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Dieter David Scholz
Buch-Besprechung SWR 2, Musik aktuell + Das Orchester/Schott Verlag Michael von
Soden: MVS Verlag, 72 S., 16.80 Euro
An Wagnerliteratur ist wahrlich kein Mangel. Jedes Jahr erscheinen – nicht nur im Umfeld der Bayreuther Festspiele – Unmengen an neuen Publikationen über Richard Wagner. Das meiste davon – selbst namhafter, großer Verlage – ist verzichtbar. Um so überraschender ist ein außerordentlich sorgfältig gestaltetes Büchlein, das soeben bei einem kleinen Verlag, dem MVS-Verlag, herausgekommen ist, den der Autor des Buches, Michael von Soden vor wenigen Monaten erst gegründet hat. Michael von Soden hat in den Siebziger- und Acht-zigerjahren mit einer Reihe von Wagnerpublikationen auf sich aufmerksam gemacht, bevor er sich aus der Wagnerforschung zurückgezogen hat und bis heute den Großteil seiner Zeit als PR-Berater einer namhaften Agentur zur Verfügung stellt. Jetzt, kurz vor seiner Pensio-nie-rung, hat er sich den Traum erfüllt und einen eigenen Verlag gegründet. Sein erstes selbst ver-legtes Buch aus eigener Feder ist einer kurzen Phase im Leben Richard Wagners gewidmet, derjenigen, die der Komponist im Rhein-Main-Gebiet verbrachte.
Wagner hatte 1859 die Partitur seines "Tristan" abgeschlossen. An eine Aufführung war zum diesem Zeitpunkt nicht zu denken. 1861 unternahm Wagner den Versuch, in Paris mit dem „Tannhäuser“ zu reüssieren. Man führte ihn nach 164 Proben auch auf. Doch es wurde ein Fiasko. Man buhte und pfiff Wagner aus. Es kam zum Skandal. Der Komponist floh über Karlsruhe und Weimar nach Wien, wo man ihm mitteilte, dass der Tristan unaufführbar sei und stattdessen Jacques Offenbachs romantische Oper „Die Rheinnixen“ uraufführte. "Wagner war in einer sonderbaren Situation, man könnte sie als ein Vakuum in seinem Dasein bezeichnen, nichts funktionierte zu diesem Zeitpunkt." (Michael von Soden) Von seinen ehemaligen Zürcher Gönnern, den Wesendoncks eingeladen, verbringt Wagner einige Tage in Venedig, wo in ihm der lange gefasste und bereits als Prosaentwurf vorlie-gende Entschluss reifte, die "Meistersinger" auszuarbeiten. Da er mit seinem bisherigen Ver-leger Breitkopf und Härtel gebrochen hatte, war er auf der Suche nach einem neuen Verleger. Er sandte einen zweiten, glänzenden Prosaentwurf der Meistersinger an Franz Schott in Mainz. – Er ist in Michael von Sodens Büchlein bestens kommentiert abgedruckt - Schon kurze Zeit später liest ihn Wagner in Mainz Schott und geladenen Gästen vor. Wagners Lesung machte tiefen Eindruck. Der Verleger beschließt, die Meistersinger anzunehmen und gewährt Wagner - der wieder einmal pleite ist - sogar Vorschuss. "Das hat alles geklappt und so kamen doch sehr gewichtige Gründe zusammen, die Wagner bewogen, möglichst in der Nähe dieses Verlegers zu bleiben." (Michael von Soden)
Wagner ließ sich im nur wenige Kilometer entfernt gelegenen Biebrich, auf der anderen Seite des Rheins, nieder. - Von Februar bis November 1862 wohnte Wagner in Biebrich. Ein kur-zes, aber folgenreiches Intermezzo in einer an Stationen reichen europäischen Vita, ein Inter-mezzo, das denn auch in den meisten Wagnerbiographien eher beiläufig abgehandelt wird. Michael von Soden jedoch hat sich auf Spurensuche begeben, hat genauestens recherchiert, hat alle Orte Wagners aufgesucht und eine Wege rekonstruiert. "Es ist schon ein gewisser detektivischer Spürsinn in mir. Auf diesen ganzen Wegen noch einmal zu gehen und dann zu fragen, wie war das genau?" Und all das ist nicht nur nachzulesen, sondern auch im Bild zu sehen, in Darstellungen von einst und jetzt. "So dass man also das Einst und Jetzt und auch wie es oft kaum verändert vor uns liegt, festhalten kann. Ich glaube, allein das macht dieses kleine Büchlein schon zu einem Abenteuer, bei dem sich sagen kann, die Vergangenheit ist relativ nah." Michael von Soden unterschlägt nichts, auch die amourösen Beziehungen nicht, die Wagner damals zu Friederike Meyer und Mathilde Maier unterhielt. Die eine war Schauspielerin in Frankfurt, die andere Büroangestellte beim Schott Verlag in Mainz. Was aber entscheidender ist, von Soden verdeutlicht, und es ist bisher nie so deutlich geworden, dass in Biebrich die Beziehung Wagners zu Cosima von Bülow – Liszts Tochter und Gattin des Wagner anhim-melnden Dirigenten Hans von Bülow sich dramatisch intensivierten. "Insofern könnte man sagen, es hat die Beziehung zu Cosima von Bülow in der kurzen Periode, als Wagner in Biebrich war, und sich auch in Frankfurt, in Darmstadt und in der Umgebung aufhielt, dort eigentlich jenen entscheidenden Anstoß bekommen, ..." (Michael von Soden) ... der dazu führte, dass Cosima ihren Mann verließ, um für immer Wagner anzugehören. Aber auch entscheidende Vorbereitungen einer zunächst noch gar nicht abzusehenden "Tristan" -Aufführung wurden in Biebrich getätigt: Wagner studierte mit dem Sängerehepaar Schnorr von Carolsfeld die Titelpartien ein.
Wagner, so liest man bei von Soden, hat bei seinem ersten eigenen "Lohengrin"-Dirigat in Franfurt am Main im September 1862 den Sänger Karl Hill kennen gelernt. Er sang den Wolfram. Wagner holte diesen Sänger später als Alberich und Klingsor nach Bayreuth. Auch die Uraufführung der Wesendonck-Lieder fällt in die Rhein-Main-Zeit Wagners. Vorgetragen wurden die 5 Lieder von Emilie Genast, mit Hans von Bülow am Klavier, im heutigen Wag-ner-Saal bei Schott in Mainz, Weihergarten 5. Der Saal ist noch heute erhalten, wie die Abbildung im Buch zeigt.
Wagner wurde inzwischen in Biebrich gekündigt. Er hatte kein Geld mehr und verließ am 13. November 1862 das Rhein-Main-Gebiet. Er gab finanziell kaum einträgliche Konzerte in Russland und kehrt nach Wien zurück, wo er soviel Schulden angehäuft hatte, dass er in Frauenkleidern floh, um seinen Gläubigern zu entkommen. Was von Soden zutage förderte, dass das in Frankfurt ansässige Freie Deutsche Hochstift - eines der ältesten Kulturinstitute Deutschlands und Träger des Frankfurter Goethe-Museums - dem Tondichter zu jener Zeit den Meistertitel verlieh. Von Soden hat erstmals die Urkunde und Wagners Briefwechsel mit dem Institut aufgespürt und auch abgedruckt. "Das war für mich eine Sensation. Ich habe diese Briefe transkribiert, diese Urkunde, in der ihm der Meistertitel verliehen wird, also eine geradezu offiziöse Nobilitierung, und habe sie dann zum Kern diese Buches gemacht." (Michael von Soden)
Das Freie Deutsche Hochstift schrieb Wagner in Wien an, doch der Empfänger war inzwi-schen „unbekannt verzogen“. Was der Titel des Buches aufgreift. Wagner wollte sich, arbeits- und mittellos, hoch verschuldet und als Komponist wenig gefragt, in der Schwä-bischen Alb vor der Wellt verstecken. Und dann geschah das Wunder: Der junge, eben erst inthronisierte König Ludwig II.. von Bayern ließ Wagner suchen, um ihn ein für alle Mal aller finanzieller Sorgen zu entheben. Wagner war gerettet. In München sorgte Ludwig II. schließlich für die Uraufführung nicht nur des "Tristan", sondern auch der "Meistersinger". Doch das ist ein anderes Kapitel in Wagners Leben. Das Rhein-Main-Kapitel, in dem wich-tige Weichen für Wagners weiteres Leben gestellt wurden, hat Michael von Soden so genau wie keiner vor ihm recherchiert und dargestellt in einem an Dokumenten und Abbildungen reichen, aber auch liebevoll gestalteten Buch, das allerdings einstweilen nur über seine Inter-net-Adresse zu beziehen ist: www.mvs-verlag.de
Quaglio: Uraufführungsentwurf, 1. Akt Meistersinger, München
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