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Dieter David Scholz
Buchtip für SWR 2 Musik aktuell Herbert Haffner: Genie
oder Scharlatan? Leopold Stokowski hat seine Zeitgenossen immer wieder irritiert, musikalisch wie biographisch. Er machte beispielsweise ein Geheimnis aus seiner Ab-stammung und seinem Geburtsjahr. Seine Bach-Bearbeitung für Sinfonieorchester, seine multimedialen, dirigentischen Selbstinzenierungen, seine Zusammenarbeit mit Walt Disney entzürnten viele „seriösen“ Musikfreunde. Lange vor Karajan war Stokowski, der ein Jahr vor Richard Wagners Tod, 1882, geboren wurde und erst 1977 starb, ein wegweisender Medienstar der modernen Musikbranche. Ursprünglich Organist, wurde er zu einem der umstrittensten, aber auch erfolgreichsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Jetzt, endlich, ist im Berliner Parthas Verlag ein Buch von Herbert Haffner über Leopold Stokowski erschienen: „Genie oder Scharlatan?“ ist es überschrieben.
Seit Leopold Stokowski 1940 mit Walt Disney den Musikfilm "Fantasia" produzierte, ist der Name Stokowski für manche Musikpuristen bis heute ein rotes Tuch. Doch über den Handschlag mit Mickey Mouse wird vergessen, dass Stokowski lange vor Arturo Toscanini ein immenses „seriöses“ Repertoire dirigierte und auf Platte einspielte, von Barockmusik über Romantik bis zur Neuen Musik, darunter mehr als 2000 Uraufführungen. Herbert Haffner dokumentiert dies eindrucksvoll und detailreich. Seine Stokowski-Biografie, die erste überhaupt, räumt mit so ziemlich allen Vorurteilen und Irritationen auf, die sich um die Legende Stokowski ranken, sowohl biografischen wie künst-lerischen. Mit staunenswertern Quellen- und Materialien-Auswertung zeichnet der Autor das Leben und die künstlerische Karriere dieses in England geborenen Sohnes eines polnischen Möbeltischlers nach, der nach dem Studium am Royal College of Music als Organist in London und dann in New York seine Karriere begann, um auf wunderliche Weise zum Chef des Philadelphia-Orchestra zu werden. Frauen spielten dabei stets eine große Rolle, wie man in dem Buch erfährt. Stokowski hat „sein“ Orchester in den Jahren 1912 bis 1936 zu einem beispiellosen Perfektionsinstrument und Supersound-Generator entwickelt. Kein Wunder, dass er von Philadelphia aus zum Weltstar. Wurde. Das moderne Riesenorchester war ihm im Grunde eine gigantisch vergrößerte, spätromantische Orgel, auf der er nach wie vor gelegent-lich auch Bach spielte, auf seine Weise. „Ich habe als Organist angefangen. Später, als ich Dirigent war, hatte ich keine Zeit mehr, die Orgel zu spielen. Dirigieren ist ein harter Beruf! Aber ich schrieb für mich privat Orgeltrans-kriptionen Bachs für Orchester. Die benutzte ich bei den Proben zur Orchestererziehung. Und irgendwann fragten die Musiker: Warum spielen wir diese Transkriptionen nicht öffentlich? Schließlich präsentierte Stokowski seine Orchestertranskriptionen Bachscher Orgelmusik einem begeisterten Publikum. Stokowskis d-moll-Orgeltoccata-Platte wurde zur meistver-kauften der Schallplattengeschichte. Nicht nur Stokowskis Bach-Bearbeitungen, auch sein rückhaltloses Eintreten für die Mo-derne, seine Selbstinszenierung am Pult und seine unorthodoxe Aufführungstechnik machten Stokowski zu einem Kultstar. Und doch gingen über keinen Dirigenten die Meinungen mehr auseinander als über ihn. Stokowskis Konzerte wurden zu musikalisch medialen Gesamtkunstwerken lange vor Herbert von Karajan. Aber auch sein glamouröses Privatleben, über das Haffner alles genüsslich ausplaudert, war aufregend. Stokowski war dreimal verheiratet, zuletzt mit der Schauspielerin Gloria Vanderbilt. In den Dreißigerjahren hatte er eine heftige Beziehung zu Greta Garbo. Von der Skandalpresse verfolgt, wurde er von einem Millionenpublikum als „Klangzauberer“ gefeiert, auch wenn Viele seine Eingriffe in den Notentext oder die ur-sprüngliche Orchesteraufstellung verurteilten. Doch seine Platten – sie gehören zu den auch klangtechnisch besten LP- bzw. CD-Produktionen überhaupt - dokumentieren, dass er einer der faszinierendsten Dirigenten des zwanzigsten Jahrhunderts war. Da ist die Frage nach Scharlatanerie oder Genie überflüssig, wie Herbert Haffner mit seiner sehr ausgewogenen und präzisen Biographie deutlich macht. Sie ist eines der besten Dirigentenporträts seit langem! Beitrag endet mit Musik
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