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Dieter David Scholz
Premierenkritik ... Und der Himmel hängt voller Ritter ... Tannhäuser-Premiere an der Deutschen Oper Berlin Längst hat es sich herumgesprochen: Die Opernlandschaft in der Hauptstadt ist keine „blü-hende“. Drei, was die künstlerische Qualität angeht, sehr durchwachsene Opernhäuser gibt es, aber keines kann sich uneingeschränkter öffentlicher Akzeptanz erfreuen. Die Komische Oper Berlin ist ein Bürgerschrecktheater sängerischer Drittklassigkeit, die gehätschelte Staatsoper Unter den Linden sucht eine neue Spielstätte und einen neuen Intendanten. Und an der Deutschen Oper Berlin geht es um die Frage, ob der Vertrag der umstrittenen Intendantin Kirsten Harms, die von Anbeginn ihrer Spielzeit wenig Fortüne hatte, verlängert wird. Gestern abend hatte ihre mit Spannung erwartete Neuinszenierung der romantischen Oper „Tannhäuser“ von Richard Wagner Premiere. Er sei der Welt noch einen Tannhäuser schuldig, betonte der alte Richard Wagner Cosima gegenüber einmal. Er hat mehrere Fassungen der Oper geschrieben, keine entsprach letztlich seinen Vorstellungen. Wenn Kirsten Harms sich in ihrer Tannhäuser-Neuinszenierung an der Deutschen Oper Berlin für die früheste, aber auch problematischste Dresdner Urfassung entschied, ist das immerhin ein Standpunkt, der nach Erklärung verlangt. Im Laufe des langen Abends hat die regieführende Hausherrin allerdings eher eine an dramaturgischer Unlogik und szenischem Mummenschanz reiche Produktion vorgelegt, die alles andere als überzeugte. Auch die sängerische Besetzung überzeugte nicht. Nadja Michael, die beide weiblichen Hauptrollen, Venus und Elisabeth sang, ist zwar eine bildschöne, hochgewachsene Frau mit nicht nur Mannequin-, sondern zweifellos auch schauspielerischen Qualitäten, doch ihr lispelnder, verwackelter Gesang hat oft mehr mit Schreien als mit Singen zu tun, von ihrer Wortunverständlichkeit ganz zu schweigen.
Venus und Elisabeth, das sind die zwei Gegensätze des Stücks, zwei Pole von Weiblichkeit, zwischen denen Wagner seinen Helden, Tannhäuser, hin und hertreibt, zwischen Hure und Heiliger. Kirsten Harms will den Zuschauer glauben machen, es seien zwei Seelen in einer weiblichen Brust. Zumindest zeigt sie viel nackte Brust. Schon in der Ouvertüre tauchen nach zeitlupenhaft freiem Fall eines Ritters aus dem Bühnenhimmel – es ist der rebellische Sänger Tannhäuser - mehrere Dutzend nackter Evas aus der Versenkung auf, von Seifenblasen umwölkt. Venus selbst entsteigt wie eine Dürersche Eva , nackt und mit körperlangem Haar dieser Badestube. Von Oben senken sich fledermausartige Dämonen vom Bühnenhimmel. Tannhäuser wird von den Dürer-Nackten seiner Rüstung entkleidet und ziert als kleiner dicker Mann in Unterwäsche die Bühne. Von Erotik keine Spur. Auch stimmlich eine Katastrophe. Torsten Kerl, der – von der Regisseurin im Sich gelassen wie die meisten Akteure, auch unsäglich spielte, wurde sicherheitshalber als indisponiert entschuldigt. Aber auch die übrige Besetzung war unter dem Niveau eines Hau-ses wie der Deutschen Oper Berlin. Zwei Lichtblicke gab es immerhin: Clemens Biber in der kleinen Partie des Walther von der Vogelweide und Markus Brück als Wolfram von Eschenbach. Noch nie hat man so viele eisenschwer glänzende und knatternde Ritter auf der Bühne gesehen wie gestern abend in der Deutschen Oper Berlin. Schon die Jagdgesellschaft am Ende des ersten Aktes zieht statt in Jagdkleidung, hoch gerüstete wie zum Turnierkampf und nahezu bewegungsunfähig, auf gepanzerten Papp-Pferden auf die Bühne, hereingeführt von ritterlich gepanzerten Knappen. Das ist so unsinnig wie der Aufmarsch der Gäste im zweiten Akt, deren männlicher Teil mit geschlossenem Visier beim Landgrafen antritt. Sogar die Minnesänger müssen in silbernen Rüstungen ihren Wettstreit ausfechten. Auch im dritten Akt, in dem die Bühne voll gestellt ist mit Krankenhausbetten, zwischen denen sich Venus-Elisabeth in absurder Einheit als mildtätige Heilige betätigt, und Zöpfe ringend alle Wagnerschen Szenenanweisungen Lügen straft, hängt der Himmel – wie meist in dieser Inszenierung- voller Ritter-Rüstungen. Von den Pilgerchören, die im ersten Akt als barmende Büßer im rot leuchtenden Fegefeuer gezeigt werden, ganz zu schweigen.
Dieser Tannhäuser ist eine in Sachen Personenführung so unbeholfene, wie konzeptionell ab-surde Aufführung. Ritter Tod und Teufel als hübsche Bebilderung in Ehren, aber ein solch pla-katives Mittelalter-Panorama kann als Bebilderung tieferer Sehnsüchte und Ängste des Men-schen nicht ernst genommen werden. Kirsten Harms ist auch mit ihrer dritten Regiearbeit, seitdem sie die Leitung des größten der drei Berliner Opernhäuser 2004 übernommen hat, gescheitert. Respekt darf man eigentlich nur dem Chor der Deutschen Oper zollen, und der Haustechnik, die unentwegt mit dem Auf und Abfahren der neuen Versenkungen und Hub-podien beschäftigt war. Das Orchester zeigte sich dagegen in schlechtester Verfassung. Dirigent Ulf Schirmer hat einen an Langeweile und Banalität nicht zu unterbietenden Tann-häuser dirigiert. Ein desaströser Abend. Der absolute Tiefpunkt der Amtszeit von Kirsten Harms. Kirsten Harms wolle, so las man in der Presse, von dieser mit Spannung erwarteten Insze-nierung ihr weiteres Verbleiben im Amt abhängig machen. Die Gerüchteküche brodelt seit einiger Zeit. Wird sie Harms ihren Vertrag über 2011 hinaus verlängert bekommen oder nicht? Kann sich die deutsche Hauptstadt neben der vakanten Intendantenstelle an der sanierungsbedürftigen Staatsoper, die ab 2010 vorübergehend an der Bismarckstraße Quar-tier nimmt, im benachbarten Schillertheater nämlich, noch eine zweite Baustelle an der Deut-schen Oper leisten? Der heruntergewirtschaftete Ruf des Hauses treibt potentielle Nachfolge-Bewerber sicher nicht in Scharen in die Stadt. Aber traut man der blassen, entscheidungs-schwachen Kirsten Harms zu, die heruntergewirtschaftete Deutsche Oper, die einmal das Aushängeschild Berlins war in Sachen Oper, wieder in beglückendere Gewässer zu manö-vrieren? Das Publikum jedenfalls gab ein eindeutiges Votum ab. Als Kirsten Hams vor den Vorhang trat, setzte das Publikum zu einem Buhsturm an, der seinesgleichen suchte. Den anwesenden führenden Kulturpolitikern Berlins ist dies sicher nicht entgangen. SWR / DW
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