Dieter David Scholz

Tristan und Isolde.
Szenische Peinlichkeit in Weimar

Deutsches National Theater, Premiere 22.01.11

 

Ein Gespräch in MDR Figaro, 24.01.2011, 8.40 Uhr:

Moderator:  Auf die Aufführung war man schon deshalb neugierig, weil der italienische Tenor Franco Farina mit der Partie des Tristan debütierte und in Weimar seinen Wechsel ins Wagnerfach  vollzog. Frage an unseren Kritiker, Dieter David Scholz: ist da ein neuer Wagner- oder sagen wir Heldentenor geboren worden?

Dieter David Scholz:  Also bisher hat Franco Farina ja ausschließlich das italienische Fach gesungen, das des sogenannten Spinto-Tenors, also vor allem die großen Verdi-Partien. Jetzt will er offenbar ins schwere Wagnerfach wechseln. Da ist die Konkurrenz kleiner. Die Gagen sind höher. Das sagen sich so manche Sänger. Auch wenn sie nicht dazu berufen sind. Franco Farina hat die Partie des Tristan stimmlich zwar bewältigt. Aber er ist  kein Tristan. Er hat die extremen Töne der Partie sogar erstaunlich kraftvoll gestemmt. Aber mit Rollendurchdringung hatte das nichts zu tun. Man hatte das Gefühl, er weiss gar nicht, oder es interessiert ihn gar nicht, was er da eigentlich singt. Von Gestaltung der tragisch-erotischen Partie keine Spur. Vor allem im dritten Akt wurde das peinlich. Und schon rein optisch und schauspielerisch wohnte man eher der Installierung einer Karikatur bei, der Karikatur eines Heldentenors als dickem Ritter im Kettenhemd. Aber das haben auch Regisseur und Kostümbildner zu verantworten.

 

Moderator: Es gab noch ein Debüt: Catherine Foster, die in Weimar als Brünnhilde im „Ring“ auf sich aufmerksam machte, sollte ihre erste Isolde singen. Leider wurde sie krank. Wie hat man sich da aus der Affäre gezogen?

Dieter David Scholz:  Ja, das war schade, dass Catherine Foster die Isolde nicht sang, darauf war man natürlich gespannt, nach ihrer fulminanten Brünnhilde im Weimarer "Ring". Aber auch Sänger sind Menschen und werden krank. Und mit Stimmbändern ist nun mal nicht zu spaßen. Man hat mit der Schweizer Sopranistin Marion Amman einen grandiosen Ersatz gefunden. Marion Ammann hat an kleinen und mittleren Häusern schon als Isolde von sich reden gemacht. Auch in Weimar hat sie gezeigt, dass sie eine aussergewöhnliche hochdramatische Sängerin ist. Sie hat eine ganz natürliche Isolde gesungen, dabei wortver-ständlich und glaubwürdig bis zum Liebestod. Auch die übrige Besetzung ist hervorragend. Der japanische Haus-Bassist Hidekazu Tsumaya hat einen bewegenden König Marke gesungen. Die Brangäne der Finnin Tulija Knihtilä hat stimmlich großes Format. Das läßt sogar über ihre absurde Kostümierung in bonbonfarbenem Lack hinwegsehen. Ausgezeichnet auch der Kurwenal von Sebastian Noack. Und auch die kleinen Nebenpartien sind absolut rollendeckend besetzt.

Moderator: Am Pult der Staatskapelle Weimar stand der GMD des Hauses, Stefan Sol-yom.  Wagner hat einmal gesagt, die Musik des „Tristan“ müsste das Publikum, wenn sie gut aufgeführt würde, verrückt machen.  Hat Stefan Solyom das Publikum in Weimar verrückt gemacht?

Dieter David Scholz:  Also man musste nicht den Notarzt rufen. Aber es war doch eine sehr aufwühlende, dramatische Lesart, die er dem Stück abgewann. Solyom hat die extrem sinnlichen Qualitäten der Musik Wagners bis an die Grenzen ihrer Hitzigkeit und nervlichen Zumutbarkeit hörbar gemacht, ohne die Kunst des Übergangs zu vernachlässigen. Die Staats-kapelle Weimar spielte gewissermassen um ihr Leben. So muss es bei diesem Stück sein. Chapeau und großen Respekt kann man nur sagen! Musikalisch ein sehr hörenswerter „Tristan“.

Moderator: Wagner nennt „Tristan und Isolde“ eine Handlung. Tatsächlich ist die Handlung in diesem Stück aber sehr dürftig. Im Wesentlichen geht es um innere, also um seelische Handlung im „Tristan“. Äußerlich passiert recht wenig in den 5 Stunden, die das Stück dauert. Wie hat Karsten Wiegand das Stück erzählt? Worauf kam es ihm an? 

Dieter David Scholz: Wiegand erzählt die Geschichte von Tristan und Isolde aus der Braut-bett-Perspektive vor herabgelassenem Lattenrost als Zwischenvorhang. Und seine Grundidee ist es, Motive der Vorgeschichte der Handlung in die drei Akte einzuflechten. So darf Tristan im zweiten Akt, in dem karnevaleske Papierschlangen vom Bühnenhimmel herabfallen, auf ei-nem kleinen Schiffchen auf die Bühne fahren. Damit ist der kleine Kahn  gemeint, auf dem einst der todkranke Tristan sich zur heilkundigen Isolde hat fahren lassen. Und wo die Liebe der beiden ja begann, lange vor dem Liebestrank. Und im dritten Akt wird dann sogar Tris-tans Geburt nachgeholt. In einer art magisch surrealer Traum-Szenerie auf permanent sich drehender Bühne. Da treten aber auch alte, schwarzglitzernde Revuegirls auf, die Tristan Plastikflaschen mit Blut reichen, mit dem er um sich spritzt, wenn er von seinem Verbluten singt. Schafe und lemurenhafte schwarze Schäfer, gleich ein Dutzend, stehen sinnlos herum, zwischen allerhand Plunder, Gold-Wänden und bedeutungsträchtigen Requisiten. Das ist in seiner psychologischen Symbolik alles ziemlich banal, gedanklich unaus­gegoren, regiehand-werklich mutet es mit Verlaub gesagt dilettantisch an und optisch ist es an der Grenze zur Geschmacklosigkeit. Die Bühnenbildnerin Bärbl Hohmann und Kostümbildner Alfred Mayr-hofer  haben das vor allem zu verantworten. Und es ist ganz offensichtlich, das Regisseur Karsten Wiegand Stefan Herheims magisch-psychologischer Handschrift nacheifern möchte. Nur hat er eben nicht das Format eines Herheim. Und beim Liebestod zwischen Neonröhren muss man doch sehr an den Marthaler-"Tristan" in Bayreuth denken. Eine peinliche Insze-nierung. Das Publikum hat sie denn auch mit viel Buhs abgestraft. Schade, denn musikalisch hat die Aufführung ihre Meriten.