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Dieter David Scholz
Richard Wagner Noch vor 40 Jahren gab es in Abu Dhabi weder Strom, noch fließendes Wasser. Heute ist es die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate. Ihr Bauboom hat bis nach Europa Wellen geschlagen. Vom „Übermorgenland“ ist bereits die Rede. Aber nicht nur archi-tektonisch, ökonomisch und touristisch wagt man dort viel, auch kulturell! Im vergangenen Jahr wurde in Abu Dhabi ein Richard Wagner-Verband gegründet. Vor wenigen Tagen, am 8. März hatte man kein geringeres Orchester als die Staatskapelle Dresden mit ihrem GMD Fabio Luisi zu einem Wagnerkonzert im Emirates Palace Hotel eingeladen. Für einen Abend. Was begeistert die Araber an Richard Wagner? Oder ist das nur eine der Strategien des "Über-Morgenlandes", schon jetzt an die Zeit nach dem Öl zu denken?
Seit Jahrhunderten erschallt mehrfach nach Sonnenuntergang der Ruf des Muezzin aus den Lautsprechern der vielen Moscheen in Abu Dhabi, der Metropole der Vereinigten Arabi-schen Emirate. Und doch treffen gerade hier Tradition und Moderne, das Vorgestern und das Übermorgen aufeinander, wie nirgends sonst in den Arabischen Ländern. Gewaltige An-strengungen werden unternommen: In Städtebau und Architektur ist man dem sogenannten Westen bereits um einige Nasenlängen voraus. In Tourismus und Kultur wird investiert wie kaum sonst in der Welt. Das noch so reich sprudelnde Erdöl macht´s möglich. Und es ist nicht nur die eigene traditionelle Kultur, die gefördert wird, sondern vor allem auch die europäische
Es mutet schon exotisch an, ausgerechnet in Abu Dhabi, am Persischen Golf, in einem der größten, prachtvollsten und luxuriösesten Hotels der Welt, dem Emirate Palace, im eigenen, reich vergoldeten Theater, die Staatskapelle Dresen mit Wagner-Musik zu hören. Doch Zaki Nusseibeh, Berater des amtierenden Scheichs in Sachen Kultur und so etwas wie Kultur-minister, findet es gar nicht exotisch: "Es ist gar nicht exotisch, weil die Musik von Wagner eine internationale Musik ist, eine Sprache, die alle verstehen können. Aber man muß sie hierzulande besser bekannt machen. Dass wir in diesem Konzert hier 1300 Mensche zu Gast haben , die Wagner hören, freut mich sehr." Das Interesse an der Staatskapelle Dresden mit Wagnermusik im Goldenen Theater des Emirates Palace war denn auch groß. Über die Kosten dieses einmaligen Gastspiels schweigt man sich aus. Geld spielt ohnehin keine Rolle am Persischen Golf. Die Sächsische Staats-kapelle, und ihr GMD Fabio Luisi fühlen sich denn auch geschmeichelt. „Ich glaube, das ist erstens ein Wunsch der Veranstalter, ein Wunsch der Leute hier vor Ort, die eine Bildungsinitiative gestartet haben, und zu dieser Bildungsinitiative gehört, Gott sei Dank, auch Klassische Musik, europäische Musik, und ich glaube als Botschafter solcher Musik sind wir die Geeignetsten. Wir spielen Wagner. Und Wagner gehört nun mal zu der Tradition der Staatskapelle. Es ist mehr als legitim, das wir hier gastieren dürfen.“
Die Vereinigten Arabischen Emirate – speziell Abu Dhabi – scheuen keine Kosten, Europäi-sche Kultur, Musik. Kunst, Wissenschaften und Architektur ins eigene Land zu importieren und mit ihren Traditionen zu verschmelzen. Es ist eine Investition ins Übermorgen. Zaki Nusseibeh: „Kern dieses Projektes ist Bildung und Erziehung. Für unsere neuen Generationen ist das eine Notwendigkeit und kein Luxus. Wir brauchen das!“ Nicht nur Wagnersche Musik, auch eine Depandance der Sorbonne – der französischen Vorzeigeuniversität, Dependancen der Guggenheim Foundation und des Pariser Louvre kommen an den Golf. An den Ausverkauf, den "Untergang Europas" – um mit dem Philosophen Oswald Spengler zu reden, mag mancher denken. Zaki Nusseibeh sieht das anders. „Ich bin davon wirklich überzeugt, dass es nur eine Zivilisation gibt, die einige, die Menschlichkeit, und dass jede Kultur einen Beitrag leistet für diese Zivilisation. Der Islam und die Araber haben auch eine wichtige Rolle gespielt in der Geschichte, und sie spielen eine Rolle in der Gegenwart. Das wollen wir weiterentwickeln. Deshalb haben wir diese Projekte angeschoben, und Wagner ist ein Teil dieses Programms.“ Man investiert in interkulturellen Austausch im kulturwütigen Abu Dhabi. Die Auktionshäuser Sotheby´s und Christie´s machen dort gute Geschäfte. Kunstsammlungen und prachtvolle Ausstellungen werden initiiert. Ein gigantisches Kulturzentrum mit avantgardistischem Konzert- sowie Opernhaus und Universitäten werden aus dem Wüstensand gestampft. Ronald Perlwitz von der vor zwei Jahren gegründeten Dépendance der Sorbonne de Paris in Abu Dhabi: „Ich glaube, daran sehen Sie auch, dass es den Menschen hier darum geht, langsam die Mentalitäten des Landes ans 21. Jahrhundert anzupassen. Gerade weil vor 40 Jahren hier noch die Kameltreiber waren, sind natürlich hier gewisse Traditionen, die nicht mehr mit dem 21. Jahrhundert zu vereinbaren sind. Gerade auch im Verhältnis von Mann und Frau. Und das kann die Regierung nicht von einem Tag auf den anderen durch ein Dekret aufheben. Da muß in den Köpfen etwas verändert werden. Und dafür haben sie vielleicht eine subversive Uni wie die Sorbonne geholt. Und ich würde sage, dass Wagner da auch genau reinpasst. Wagner ist ein Querdenker ge-wesen.“ Ob das heutige arabische Publikum diese Botschaft versteht, sei dahingestellt. Noch scheint Wagner für die Einheimischen noch Zukunftsmusik. Zwei arabische Stimmen: „It´s a good music, it´s a good chance to hear it here in the UAE / It´s not really well known, here, so we came here to know if its´s worth is or not. / I find it relaxing, sometimes I used to sleep on this music, you know, it´s better than the modern music.”
Martin Roth, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, der im Staatskapellen-Tross mitreiste an den Persischen Golf, um Koope-rationen auch in Sachen Kunst anzukurbeln, hat erkannt, was viele andere Institutionen und Politiker im guten alten Europa verschlafen: „Was mich ganz persönlich hier fasziniert, ist die extrem große Offenheit der Erziehung gegenüber, der Bildung gegenüber, der Forschung gegenüber, das Ansiedeln von Universitäten, man macht hier wirklich sehr viel, um eine neue Drehscheibe für die arabische Welt zu werden, nachdem Beirut danieder liegt, und Bagdad nicht mehr funktioniert und Teheran schwierig geworden ist und Kairo vielleicht veraltet.“ Man darf durchaus gespannt sein auf die Zukunft, die politische wie die kulturelle, der sich weit nach vorn herauslehnenden Vereinigten Arabischen Emirate, auf Abu Dhabi insbeson-dere, und auf die Rückwirkung auf Europa.
Beiträge in: SWR, DLF, WDR, MDR + Rondo
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