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Dieter David Scholz
Siehe auch am Ende Auszüge aus der "Ring"- Präsentation Katharina Wagners! Einer der langatmigsten "Ringe" Christian Thielemanns
Bayreuther „Ring“-CD-Produktion Zum ersten Mal seit Daniel Barenboims „Ring“ in den Neuzigerjahren, haben die Bayreuther Festspiele wieder einen eigenen „Ring“ auf CD herausgebracht. Es ist die szenisch wenig positiv aufgenommene Tancred-Dorst-Inszenierung, die musikalisch um so heftiger bejubelt wurde, da Christian Thielemann, einer der auratischsten Wagnerdirigenten – und Projek-tionsfläche für vielerlei Bedürfnisse - am Pult stand. Im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann hat die Wagner-Urenkelin Katharina Wagner, Intendantin der Bayreuther Festspiele, diese gewichtige, 14 CD umfassende Neuproduktion vor wenigen Tagen der Öffentlichkeit vor-gestellt. Die Box ist inzwischen im Handel. Mit einem aus der Urtiefe aufsteigenden Es-Dur-Dreiklang beginnt Wagners „Ring des Nibelungen“, die parabelhafte Tetralogie von der Welt Anfang und Ende im Dekor altger-manischer Mythen und Legenden, und mit der Psychologie und Dramaturgie des 19. Jahr-hunderts. Bis heute hat Wagners „Ring“ nichts von seiner Aktualität, Modernität und Brisanz eingebüßt. Allerdings stellt seine Realisierung – auch in Bayreuth - enorme Anforderungen an Orchester, Dirigenten und Sänger. Zu schweigen von Regie und Bühnenbild. Die jüngste Bay-reuther Produktion aus dem Jahre 2006 mit Christian Thielemann am Pult hat Tancred Dorst inszeniert. Er hat wenig Beifall dafür geerntet. Um so mehr Christian Thielemann, der für viele Wagnerianer der Wagnerdirigent schlechthin ist. Weshalb man sich in Bayreuth entschloß, diesen Ring nur auf CD herauszubringen, nicht auch auf DVD. Christian Thielemanns „Ring“ ist einer der langatmigsten. Auf 14 CDs benötigt er 14 Stunden und 56 Minuten. Also fast 15 Stunden. Zur Erinnerung, den schnellsten in Bayreuth dirigierte Karl Böhm 1966 mit 13 Stunden, 34 Minuten. Natürlich ist Tempo von vielerlei Faktoren abhängig und nicht Alles. Doch eine Differenz der Aufführungsdauern von andert-halb Stunden ist schon beträchtlich, sie betrifft vor allem die mittleren und langsamen Tempi. Man bedenke: Wagner fand die Uraufführung mit Hans Richter am Pult schon zu langsam, und der war immerhin eine halbe Stunde schneller als Thielemann. Natürlich steht und fällt jeder Ring mit den Sängern. Linda Watson als Brünnhilde und Albert Dohmen als Wotan schlagen sich redlich durch die Partitur, doch hat man schon weit bessere Interpreten gehört. Vor allem Linda Watson ist eine hörbar überalterte „Wunschmaid“. Zudem ist ihre Stimme, wie die aller Sänger, zu sehr vom Orchester überdeckt. Und der Orchesterklang ist oft mulmig, verwaschen und wenig brilliant. Katharina Wagner, die mit diesem Thielemann-Ring den Auftakt einer langfristigen Zusam-menarbeit mit dem britischen Label Opus Arte vorlegt, betonte auf ihrer Präsentation in Berlin die Eigenständigkeit dieser Live-Aufnahme aus dem Bayreuther Festspielhaus. Man hat im vergangenen Jahr den zweiten und dritten Zyklus des Rings aufgenommen: "Wir haben selber mikrophoniert, wir haben teilweise die Mikrophonierung vom Bayerischen Rundfunk ausgeliehen. Aber ich kann sie beruhigen, es ist kein Radiomitschnitt." (Katherina Wagner) Nun, so schlecht war der Mitschnitt des Bayerischen Rundfunks gar nicht. Immerhin hat der seit 1951 Erfahrung mit der Übertragungs- und Aufzeichnungstechnik aus dem Bayreuther Festspielhaus. Und man erinnert sich, dass die Rundfunkübertragung dieses "Rings" wesentlich klarer und präsenter klang als die nun vorgelegte CD-Produktion. (Aufnahme-technisch ist der nun auf CD vorgelegte "Ring" gelinde gesagt eine Katastrophe, er klingt, als hätten die Mikrofone hinter einem Vorhang. Peinlich, dass keiner der Verantwortlichen Einspruch gegen die Veröffentlichung erhob. Stephen Gould gehört als Siegfried noch zu den guten Sängern dieses Rings, er ist zwar kein Heldentenor, aber zumindest die lyrischen Passagen gelingen ihm einigermaßen. Eine der eindrucksvollsten Stimmen dieser Aufnahme ist neben Kwangchul Youn als Hunding und Christa Meyer als Erda die von Hans-Peter König als Hagen. Der eklatanteste sängerische Ausfall dieses Rings ist Endrik Wottrich zu verdanken. Dass dieser Tenor – mit einer (wie viele Wagnerenthusiasten seit Langem beklagen) der häss-lichsten Stimmen landauf – landab, in Bayreuth als Siegmund (den sonst die besten Tenöre zu singen pflegen) verpflichtet werden konnte, kann nicht künstlerische Gründe haben. Wenn man bedenkt, dass Wagner auf seinem Theater so etwas wie „deutscher Belcanto“ vorschwebte, und wenn man weiss, wie energisch er gegen jede Art von Schreigesang wetterte – die kleinen Noten und die Wortverständlichkeit waren ihm das Wichtigste – ist dieser "Ring" betrüblich. Doch sein Dirigent liebt bekanntlich laute Stimmen und laute Stellen. Er kann zwar auch leise Übergänge modellieren, aber immer wieder läßt er sich hinreißen zu Fortissimo-Orgien, die jedes Gespür für sensible Klangdramaturgie vermissen lassen. Es ist allgemein bekannt, daß die besondere Akustik von Bayreuth eigentlich nur im "Parsifal" wirklich funktioniert. Beim "Ring", der von viel dichteren Strukturen lebt, als der "Parsifal", ist die Bayreuther Akustik tückisch, da sie die Kontrapunktik dieses Werks verwischt. Da muß ein Dirigent schon sehr bewusst dagegen arbeiten, um einen transparenten Klang zu erreichen. Das aber ist Thielemanns Sache nicht: Er will überrumpeln und berauschen. Die Besonderheit des "unsichtbaren" Orchesters, in welchem durch die tiefe Aufstellung der Musiker unter der Bühne der direkte Kontakt der Musiker zur Bühne unmöglich ist, hat eine allgemeine Tendenz zu langsamen Tempi in Bayreuth zur Folge. Wieland Wagner beklagte nicht ohne Grund das weit verbreitete " Schleppen“ in Bayreuth. Aber schon Cosima notierte in ihrem Tagebuch, Richard habe ausgerufen: "Nicht einen Menschen hinterlasse ich, welcher mein Tempo kennt." In Bezug aufs "Rheingold" wurde er gegenüber einem seiner Dirigenten noch deutlicher: "Wenn Ihr nicht alle so langweilige Kerle wärt, müsste das Rheingold in zwei Stunden fertig sein." Thielemann benötigt 2 Stunden 21 Minuten. Wagner war der Meinung: "Stimmung ist gar nichts. Die Hauptsache ist und bleibt Kenntnis." Doch in Thielemanns „Ring“ herrscht Stimmung vor. Vergleicht man sein Dirigat mit dem an-deren Bayreuther Ring-Mitschnitten (ein rundes Dutzend), wird man ihn nicht zu den Besten zählen können, wenn man ehrlich ist. Zwar spielt das Bayreuther Orchester klangprächtig und technisch einwandfrei, doch Thielemanns Lesart ist pompös, spannungslos und pathetisch. Von Partituranalyse keine Spur. Statt Durchleuchten setzt er aufs Benebeln, statt Transparenz bevorzugt er massive Klangballungen, statt Dramatik epische Breite. Wer von Wagners lebenslanger Abneigung gegen alle Art von Blech-, Marsch- und Militär-musik weiß ahnt, dass Wagner, wenn er denn Blech und Marschmusik einsetzt, einen Hintersinn verfolgt. Wagners Walhallamarsch am Ende des Rheingolds beispielsweise kann man nur als Karikatur musikalischer Machtverklärung verstehen. „Dem Ende eilen sie zu, die so stark im bestehen sich wähnen“, singt Loge vor dem marschmusikbegleiteten Einzug der Götter in Walhall. Und Wagner setzt dem scharfen, penetranten Blechbläsermotiv des Mar-sches eine sehnsüchtige Holzbläsermelodie entgegen, die von Anderem als Einzugspomp kün-det. Ein Fall von ironischer Brechung in der kapitalismuskritischen Parabel vom Aufstieg und Untergang einer Herrscherdynastie. Nichts davon hört man bei Thielemann. Er läßt den Walhallamarsch wie unangefochten pompöse Staatsmusik zelebrieren. Aber so ist die Musik bei Wagner nicht gemeint! Beiträge in: WDR, MDR, SWR, Rondo... ______________________________________________________________________ Auszüge aus der Thielemann-„Ring“-Präsentation durch
Katharina Wagner war natürlich des Lobes voll über den Thielemann-Ring, dessen Aufnahme jetzt auf 14 CDs des britischen Labels Opus Arte vorliegt, mit dem die Bayreuther Festspiele langfristig zusammen arbeiten wollen. Und sie betont auch gleich die Eigenständigkeit dieser Live-Aufnahme aus dem Bayreuther Festspielhaus. Man habe im vergangenen Jahr den zweiten und dritten Zyklus des Rings mit eigener Technikcrew aufgenommen: ___________________________________________________________________________ O-Ton „Wir haben selber mikrophoniert, wir haben teilweise die Mikrophonierung vom BR ausgeliehen, und sozusagen ich kann sie beruhigen, es ist kein Radiomitschnitt.“ ___________________________________________________________________________ Wäre es doch einer gewesen. Die Aufnahmequalität wäre ganz sicher entschieden besser ausgefallen! Aber wer weiss, welche Gründe die Veröffentlichung des Radiomitschnitts verhinderten .... ! Dennoch wurde die Vorstellung der (schon aufnahmetechnisch unzureichenden) Thielemann-Ring-Produktion in Berlin als großes Medienspektakel, ja als Event zelebriert. Doch die Veranstaltung, der Thielemann fernblieb, geriet eher zur Personalityshow für Katharina Wagner, die Urenkelin des Ring-Komponisten. Die Moderatorin Christine Lemke-Matwey bot mit ihren Fragen der amtierenden Leiterin der Bayreuther Festspiele eine Plattform zu einer zwanglosen Plauderstunde über Gott und die Welt. Von den Augenproblemen ihrer – mitregierenden - Schwester Eva war die Rede, vom gesundheitlich guten Zustand des 90jährigen Wolfgang Wagner und von den Problemen der Kartenvergabe in Bayreuth. ___________________________________________________________________________ O-Ton 3 „Aber mir ist auch klar, dass wir zumindest unser Kartensystem umstellen müssen, dass wir auch im Internet Bestellungen entgegennehmen können. Das Problem ist nur, es geht kein Standardkartenprogramm, weil ein Standardkartenprogramm geht nicht davon aus, dass es Wartezeiten gibt, sondern teilt einfach Karten zu. Wir sind da seit über einem Jahr dran, ein Kartenprogramm zu entwickeln. Das ist die Hölle. „ ___________________________________________________________________________ Seit Wolfgang Wagner das Amt des Festspielleiters aufgab, hat sich die Gesellschafter-struktur der Bayreuther Festspiele geändert, Katharina ist quasi Staatsangestellte. Sie nahm denn in ihrer Enttäuschung über die Bürokratie kein Blatt vor den Mund. ___________________________________________________________________________ O-Ton 4 „Nein, also, ich muß ganz ehrlich sagen, manchmal ist man schon eher so Sklave der Verwaltung, und ich bin wirklich über das Ausmaß, was ausgefüllt und abgegeben werden muß, schockiert. Manchmal wünschte man sich n´ bisschen mehr Kunst und n´ bisschen weniger Papiere.“ ___________________________________________________________________________ Apropos Kunst. Man hörte aus dem Munde der Festspielleiterin Katharina Wagner, dass sie demnächst in Mainz Puccinis Madama Butterfly inszenieren werde und dass D´Alberts Tiefland ihr Lieblingsstück sei. ___________________________________________________________________________ O-Ton 5 „Das ist n Stück, das mir schon sehr am Herzen liegt. Puccini mag ich auch sehr gern. Aber an sich, ich hab auch nix dagegen, Wagner zu inszenieren.“ ___________________________________________________________________________ Beruhigend zu wissen! Die Wagnerianer dürfen sich denn auch schon jetzt auf das Jahr 2015 freuen, da wird Katharina in Bayreuth den Tristan inszenieren. Den neuen Ring im Jahr von Wagners zweihundertstem Geburtstag, 2013, für den man immer noch keinen Regisseur verpflichten konnte, wolle sie aber auf keinen Fall inszenieren, erklärte sie. ___________________________________________________________________________ O-Ton 6 „Mein Vater wollte das ganz geschickt machen, er wollte mir diesen Ring aufs Auge drücken, aber ich sagte, ich mach es nicht selbst, weil ich es nicht schaffe, es wäre völlig unseriös.“ ___________________________________________________________________________ Bleibt abzuwarten, wer seriöserweise diesen Ring inszenieren wird. Viel Zeit bleibt ja nicht mehr, einen namhaften Regisseur (mit nötiger Vorbereitungszeit) zu verpflichten. Dirigieren wird ihn jedenfalls der bereits unter Vertrag stehende Thielemann-Nachfolger Kyrill Petren-ko. Und dann stellte die feministisch engagierte Moderatorin Christine Lemke-Matwey ihre wichtigste Frage: ___________________________________________________________________________ O-Ton 7 „Wann steht denn die erste Frau in Bayreuth am Pult?“ ___________________________________________________________________________ O-Ton 8 „Ich glaub das ist jetzt nicht ne Nummer, dass man sagt, man lässt hier keine Frauen rein. Wir wollen für Bayreuth nur das Beste, aber das ist nicht an Männern oder Weibern gebunden.“ (Originalton! Katharina Wagner, wie auch die übrigen O-Töne) ___________________________________________________________________________
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