Dieter David Scholz

Ausstellungs-Besprechung


Hinreißend sinnlich!

Ausstellung über die Tonfilmoperette
in der Deutschen Kinemathek Berlin:

„Wenn ich Sonntags in mein Kino geh“                       
20. Dezember 2007 - 27. April 2008

Tonfilmoperette 

Kurz vor Weihnachten wurde sie eröffnet, sie läuft noch bis Ende April, eine Sonderaus-stellung in der deutschen Kinemathek in Berlin. Der Titel der Ausstellung: „Wenn ich Sonn-tags in mein Kino geh“. Es ist eine große Ausstellung über die Tonfilmoperette, eine fast ver-gessene, aber durch unzählige Schlager noch präsente Film-Gattung, die die Erfindung des Tonfilms mit der Gattung der Operette aus dem Geiste der Weimarer Republik kreuzt.

 

1930 kam der Film „Das Blaue vom Himmel“ heraus, mit Lilian Harvey und Willy Fritsch. Wilhelm Thiele hatte Regie geführt. Ein Kassenschlager der UFA, der Universum Film AG, Europas größter Filmproduktionsgesellschaft. Die junge Gattung der Tonfilmoperette war auf ihrem Höhepunkt angelangt. Nur vier Jahre hatte es sie überhaupt gegeben. 1929 hat sie die Kinos erobert, zwei Jahre nach dem die Bilder sprechen lernten, 1933 wurde sie von den Nazis liquidiert. Was dann folgte war der Musikfilm der NS-Zeit und der Revuefilm. Daß die Deutsche Kinemathek in Berlin – eines der bedeutendsten Filmarchive - der Tonfilmoperette eine eigene Sonderausstellung auf immerhin 450 Quadratmetern widmet, passt in ihre Tradition, wie Rainer Rother, der Direktor der Kinemathek und Initiator der Ausstellung erläutert:

Rainer Rother

"Wir haben uns schon seit langem mit dem Filmexil beschäftigt. Haben große Sammlungen zum Filmexil. Haben Filmreihe und Ausstellungen auch veranstal­tet. Insofern war es sehr naheliegend, dieses Genre, das im  ganz Wesentlichen von jüdischen Künstlern, von Komponisten, Autoren, Regisseuren und Produzenten be-stimmt war, in den Blick zu nehmen."

Oskar Karlweis, Heinz Rühmann und Willy Fritsch (v.l.n.r.) in "Die drei von der Tankstelle" (1930)

Die deutsche Tonfilmoperette – auch wenn sie nur 4 Jahre existierte, von 1929 bis 1933 - war ein Höhepunkt der deutschen Filmgeschichte. Die Tonfilmoperetten „Die drei von der Tankstelle“, mit Oskar Karlweis, Heinz Rühmann, Willy Fritsch und mit Musik von Werner Heymann, „oder „Der Kongress tanz“ von Eric Charell inszeniert, mit namhaften Stars besetzt,  waren regelrechte Kassenschlager, auch wenn viele Vorwürfe laut wurden, …

"… dass es ein rein eskapistisches Genre ist. Und wenn man sich anschaut, dass die Welt-wirtschaftskrise ab 1929 da war, dann muß man zugestehen, so wie „Kuhle Wampe“ sind diese Filme nicht. Sie sind weiterhin Unterhaltung, aber es gibt eigentlich kein Genre in der gesam­ten Weimarer Republik,… wo in Unterhaltungsfilmen so unendlich viele und auch präzise Verweise auf die Realität eingearbeitet wurden. Das geht von den Figurenkonstellationen, da gibt es arbeitslose Schauspieler, bankrotte Bankiers, bis zu so kleinen Zeichen, dass der Kuckuck mal wieder auftaucht, also das Zeichen, dass gepfändet wurde."  

Picture Gretl Theimer

Der Film „Zwei Herzen im Dreivierteltakt„ mit Gretl Theimer kam 1930 heraus, mit Willi Forst in einer der Hauptrollen. Geza von Bolvary hatte die Regie geführt. Es war einer von vielen großen Erfolgsfilmen des jungen Genres „Tonfilmoperette“, das sich nur zwei Jahre nach dem ersten erfolgreichen Tonfilm „The Jazz-Singer“, der in den USA herauskam, an die Spitze einer wegweisenden technischen Erfindung setzte. Rainer Rother:

"Die Tonfilmoperette ist wirklich eine Antwort auf eine technische Innovation, eine geniale Antwort, die weit über darüber hinausgeht, was sonst in der Zeit gemacht wurde. Man hat  die Attraktion Ton bedient, aber normalerweise nur, indem man Schlager hinzugefügt hat. Und es ist dieses seltene Zusammentreffen vieler brillianter Köpfe, die aus der Unterhaltungskultur der Weimarer Republik schöpfen konnten und damit eben auch aus der Tradition der Revue, des Kabaretts und der Operette damit eine neue Form gefunden haben."

Die UFA-Produktionsgruppe um Erich Pommer, den erfolgreichen Direktor des Konzerns,  der aus Hollwood das Knowhow des Tonfilms mitbrachte, mit dem genialen Komponisten Werner Richard Heymann war das kreative Zentrum für die Herstellung der Erfolgsfilme. In den Babelsberger Tonfilmstudios vor den Toren Berlins wurden auch französische und englische Sprachfassungen erstellt. Man setzte auf internationale Vermarktung. Tonfilm-operetten wie „Der Kongress tanzt“ vom legendären Revue- und Operetten-Regisseur Eric Charell inszeniert, wurden zu Welterfolgen.

[Abbildung]

Die deutsche Tonfilmoperette brachte die ganze Widersprüchlichkeit der Weimarer Republik tönend ins Bild: Berliner Großstadtlichter und Wiener Walzerträume, Jazz und Gefühlsschnul-zen, die Beschwingtheit des mondänen bürgerlichen Milieus, aber auch das subversive Potential der Außenseiter. Mit ihrer satirisch-unterhaltsamen Mischung aus Alltagsfrivolität, selbstironischen Kommentaren zu zeitgenössischen Problemen, zu Arbeitslosigkeit, Woh-nungsnot, politischer Instabilität, Wirtschaftskrise und tradierten Geschlechterbeziehungen  traf die Tonfilmoperette den Zeitgeist ins Herz. Hauptfiguren sind Ladenmädchen, Fenster-putzer, Kellner, stellungslose Schauspieler. Friedrich Hollaender und Werner Richard Hey-mann brachten den satirischen Witz des Kabaretts in den Film ein, Eric Charell die Raffinesse der Operette und den parodistischen Umgang mit Modeerscheinungen. Die Tonfilmoperette war topaktuell, und schaffte doch Ablenkung von den Sorgen des Alltags.

Die Berliner Ausstellung thematisiert dies beispielhaft anhand von Filmen in kleinen eingebauten Kinos, mit Drehbüchern, Kostümentwürfen, Partituren, Manuskripten, Photos und raren filmtechnischen Exponaten.

"Wir wollten möglichst viele Themenfelder abdecken. Wir wollten schon auch mit dieser Ausstellung die technische Neuerung ein bisschen dem Publikum nahe bringen. Was bedeutete das eigentlich, wenn der Ton dazukommt? Und was war da für ein Ton? Was für Geräte brauchte man dafür? Wir wollten darauf hinweisen, dass  das keine isolierte Entwicklung, die nur im Film stattgefunden hat, dass es eine Tradition gab, die dem vorangeht. Deswegen haben wir viel zu den Tanzpalästen, zu den Operettenhäusern auch der Zeit."

Die Berliner Ausstellung über die Tonfilmoperette wirft Licht auf ein untergegangenes Genre von Film- und Operettenkunst. Faszinierend zu sehen, auf welch hohem Niveau das Hand-werk des Filmens wie des Operettemachens betrieben wurde. Faszinierend auch die Origi-nalfilmaufnahmen aus dem alten Berlin, das so ja nicht mehr existiert. Zu schweigen von der szenischen, musikalischen, choreografischen und darstellerischen Perfektion der ironisch-satirischen Operettenkunst damals. Die Operette ist besser als ihr Ruf! Auch und gerade die Tonfilmoperette. Man begreift das in dieser Berliner Ausstellung, die in ihrer Anschaulichkeit und ihrem Informationsanspruch überwältigt. Noch einmal Rainer Rother:

"Wir wollten auch zeigen, dass es eine neue Form des Medienverbundes war, die entstanden ist. Das Interessante an der Tonfilmoperette ist ja, dass man heute alle die Schlager noch kennt, selbst wenn man die Filme nicht mehr kennt. Und das hängt auch schon mit der Strategie der damaligen Konzerne zusammen, die eigene Musikverlage gegründet haben und diese Schlager ausgekoppelt haben, mit Interpreten aus dem Film, aber auch mit anderen Interpreten, die Notendrucke verlegt haben, so dass alle Tanzkapellen das nachspielen konnten."

Im damals noch neuen Medium des Radios haben diese Tonfilmschlager überlebt, lange nach dem Ende der Tonfilmoperette, der letzten Blüte einer unterhaltsam-satirischen, durchaus gesellschaftskritischen Gattung von Musiktheater, nur eben im Medium Film. Als die Na-tionalsozialisten die Regisseure, Komponisten und Darsteller der Tonfilmoperette, die ihnen natürlich ein Dorn im Auge war, ins Exil trieben oder in den Konzentrationslagern ermor-deten, wurde alles anders in der deutschen Unterhaltungsbranche.

 

Deutsche Welle, SWR 2