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Dieter David Scholz
Opernkritik G.Verdi: Il Trovatore. Semperoper Dresden, Premiere11.10.2008 Kein ungetrübtes Glück! Nach einem insgesamt sehr respektablen, gesanglich hervorragenden “Rigoletto” im ver-gangenen Juni kam an der Semperoper in Dresden – wo man das vorherrschende Verdi-Defizit im Spielplan abbauen zu wollen scheint – der „Troubadour“ heraus. Michael Hampe inszenierte, Fabio Luisi hatte die musikalische Leitung. Nein, es war kein ungetrübtes Verdi-Glück, das man vorgestern abend in Dresden erleben durfte, auch wenn Andrea Ulbrich eine fulminante Azucena hinlegte. Fulminant, nicht unbe-dingt schön gesungen. Da hat man schon Anderes gehört! Auch dass sie von Ausstatter Carlo Tommasi wie eine Punk-Oma gemummt wurde, gereichte ihr nicht zum Vorteil. Dennoch, sie war noch eine der glaubwürdigsten Sängerdarstellerinnen des Abends, der ansonsten eher in Mittelmaß enttäuschte, zumal in den Titelpartien. Der grosse Caruso war es, der einmal auf die Frage antwortete, ob man das verwirrende Kriegs-Stück um Kindesverwechslung, Men-schenverbrennung, Zigeunerverfolgung, mütterliche Rache und männliche Eifersucht, um Liebe und Selbstmord aus Liebe, ob man dieses Stück überhaupt glaubwürdig auf die Bühne bringen könne: Man brauche nur die vier besten Sänger der Welt, dann funktioniere es. In Dresden wäre man schon froh gewesen, man hätte vier gute Sänger zur Verfügung gehabt. Die Sängerin der Leonora war schlicht eine Zumutung an gesangstechnischen Mängeln und sängerischen Defiziten. Der amerikanische Tenor Carl Tanner stand die Partie des Trouba-dours Manrico – wenn auch mit mit rauhem Timbre - immerhin durch. Schöngesang war das auch nicht. Außer den durchweg rollendeckend besetzten Nebenfiguren war neben Azucena eigentlich nur der Graf Luna von Roberto Frontali wirklich akzeptabel. Etwas wenig für ein Haus wie die Semperoper.
Szenisch ist gegen die neue Troubadour-Inszenierung in Dresden nichts zu sagen, außer dass sie konventionell in dem Sinne ist, dass sie nicht provoziert, nicht wehtut, keine abstrusen Aktualisierungen vornimmt, aber in ihrer opernmusealen Schönheit auch nicht aufregt. Michael Hampe zeigt das Stück, inspiriert vom Spanischen Bürgerkrieg, als grauenhaftes Kriegsstück aus Höhlen-, Palast- und Bunkerausblicken auf phantastische Himmelspano-ramen mit plastischen Gebirgsmassiven im Hintergrund. Schön anzuschauen. Aber die „Erfindung der Wirklichkeit“, jenen Ausspruch Verdis, den Regisseur Hampe im Programm-heft beschwört, meint in etwas das, was Wagner die „Geburt des Dramas aus dem Geiste der Musik“ nannte. Musikalisch aber war dieser Abend ziemlich unfruchtbar. Fabio Luisi bemüht sich zwar, all´italiana im Sinne eines falsch verstandenen Toscanini, scharf und attackierend, kantig und schnell durch die Partitur zu hecheln. Doch bei seinem ausgeprägten Hang zu lautstarker dirigentischer Brutalität und Betonung unwesentlicher Details auf Kosten über-geordneter Zusammenhänge gehen so ziemlich alle Geheimnisse, geht alle Poesie und alle Spannung des Stücks verloren. Schade! Wieder eine vertane Chance in Dresdens schönem Opernhaus. Eine symptomatische allerdings, denn mit Sängern hatten schon die beiden letzten Intendanten wenig Glück. Ob die frischgekürte, künftige Intendantin das sängerische Niveau der Semperoper anzu-heben im Stande sein wird, bleibt abzuwarten. Man darf skeptisch sein, denn auch sie stammt aus der zweiten, wo nicht dritten Reihe der Münchner Staatsopernmannschaft und ist noch nie durch sängerische Besetzungs-Sensationen, noch überhaupt je künstlerisch aufgefallen. Wa-rum nur engagiert man in Dresden immer nur Münchner Nebenfiguren als Intendanten? Hat man Angst vor einer starken Intendantenpersönlichkeit mit internationaler Erfahrung und erwiesenem Knowhow? Es wäre an der Zeit, eine solche an die Semperoper zu holen, um diesem Haus endlich einmal ein seiner Würde zustehendes, seiner Tradition angemessenes künstlerisches Niveau zu verleihen. Nicht nur in Sachen Verdi Leonora: Marina Mescheriakova; Ines: Barbara Hoene; Luna: Roberto Frontali; Ferrando: Georg Zeppen-feld; Azucena: Andrea Ulbrich, Manrico: Carl Tanner; Ruiz: Timothy Oliver; Alter Zigeuner: Rainer Büsching; Bote: Angelo Antonio Poli; Chor des Sächsischen Staatsoper Dresden, Sächsische Staats-kapelle Dresden. Frühkritik im MDR, Figaro am Morgen, 13.10.2008
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