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Dieter David Scholz

Kritik


Unter der Hochzeitstafel

Richard Wagner: Siegfried am DNT Weimar
Inszenierung: Michael Schulz
ML: Cal St.Clair

 

Im Juli vergangenen Jahres hat man im Deutschen National Theater Weimar das ehrgeizige Projekt eines neuen „Rings“ mit dem Rheingold begonnen. Im April dieses Jahres folgte die „Walküre“. Beide Produktionen waren äußerst erfolgreich. Am 5. Oktober 2007 war Pre-miere des „Siegfried“.

Wo hätte man je einen Mime in der Kittelschürze und mit Dutt gesehen? Als Charlotte von Mahlsdorf tritt der Zwerg auf. Frieder Aurich leiht ihm seine Stimme. Mime als Transvetit, eine respektable schauspielerische Leistung, auch stimmlich überzeugend. Regisseur Michael Schulz, Operndirektor am DNT Weimar und designierter Generalintendant am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen, läßt es an gewitzter, an ironischer Personenführung nicht mangeln. Das  hat er schon in den beiden ersten Abenden des Rings deutlich gemacht. Seinem Kon-zept gemäß zeigt er auch den „Siegfried „ als Familiensaga, Politthriller und Mythenentwurf aus dem Menschlich-Allzumenschlichen heraus. Er entwickelt auch diesen zweiten Abend der Wagnerschen Tetralogie ganz aus dem Alltäglichen, dem uns heute Vertrauten, und das spielerisch, theatralisch, auch ironisch. Die große Wagnersche Geschichte von der Welt Anfang und Ende erzählt er in heutigen Bildern. Kinder-Familienzauber ist es, den Michael Schulz entfesselt, auf weitgehend leerer Bühne. Im „Siegfried“ macht er Theater auf dem Theater. Er zeigt das Stück  als Zeitreise zwischen Kindheit, Erwachsenwerden, Muttersuche und erstem Liebeserlebnis.

Auch wenn die Schmiedeszene Siegfrieds am Küchentisch eher verlegen war, obwohl die heikelsten handwerklichen Schmiededetails noch hinterm Küchenfenster erledigt wurden: Selbst begabte, große Regisseure sind daran schon gescheitert. Auch das mit dem Drachen war in der Weimarer Neuinszenierung nicht ganz überzeugend. Man sieht zwar schon vorab, wie Fafner ein Zimmer mit Geldsäcken füllt und sich darin badet. Folgerichtig wird er selbst zum Geldsack: Eine Mischung aus Buddha, Bacchus und gigantischer Speckfalten-Krinoline. Dieser Fettsack tritt also zum Drachenkampf an. Glaubwürdig ist das szenisch nicht. Wenn auch gut gedacht. Wie im Grunde die ganze Inszenierung. Sie ist, von diesen beiden Szenen abgesehen, durchaus schlüssig. Es gibt allerhand stumme Darsteller, die Götter Donner und Froh beispielsweise, es gibt wie schon in „Rheingold“ und „Walküre“ einige Kinder, die auf die Zukunft verwiesen, wobei der Einfall, Alberichs Sohn Hagen - der in der Götterdämme-rung Siegfried töten wird - schon ins Spiel zu bringen, sehr einleuchtend ist. Warum Brünnhildes Pferd Grane allerdings als alte Frau auftritt, und in der Schlußszene gleich mit drei Doppelgängerinnen, bleibt rätselhaft. Waldvögel gibt es auch gleich mehrere, fünft an der Zahl, wenn ich richtig gezählt habe, sie traten als leichte Mädchen auf. Wunschphantasien des pubertierenden Siegfried, der übrigens wirklich als das gezeigt wird, was er ist, ein ungeho-belter, brutaler Prolet der Zukunft.  Im dritten Akt beweist Regis­seur Michael Schulz dann seine Qualitäten mit bewegenden Bildern. Eine ganze Theaterbühne mit Portal und Vorhang fährt zum Auftritt der Urmutter Erda sich drehend auf die Bühne. Und wenn ihr hinterer Laufsteg schließlich zum Hochzeitstisch von Siegfried und Brünnhilde wird, an dem das ungleiche Paar seine Scham, seine  Unschuld, seine erotische Unerfahrenheit, auch seine  Angst debattiert, um schließlich in pubertären Albereien unterm Tisch zu enden, dann hat das soviel Witz, Charme und psychologische Überredungskraft, daß man alle fragwürdigen Momente der Inszenierung vergißt. 

Zumal auch die sängerische Besetzung bis auf eine Ausnahme vorzüglich genannt werden darf. Eine eklatante Fehlbesetzung war der Wanderer, also der umherschweifende Wotan, den Tomas Möwes sang. Seine Stimme ist für diese Partie viel zu klein, zu hell, auch zu erschöpft inzwischen. Die ganze Heldenbariton-Autoriität der Partie blieb aus. Die Figur verliert ihre Glaubwürdigkeit.

An der fehlte es Nadine Weissmann nicht. Sie sang eine kontraalt-profunde Urmutter Erda. Und sie hatte einen der schönsten Auftritte in dieser Inszenierung. Fabelhaft war auch der Alberich von Mario Hoff. Alles in allem eine vorzügliche Ensembleleistung, die von der hauseigenen Hochdramatischen Catherine Foster als Brünnhilde gekrönt wurde. Eine impo-sante Stimme. Sie hat fast Nilsson-Format. Mit konkurrenzlosen Spitzentönen, und dabei ein warmer und anrührend mädchenhafter Sopran, der auch des Lyrischen fähig ist.

Ein Glücksfall für das Publikum war sicher das Pech, daß der hauseigene Tenor John Keyes wegen einer Verletzung ausfiel und ersetzt werden mußte. Für ihn sprang zwei Tage vor der Premiere Stefan Vinke ein, der zu den international gefragten jungen Shootingstars im Heldentenorfach zählt. Er offenbarte zwar im ersten Akt allerhand gesangstechnische Pro-bleme, die zu sehr unschönen Ergebnissen führten, aber im dritten Akt hatte er sich frei gesungen und das finale Liebesduett (wenn man es so nennen darf) von Siegfried und Brünnhilde wurde zu einem Triumph für beide Sänger.  

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Alle Photos Forster

Einen Triumph feierte auch der GMD des DNT Weimar, Carl St. Clair. In der nächsten Spielzeit wird er zur Komischen Oper  Berlin wechseln. Das DNT Weimar verliert damit einen überragenden, einen so sensiblen wie kraftvoll disponierenden, klugen Wagnerdirigen-ten. Wie schon in den zwei ersten Abenden der Tetralogie demonstriert er auch mit dem „Siegfried“ großes Format. Fern aller konventionellen Wagnertümeleien. Die Tempi sind sehr straff, da ist nichts breit oder weihevoll. Der Orchesterklang ist  transparent. Die Orchester-farben leuchten. Die Staatskapelle spielt brilliant. Dieser Ring ist musikalisch Spitzenklasse. Es muß nicht immer Bayreuth sein!

Beiträge in. MDR, DLF