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Dieter David Scholz
Buch-Besprechung in MDR Figaro: Rehabilitation des Komponisten Liszt
Viel ist im Vorfeld des Gedenkens an Liszts Geburtstag vor 200 Jahren an neuer Literatur erschienen. Aber es sind fast ausschließlich biographische Bücher. Inmitten der vielen Neu-veröffentlichungen zu Liszts 200stem Geburtstag am 22. Oktober ist jetzt ein Buch er-schienen, das Liszt als verkanntes musikalisches „Genie im Abseits“ rehabilitiert. Autor dieser 500seitigen Liszt-Biographie ist der Musikwissenschaftler Michael Stegemann.
Das allgemeine Naserümpfen über Liszts Symphonische Dichtung „Les Préludes“, die die Nationalsozialisten gewaltsam und ohne irgend eine inhaltliche Rechtfertigung missbrauchten „als musikalisches Signet für Sondermeldungen der Wehrmacht im Rundfunk“ ist bezeich-nend für den heutigen Umgang mit Franz Liszt und seiner Musik. Michael Stegemann empört sich denn auch in seiner Liszt-Biographie darüber, „dass sich ein erheblicher“, nämlich „der überwiegende Teil der Musiker trotz der Neuartigkeit und Großartigkeit der Musik Liszts so wenig mit ihr anfreunden kann.“ Deshalb setzt er den Hauptakzent seines Liszt-Buches auf die Musik, die alle anderen Neuerscheinungen ziemlich vernachlässigen. Und Stegemann macht deutlich, wie fortschrittlich Liszts Musik ist. Sowohl seine pianistische, als auch seine sympho-nische. Und nennt als Kronzeugen den Komponisten Ferrucio Busoni, einen der Reprä-sentanten der musikalischen Moderne. Busoni hat es 1920 ausgesprochen: „Im letzten Grun-de stammen wir alle von ihm – Wagner nicht ausgenommen“. Michael Stegemanns Buch schöpft aus einer bewundernswert umfassenden Kenntnis des mu-sikalischen wie schriftstellerischen und brieflichen Oeuvres Liszts und porträtiert ihn als hell-wachen, zwar ungarisch angehauchten, deutsch-österreichisch ausgebildeten, aber doch fran-zösisch geprägten Weltbürger der Musik. Auch in seinen Weimarer Hofkapellmeisterjahren, die seinen Pariser Virtuosenjahren folgten, so belegt Stegemann, hat Liszt sehr viel franzö-sische Musik auf- und uraufgeführt. Stegemann stellt klar: Liszt ist im Grunde ein ebenso „deutsches Missverständnis“ wie Richard Wagner. Und Wagner hatte Liszt viel zu ver-danken, nicht nur an finanzieller und propagandistischer Unterstützung, sondern auch an musi-kalischen Ideen und Anregungen, bis hin zum Parsifal. Keines der neueren Liszt-Bücher hat sich so gründlich mit der Musik Liszts auseinander-gesetzt wie das von Michael Stegemann. Und er schreibt über Manches, worüber meist geschwiegen wird. Nicht nur in Sachen Musik. Zum Beispiel über die finanzielle Situation Liszts. Wovon lebte Liszt eigentlich die restlichen 38 Jahre, nachdem er sich mit 37 vom kommerziellen Klavierspiel verabschiedete und nahezu keine Einkünfte mehr hatte? Liszt, so erfährt man, lebte neben gelegentlichen Zuwendungen seiner adligen Verehrerinnen von den Zinsen seines zu Virtuosenzeiten angehäuften Vermögens, das er bei der Pariser Rothschild-Bank deponiert hatte. Und Stegeman stellt Liszt im Gegensatz zu Wagner als sympathisch bescheidene Persönlichkeit dar. Der lebenslange Nomade bewohnte meist einfachste Hotels, wo er nicht von seinen Geliebten oder Mäzenen privat untergebracht wurde, er rauchte viele, aber billige Zigarren und trank täglich eine Flasche Cognac, aber nicht den teuersten.
Besonders verdienstvoll ist es, dass Michael Stegemann der Frage nachgeht, wie es eigentlich zu der Verdrängung Liszts, die ja bis heute andauert, kommen konnte. Seine Antwort: Sie ist „das Ergebnis einer systematischen Demontage“, die schon zu seinen Lebzeiten begonnen habe. Vor allem mit Marie d´Agoults (der einstigen Geliebten Liszts) viel gelesenem Roman „Nélida“, in dem Liszt als kreativ impotenter Komponisten karikiert wird. Aber auch die infamen Schmähungen und Ausgrenzungen durch Robert und Clara Schumann, durch Jo-hannes Brahms und andere konservativer Gegner der Programmusik, „allen voran der Wiener Kritikerpapst Eduard Hanslick“, haben Liszts Ruf sehr geschadet. Man freut sich, dass endlich einmal ein Repräsentant seiner Zunft, Michael Stegemann, das Versagen der Musikwissenschaft benennt, das widersprüchlich-faszinierende Phänomen Liszt nicht angemessen erkannt und gewürdigt zu haben. Es gibt bis heute keine zuverlässigen No-teneditionen Liszts, nicht einmal ein abgeschlossenes thematisch chronologisches Werk-verzeichnis. Michael Stegemann hängt seinem Buch denn auch ein vorläufiges, zum prakti-schen Gebrauch aber sehr nützliches an. Stegemann weist auf viele anhaltende Probleme der Liszt-Rezeption hin, und der Liszt-Literatur. Zurecht bedauert er, dass die unüberbotene Referenzmonographie des britisch-kanadischen Liszt-Forschers Alan Walker – im Umfang von 1700 Seiten - bis heute nicht ins Deutsche übersetzt worden ist. - Gerade deshalb ist sein mit wissenschaftlicher Sorgfalt geschriebenes Buch jenseits üblicher Biographik so wichtig. Stegemann rehabilitiert Liszt als „eine der Schlüsselfiguren der euro-päischen Moderne auf ihrem Weg in die Moderne“. Quasi musikalisch hat er sein Buch denn auch strukturiert. Er nennt die zwölf Kapitel „biografische Etüden in zunehmendem Schwie-rigkeitsgrad“, angelehnt an Liszts pianistisches Wunderwerk der „Douze Ètudes d´execution transzendante“. Ein ungewöhnliches, ein gelehrtes und doch für Jedermann leicht lesbares, interessantes, ja spannendes Plädoyer für den Komponisten Liszt.
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