Dieter David Scholz  

 Diskoraphischer Abschied
der "Kindertrompete" 

 

Am 17. April feierte sie ihren siebzigsten Geburtstag, die „Kindertrompete“, wie Wieland Wagner sie einst nannte: Anja Silja. Die Sopranistin war eine der Säulen Neu-Bayreuths. Und sie ist bis heute eine gefeierte Sängerdarstellerin, wenn inzwischen auch nur noch im kleinen Charakterfach. Auf Platten- und CD-Produktion hat sich Anja Silja immer rargemacht. Jetzt, zu ihrem Siebzigsten, hat sie eine CD mit russischen Liedern herausgebracht, gemeinsam mit dem Pianisten Andrej Hoteev.

 

„Der Kampf ist vorbei, ich habe sie alle besiegt“, heißt es im 4. Lied „Der Feldmarschall“ aus dem Zyklus der „Lieder und Tänze des Todes“ von Modest Mussorgsky. Die große Wagnersängerin der Deutschen Nachkriegszeit, Anja Silja, hat diesen Rückschau haltenden Zyklus, neben Liedern von Rachmaninow, kurz vor ihrem 70sten Geburtstag auf CD vor-gelegt. Man ist geneigt, diese Veröffentlichung als Verabschiedung der Sängerin zu verstehen, wo sie doch schon zu ihrem 65. Ge­burtstag bekannte:

 „Na, ja, ich schaue immer nur zurück! Weil, wie gesagt, mein Theaterleben hat eigentlich mit dem Tod von Wieland Wagners aufgehört, wirklich zu sein."

Das war in den Sechzigerjahren. Natürlich hat sie seither noch viel gesungen auf den Bühnen der Welt, vor allem charaktervolle Partien. Doch in den letzten Jahren wurden die Partien immer kleiner, die Silja sang immer seltener, naturgemäß hat ihre Stimme nicht mehr die jugendliche Kraft von einst, die ihr den Spitznamen „Kindertrompete“ einbrachte. Aber Anja Silja punktet noch immer mit Ausdruck und großer dramatisch-pathetischer Sprachbehand-lung.

„Die ganze Singerei ist für mich völlig witzlos, wenn die Sprache und die Darstellung nicht in den Vordergrund gesetzt wird."

Auch in den Rachmaninow-Liedern, die Anja Silja auf ihrem ersten offiziellen Rezital-CD singt, geht es – wie im Mussorgsky-Zyklus - um den Tod und die Einsamkeit. Nicht zufällig hat Anja Silja sich diese Lieder zusammengestellt. Es sind die Leitthemen ihrer eigenen Existenz, wie sie immer bekannte, denn zwei Männer, die ihr Leben bestimmten, sind ihr zu früh weggestorben: der Regisseur Wieland Wagner und der Dirigent André Cluytens. Und ihre Endloskarriere läßt keine Wünsche mehr offen. Es sind aber auch die zen-tralen Themen ihrer großen Abschiedspartien auf der Bühne gewesen, die der Emilia Marti in Janaceks „Sache Makropoulos“  und der Küsterin in dessen „Jenufa“. Insofern ist es nur folgerichtig, wenn sich Anja Silja spät, sehr spät  zu diesem CD-Rezital entschlossen hat und offenbar über ihren Schatten gesprungen ist, wo sie doch immer unumwunden eingestand:

„Schallplattensingen ist für mich völlig langweilig.

Aber Anja Silja wollte offenbar ein finales discographisches Ausrufezeichen setzen. Als dauerhaften Erinnerung an eine singuläre Sängerdarstellerin. Das ist ihr zweifellos gelungen mit einem auf Ihre individuelle - seelische wie stimmliche - Befindlichkeit zugeschnittenen Lied-Vortrag, den der russische Pianist Andrej Hoteev kompetent und einfühlsam begleitete.

 

NDR Kultur 2.4.2010 & SWR 2 "Neues vom Klassikmarkt" 8.5.2010

 

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siehe auch: Kapitel über Anja Silja, in: Dieter David Scholz "Mythos Primadonna"
                 meine Rezension der Autobiographie "Die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren"
                 meine Rezension "Die Sache Makropoulos"  (Janacek) mit Anja Silja u.a. ...

Gesprächsabend mit Anja Silja im Berliner Renaissancetheater