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Dieter David Scholz
Ausstellung Psychoanalyse. Sigmund Freud zum 150. Geburtstag. Eine Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin – 7. April bis 27. August 2006
Große Ereignisse werfen gelegentlich ihre Schatten voraus. Am 6. Mai 2006 jährt sich der Geburtstag von Sigmund Freud zum 150. Mal. Aus diesem Anlaß erinnert das Jüdische Mu-seum Berlin schon jetzt mit der Ausstellung „Psychoanalyse. Sigmund Freud zum 150. Ge-burtstag“ an den großen jüdischen Erfinder der Psychoanalyse. Längst sind die psychoanalytischen Grundbegriffe Sigmund Freuds in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen, auch wenn nicht jeder genau weiß, was Begriffe wie Hysterie, Trieb, Verdrängung, Übertragung oder Sublimierung eigentlich meinen. Am 9. Mai sind es 150 Jahre her, dass der Vater der Psychoanalyse, Sigmund Freud in Mähren geboren wurde, bevor er in Wien ansässig wurde und berühmt. 1939 starb Sigmund Freud im Lon-doner Exil. Das Vokabular seiner Psychoanalyse – der Lehre vom Unbewußten, vom Trieb und von seiner Verdrängung bzw. Sublimierung als Grundlage unserer Kultur und von den drei Instanzen der menschlichen Seele: Ich, Es und Über-Ich - hat seit mehr als hundert Jahren, wenn auch immer wieder angefochten, das Denken des modernen Menschen radikal verändert. Eben das zu vergegenwärtigen, ist das Anliegen der neuen Ausstellung des Jüdi-schen Museums Berlin, wie dessen Programmdirektorin, Cilly Kugelmann, erläutert: "Wir wollten noch einmal vergegenwärtigen, welche revolutionäre Theorie über den Menschen er der Welt geschenkt hat und wie sehr es das Denken Aller beeinflusst hat, die sich heute mit menschlichen Problemen beschäftigen." Diese Berliner Freud-Ausstellung ist allerdings keine Ausstellung über den Juden Sigmund Freud und Probleme des jüdischen Selbstverständnisses oder gar antisemitischer Angriffe auf Freud, wie man in einem jüdischen Museum vermuten könnte. Und was interessant wäre. "Wir wollten keine Ausstellung machen, die ihn nur als Juden porträtiert, Freud ist in einer Zeit aufgewachsen, in der das Selbstverständnis als Jude sehr brüchig geworden ist, er hat einen sehr eigenen, sehr revolutionären Weg gewählt, wie er damit fertig geworden ist, und der führt aus der jüdischen Religion heraus, ohne dass Freud konvertiert oder dass er verleugnet, Jude zu sein." Die Sigmund Freud-Ausstellung im Berliner Jüdischen Museum ist denn auch alles andere als eine traditionelle, museale Dokumentation mit authentischen Exponaten der Freud-Zeit, keine Ausstellung über die Biographie Freuds oder die Geschichte der Psychoanalyse, sondern eine Ausstellung über Gedanken, über ein Textsystem, über eine Sprache, die das, was man Seele nennt, oder das sogenannte Unbewußte, veranschaulichen will. Und sie tut es auf ungewöhn-liche Art und Weise, mit einer Art Installation, mit alltäglichen Assoziationen, mit einer Film-darbietung, mit Hörspielstationen und Lesetafeln und einem Labyrinth aus frech und grell leuchtenden Begriffen, die von der Decke herab hängen, und den nüchternen Erklärungen dazu am Fußboden.
Im Eingang des eher bescheidenen Ausstellungsraumes thront eine überdimensionierte Ge-burtstagstorte. Sie ist dekoriert mit 24 Stationen aus Freuds Leben, dekoriert mit Alltags-objekten, die das Gemeinte veranschaulichen. Es sind Objekte aus dem Spielzeugladen, aus dem Baumarkt oder vom Trödel: Gummi-Entchen, Püppchen, Dosenöffner, Plüsch-Ratten, ein Zwicker. Alles ist rein assoziativ, ist frei von Bildungsballast und Museumsmuff. Allerdings auch vom (zurecht) erwarteten Dokumentations- und Informationsangebot. Die Ausstellung hat etwas Zeitgeistiges, Hippes, Leichtes und Avantgradistisches, ja Abstraktes. Dazu Nicola Lepp, die Kuratorin der Ausstellung: "Wir haben es bei der Psychoanalyse mit einer Wissenschaft zu tun, die überhaupt nicht bild-haft funktioniert, die Psychoanalyse ist eine sprachfokussierte Wissenschaft, und sie zeichnet sich nicht gerade durch Opulenz ihrer Arbeitsgerätschaften aus." Aber nicht einmal das berühmte Sofa, kein Sessel, kein Photo vom Freudzimmer erwartet den Besucher. Stattdessen schlichte assoziative Photos von heutige Psychoanalytikern aus der Perspektive der Analytikercouch... Nichts Originales von Freud oder aus der Freudzeit. Kein Hut, kein Stock, nichts. Worte und Zeichen stattdessen, lichterbunt leuchtend und strahlend weiß. Ein Seelen- und Leseraum für die Neugierigen der noch Nicht-Freudianer, wie Daniel Tyradellis, der wissenschaftliche Leiter der Ausstellung, meint: "Wir wollten keine Ausstellung in erster Linie für Fachleute machen, sondern ein möglichst großes Publikum interessieren, begeistern und vielleicht auch hier und da provozieren, damit es sich mit dem, was Psychoanalyse in unserer Kultur heute ist, beschäftigt." Cilly Kugelmann will in dieser Freud-Ausstellung mehr sehen als nur eine Hommage an den Vater der Psychoanalyse. Es geht ihr auch die um Bewußtwerdung, daß die Aufarbeitung der deutschen Geschichte in der zweiten Hälfte des zwanzigste Jahrhunderts ohne Freud nicht möglich geworden wäre, denn … "... ohne die psychoanalytischen Begriffe oder den psychoanalytischen Zugang zu menschlichem Verhalten wäre die Auseinandersetzung einer Gesellschaft mit den eigenen kriminellen Taten gar nicht denkbar gewesen. Ich erwähne nur Alexander Mitscherlichs Buch über die Unfähigkeit zu Trauern ..." Wer sich durch diese ungewöhnliche Sigmund Freud-Ausstellung in Berlin angeregt fühlt zu eingehenderer Beschäftigung mit der Psychoanalyse, der findet im trendigen Ausstellungs-katalog inklusive Freud-Hörspiel auf CD, der für 24 Euro 90 käuflich zu erweben ist, einen ersten Einstieg, mehr allerdings auch nicht! Und für alle, die seelisch nahe am Wasser gebaut sind, gibt es praktische Taschentuchspender für Freud und Leid.
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