukunftsmusik“ wurde Wagners Werk zu seinen Lebzeiten verspottet. Tatsächlich be-kannte Wagner in einem autobiographischen Aufsatz, dass er die Zukunft „aus den Bildern der Vergangenheit zu sinnlicher Erkennbarkeit“ gestalten wolle. Die Kunst der Griechen, Homers „Odyssee“, die Dramen des Euripides, Sophokles und Aischylos waren waren für Wagner ewig gültige Modelle seiner Auffassung vom Dramatischen. Doch es ging ihm in allen Bühnenwerken um die Gegenwart. Und die spiegelte er in der Vergangenheit des deut-schen Mittelalters. Wagner war für sein Jahrhundert, aber er ist es auch für uns heute noch, ein „Mittler des Mittelalters“, wie der Germanist Peter Wapnewski betont: "Mit einer gewaltig zugreifenden Gebärde macht er seinen Weltentraum und Zukunftstraum deutlich, indem er die mittelalterlichen Figuren transformiert in seine Utopie. Er hätte mit gleichem Recht andere Phasen der Kulturgeschichte nehmen können. Aber die Griechen waren besetzt. Calderon hatte auch gewisse Phasen besetzt Shakespeare hatte ganz gewisse historische Phasen besetzt. Was blieb ihm? Das Mittelalter, das bisher von der Dichtung des 19. Jahrhunderts nicht gerade überwältigend deutlich gemacht worden ist und da war er derjenige, der sich sagte: ich projiziere meinen Versuch, den Menschen zu befreien, von der Macht der ihn bedrängenden und ruinierenden Kräfte, insbesondere natürlich des Kapitals, aber nicht nur des Kapitals, sondern Menschen überhaupt frei zu machen, diese Kräfte, die projiziere ich in Figuren, die Ausdruck meiner Vorstellung von dem sind, was Tragik, was Liebe, was Hass, was Eifersucht, was Mut, was Feigheit ist." Noch immer scheiden sich an Wagner die Geister. Es gibt nach wie vor Wagnerverächter und Wagnerverehrer, Wagnerianer und Antiwagnerianer. Das hat vor allem zu tun mit einem kur-zen, nur 12-jährigen, aber düsteren Kapitel deutscher Geschichte, das 1945 endete. Wer sich heute mit Wagner beschäftigt, kommt nicht umhin, den nationalsozialistischen Wagnermiss-brauch mit zu bedenken. Zur Hundertjahrfeier der Bayreuther Festspiele – 1976 - hat es der damalige deutsche Bundespräsident, Walter Scheel, in einer glänzenden Rede auf den Punkt gebracht: Bayreuths Geschichte ist ein Teil deutscher Geschichte. Seine Irrtümer sind die Irrtümer un-sere Nation gewesen. Und in diesem Sinn ist Bayreuth eine nationale Institution geworden, in der wir uns selbst erkennen können. Die dunklen Kapitel deutscher Geschichte und Bayreu-ther Geschichte können wir nicht einfach wegwischen. Diese dunklen Kapitel wurden nicht weggewischt. Im Gegenteil: Viele Wagner-Autoren ha-ben in den vergangenen drei Jahrzehnten das Kinde mit dem Bade ausgeschüttet und Wag-ner vornehmlich aus der Perspektive Hitlers wahrgenommen. Ein fataler Irrtum, Hitler mehr zu glauben, als Wagner, wie der israelische Historiker Jakob Katz in seinem Buch über „Ri-chard Wagner als Vorboten des Antisemitismus“ zu bedenken gibt: "Die Deutung Wagners aufgrund der Gesinnung und der Taten von Nachfahren, die sich mit Wagner identifizierten, ist ein unerlaubtes Verfahren. Es handelt sich bei dieser Unterstellung um eine Rückdatierung, ein Hineinlesen der Fortsetzung und Abwandlung Wagnerschen Ideen durch Chamberlain und Hitler in die Äußerungen Wagners selbst." Auch wenn wir uns heute mit Wagner sachlicher denn je befassen. Der Dirigent Christoph von Dohnani hat durchaus Recht: "Wagner ist immer so eine, wie soll man sagen, eine brisante Geschichte, weil sie es auch mit einem Publikum zu tun haben, das durchemotionalisiert schon hineinkommt in die Vorstel-lungen, und das sich dann mit einem Wagner, der vielleicht anders klingt, anders aussieht, als erwartet, nicht einverstanden erklären kann. Also Sie werden bei Wagner immer Proteste haben." Protest hin, Begeisterung her: Das Interesse an Wagner nimmt eher zu als ab. Und das offen-bart vor allem die nach wie vor ungebrochene Brisanz des musikdramatischen Œuvres Wag-ners. Es enthält einfach noch immer viel "Zukunftsmusik“, im übertragenen Sinne gemeint. Vom Liebesverbot über den Rienzi, den Ring, den Tristan, die Meistersinger bis hin zum Par-sifal, geht es doch bei Wagner immer um Gesellschaftskritik und gesellschaftliche Utopien, um Träume und Sehnsüchte, um Kunst und Politik, um menschliche Probleme, um Sex and Crime, Liebe und Tod, und es geht um menschliche Erlösungssehnsüchte, also Themen und Bedürfnisse, die modern, um nicht zu sagen nach wie vor aktuell sind. Und was die Musik angeht, so hat schon 1976 der Komponist und Dirigent Pierre Boulez, ein Mann der Moderne, bekannt: "Ich glaube, das ist nicht eine Frage der Modernität. Ich glaube, es gab eine Generation, sagen wir mal die Generation Debussy und Strawinsky, die konnten Wagner nicht akzep-tieren, weil sein Einfluss zu groß war, und zu direkt war. Mittlerweile haben wir eine Generation nach Strawinsky, die hat überhaupt keine Hemmungen mit Wagner und man kann heute sehen und anerkennen, daß die Sprache Wagners, die musikalische Sprache, die Quelle aller Modernität in der musikalischen Sprache noch von heute ist." Marek Janowski, auch er ein engagierter Wagnerdirigent, fügt noch ein weiteres wesentliches Moment hinzu: "Es ist aber auch richtig, dass es niemals vor und nach Wagner einem Komponisten gelungen ist, eine solche unglaubliche natürlich erscheinende Osmose zwischen Text, Duktus des Textes und der Musik herzustellen, wie das bei Wagner geschehen ist. In seiner nicht gekünstelten pathetischen Größe, pathetisch sage ich jetzt wirklich ohne jedes negative Beiwort, ist Wagner unerreicht!" Am 13. Februar 1883, vor 125 Jahren, starb Richard Wagner in Venedig, einer seiner bei-den Lieblingsstädte, die andere war Neapel. So sehr er schon zu Lebzeiten bekämpft wor-den war, die Welt wusste, wer ihr abhanden gekommen war. Wagnerfreunde wie Wag-nerfeinde trauerten. Selbst der zu Wagners Lebzeiten äußerst wagnerkritische Wiener Kriti-ker Eduard Hanslick betonte in seinem Nachruf auf Wagner: "Kein Musiker ist uns noch begegnet, so unfähig oder leidenschaftlich, die glänzende Bega-bung und erstaunliche Kunst Wagners zu verkennen, seinen enormen Einfluss zu unterschla-gen, sich dem Großen und Genialen seiner Werke selbst bei eingestandener Antipathie zu verschließen. "
DW, MDR
Wagner und kein Ende Kommentar in SWR 2, Journal:
... Als Wagner starb, übernahm seine zweite Ehefrau, Cosima geborene Liszt, das Regiment am Grünen Hügel. Wagner hatte sie am allerwenigste als seine Nachfolgerin in Betracht gezogen. Ihr Sohn Siegfried, dem sie die Festspiele anvertraute, überlebte sie nur um wenige Monate. Daraufhin wurde seine Gattin, die Engländerin Winifred Wagner Herrin auf dem Grünen Hügel. Sie paktierte mit Hitler, um die Festspiele vor dem Konkurs zu retten. Nach 1945 riefen die Enkel Richard Wagners, Wieland und Wolfgang die Festspiele wieder ins Leben, das war 1951. 1966 starb Wieland, Seither ist der inzwischen 88 jährige Greis Wolfgang Wagner Patriarch und Impresario auf dem Grünen Hügel, mit einem Vertrag auf Lebenszeit. Den missbraucht er inzwischen, um mit allen Tricks zu versuchen, seine Tochter Katharina aus zweiter Ehe zu beerben. Die Gründung einer Medien-GmbH, zu deren Geschäftsführerin er Katharina ernannte, war nur sein jüngster Coup. Wird sie tatsächlich – wenn Wolfgang Wagners Tage gezählt sind, seine Nachfolgerin? Darüber hat allein der Stiftungsrat der Richard Wagner-Stiftung zu entscheiden. Zwei Mitbewerberinnen gibt es aus der Familie: Nike, die Tochter Wielands, und Eva, die Tochter Wolfgangs aus erster Ehe. Im März endet die Bewerbungsfrist. Im April will der Stiftungsrat zusammenkommen und entscheiden, zur Not gegen Wolfgangs Votum, wenn er mutig ist. Man darf gespannt sein. Was die Zukunft Bayreuths angeht, ist alles offen. Aber Wagnertheater wird ja längst nicht mehr nur in Bayreuth gespielt, sondern in der ganzen Welt. Und außerhalb Deutschlands beschäftigt man sich künstlerisch wie theoretisch wesentlich vorurteilsloser, sachlicher und interessanter mit Wagner. Der Philosoph Friedrich Nietzsche hatte durchaus Recht, als er Richard Wagner vor allem „Ein deutsches Mißverständnis“ nannte. Heute vor 125 Jahren, starb Richard Wagner in Venedig. Sein musikalisch so intelligentes, suggestives, ja rauschhaftes Werk ist in seiner psychologischen, aber auch politisch welt-anschaulichen Brisanz und Modernität beispiellos und hat bis heute nichts an Faszination eingebüßt. Bei Richard Wagner laufen die Fäden von Romantik und Moderne, französischem Früh-Sozialismus und deutschem Kapitalismus, Vorfreudianischer Psychoanalyse und anti-kem Mythos, Mittelalter, aufkommendem Nationalismus und europäischem Kosmopolitismus zusammen wie bei keinem anderen Komponisten. Wagners Aktualität und Bedeutung ist ungebrochen. Und ganz unabhängig von Bayreuth. Was mit den Bayreuther Festspielen geschieht, ist im Grunde unerheblich. Hand aufs Herz: Wir sehen und hören doch heute in vielen Häusern der Welt, selbst an kleinen Häusern, die besseren und interessanteren Wagneraufführungen als in Bayreuth. Daran ändert sich nichts, egal, wie Bayreuths Zukunft einmal aussehen wird, selbst wenn das Bayreuther Festspielhaus eines Tages nur noch Museum sein sollte...
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