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Dieter David Scholz
Nachruf Zwischen Genie und Scharlatanerie Zum Tode des Opernregisseurs Christoph Schlingensief
Christoph Schlingensief, eine der umstrittensten wie gefeiertsten Kultfiguren der jüngsten Opernwelt ist am 21. August 2010 im Alter von 49 Jahren ver-storben. Der Rummel um ihn erreichte zuletzt unverständliche Ausmaße. Dabei wurde der Schauspieler, Provokateur, Kunstphilosophierer, Selbstdar-steller, Regisseur, Religions- und Operndorfgründer in Westafrika und Meisterkleckser (mit dem Hang zu Kitsch und Trash) nicht selten als hand-werklicher Dilletant, als Etikettenschwindler und Rattenfänger beschimpft. Wie auch immer: Dem Charme des Enfant terrible gingen selbst diejenigen auf den Leim, gegen die sein antibürgerlich-pubertäres Rebellentum zielte.
Es gab eigentlich nichts, was er nicht machte. Nicht einmal die Oper hatte er ausgeklammert, obwohl er von Musik im Allgemeinen, von Oper im Speziellen eigentlich wenig verstand. Aber Wagner hatte es ihm angetan! Mit Wagnermusik beschallte er in Weimar die Denkmale von Schiller und Goethe und in Namibia die Robben am Meeresstrand. "Der Wagner zerstört eigentlich was. Weil er nämlich die ganze Weltgeschichte in Kurz-form darstellt. Jeder Versuch scheitert. von Anfang bis Ende. Und das als Endlosmusik." Das Scheitern war ein Schlüsselbegriff für den bekennenden Katholiken Schlingensief. 2004 inszenierte er in Bayreuth den „Parsifal“. Das Leiden Amfortas' wurde für Schlingensief zum Leiden der Welt: Seine Gralsburg und die Heimat der Gralsritter erschien als modifizierte brasilianische Favela mit Guantánamo-Appeal. Daneben ein Friedhof der Künste mit der Mona Lisa als Grabstein, Warhols Suppendose, Hermann Nitschs Blutsudeltüchern, überblendet von einer wahren Videoprojektionsorgie verfremdeter Schwarzweißbilder eines Voodoo-Rituals. Assoziatives Über-Gesamtkunstwerk aus dem Geiste Schlingensiefs, nicht Wagners. Von Schlingensiefs müllhaldenartiger Bühnenästhetik und seinem schlechten Geschmack zu schwei-gen.
Dann inszenierte Schlingensief 2007 in Manaos den „Fliegenden Holländer“ aus dem Geist bra-silianischer Sagen. Schlingensief erzählte von den rosaroten Delphinen im Amazonas und davon, dass die Indios daran glauben, dass sich die Tiere nachts einen Anzug anziehen, auf Landgang ausschwärmen und junge Frauen schwängern. Verfaulten in seinem Bayreuther "Parsifal" auf der Leinwand Kaninchen im Zeitraffer, konnte man in Manaos während der Ouvertüre Larven in monströser Großaufnahme dabei zusehen, wie sie langsam schlüpfen. Eher nebenbei wurden junge Mädchen geköpft, am Ende musste sogar Senta, die vergeblich Liebende, daran glauben. Nichts für zimperliche Wagnerianer. Schlingensief war ein Pola-risierer des Publikums.
2008 inszenierte Schlingensief an der Deutschen Oper in Berlin die erste szenische Aufführung der Braunfels Oper „Jeanne d´Arc“, bzw. er ließ sie inszenieren, da seine schwere Erkrankung ihn ans Krankenbett fesselte. Anna-Sophie Mahler, Søren Schuhmacher und Carl Hegemann realisierten seine Konzeption. Afrikanische Schamanen, Nikolaus samt Rentierschlitten, ein buntes Kostüm-Tohuwabohu. Und wiederum Videos über Videos. Von Gewürm, Bakterien, Zersetzungsprozessen und von nepalesischen Leichenverbrennungen. Nicht jeder hat das verstanden. Nicht jeder wollte das sehen! Schlingeniefs Credo: "Im Kern ist es, dass jeder das Recht hat, eigentlich sein Scheitern als Kapital zu begreifen." Immer wieder senkte sich das Bild einer roten, zerfransten Lunge vom Schnürboden herab. Und so wurde die »Johanna-Passion«, zur Christoph-Passion, zum halb koketten, halb exhibitionistischen Bilderbogen vom Leiden und Sterben eines Visionärs.
DLF - Kultur heute - 21.08. 2010
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