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Dieter David Scholz

Rezension


 

Triumph der Reanimierung

 Cavallis „La Rosinda“
bei den Musikfestspiele Potsdam-Sanssouci. 

 

Die diesjährigen Musikfestspiele Potsdam Sanssouci haben sich das Thema „Venedig“ auf die Fahnen geschrieben. Im vielfältigen Programm des Festivals, das vom 6. bis zum 22. Juni in den Schlössern, Kirchen und Gärten Friedrichs des Großen und seiner königlichen Nachfol-ger veranstaltet wird, ist die Aufführung einer venezianischen Oper im prachtvoll-intimen Schlosstheater Friedrichs des Großen im Neuen Palais der Höhepunkt des Festivals. Dort gab man am Mittwoch abend (10.6.08) Francesco Cavallis dreiaktiges „dramma per musi-ca“  La Rosinda aus dem Jahre 1651. Eine Ausgrabung der besonderen Art!   

 

Francesco Cavalli hinterliess einen Großteil seiner Werke seinem Schüler Giovanni Caleari. Glücklicherweise gelangten eine stattliche Anzahl seiner Opernpartituren in den Besitz des venezianischen Adligen Marco Contarini, dessen Sammlung 1844 an die Biblioteca Nazionale Marciana in Venedig überging, so dass 27 (von seinen rund 40) Opern erhalten sind – was gleichzeitig bedeutet, dass Cavalli heute einer der am besten dokumentierten Opern-komponisten seiner Zeit ist, dennoch gehört er nicht zu den meistaufgeführten.  Die Oper La Rosinda aus dem Jahre 1651 ist nahezu vergessen worden. Zwei Jahre nach der Urauf-führung ist sie zwar noch einmal in Florenz unter dem Titel »Le magie amorose« auf die Bühne gekommen, seitdem ruhte das Werk in den Archiven. Nach konzertanten Aufführungen in Oxford und London 1973 mit einem ins Englische übersetzten Libretto, ist die  jetzige Produktion der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci auf der Grundlage einer kritischen Neu-ausgabe von Thomas Leininger die erste szenische Erstaufführung nach der venezianischen Premiere vor 357 Jahren. Andrea Palent, die künstlerische Leiterin des brandenburgischen Festivals ist denn auch stolz darauf:

Als der musikalische Leiter, Mike Fentross auf mich zukam, vor ein paar Jahren, und die Oper gefunden hat in der Bibliothek in Venedig, hat er mir die vorgespielt, so gut man das kann. Da dachte ich, ja diese Emotionalität, die könnte auch heute Menschen interessieren. Und vor allem ist es eine ganz wunderbare Musik. Ich hoffe, dass es den Menschen gefällt, denn es ist ja eine Musik, die man nicht jeden Tag hört.

Mike Fentross ist einer der schillerndsten Lautenspieler unserer Zeit. (Er spielte im Ensemble Les Arts Florissantas, im Amsterdamer Barockorchester,  bei Capriccio Stravagante und El Ayre Espanol,   er hat mit Ton Koopman, William Christie und Frans Brüggen musiziert.) Er ist Professor für Laute und Ensemblespiel  in Den Haag. 1991 hat er sein eigenes  Ensemble La Sfera Armoniosa gegründet. Mit ihm hat er Cavallis vergessene Oper in Potsdam beinahe mustergültig reanimiert. Er hat das Kunststück fertig gebracht, die erhaltene Partitur, die in den instrumentalen Stücken nur aus einem Generalbass und zwei Melodielinien besteht, bei den Gesangspartien sogar nur eine Baßstimme unter der Gesangsstimme, eine vielstimmige, farbige Opernpartitur zu rekonstruieren. Ganz im Stile der Zeit bedient sich Fentross neben den erhaltenen Noten auch musikalischer Anleihen aus anderen Stücken Cavallis: aus L´Egisto, Doriclea und aus den Scherzi musicali. Entsprechend den räumlich beengten Uraufführungsbedingungen im venezianischen Teatro San Apollinare hat Mike Fentross nur 10 Spieler im winzigen Potsdamer Orchestergraben platziert.  Aber einige von ihnen spielen mehrere, historische Instrumente. Es gibt 2 Violinen, 2 Blockflöten, 2 Gamben, 1 Barockgitarre, einen Gitarrone (den Vorläufer des Kontrabasses), eine Lirone, ein Dulcian (eine Art Renaissancefagott), Schlagwerk, 2 Cembali, 1 Orgel und 1 Spinett. Erstaunlich, was die  Musiker des kleinen Ensembles La Sfera Armoniosa an Farben, Klängen und Rhythmen möglich machen.

Im Jahre 1651, dem Jahr der Uraufführung von »La Rosinda«, war Cavalli auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Giovanni Faustini, Komponist, Impresario und Cavallis Li-brettist, hat seinem Komponisten mit »La Rosinda« eine Vorlage geliefert, die alle Ingre-dienzien für die farbige Partitur eines Märchenstoffes bot: es gibt zwei hohe Paare, ein Die-nerpaar, das Unterwelt-Götterpaar Plutone und Proserpina und eine Vielzahl von Neben-fifuren: ein undurchsichtiger Magier, Furien, Feen, Zwerge, Riesen und es gibt vor gibt es allem viel Zauberei und Verwicklungen. Rosinda liebt den Ritter Thisandro, doch ein Zau-bertrank lässt sie diese Liebe vergessen. Stattdessen erglüht sie für Clitofonto, der eigentlich der Liebhaber der Magierin Nerea ist. Die setzt nun all ihre Zauber- und Verführungskräfte daran, den Ungetreuen zurückzugewinnen. Keine leichte Aufgabe für den jungen Regisseur Alexander Schulin, das komplexe Stück zu inszenieren:

Es ist eine unglaublich komplizierte barocke Handlung, auf den ersten Blick, wie ich finde, auf den zweiten Blick, denke ich, dass man ganz schnell darauf kommt, dass die Handlung ei-gentlich nur ein großer Überbau ist über einer sehr simplen Grundgeschichte, und die ist, dass eine Frau ihren Liebhaber verloren hat, an eine andere Frau, die auch ihren Liebhaber wie-derum verlassen hat, und das ist natürlich topaktuell, und da sehe ich sehr viele Parallelen zu unserem heutigen Leben.

„Heutig“ ist denn auch sein Inszenierungsansatz: Pluto, Partylöwe und Gott der Unterwelt, empfängt in seiner Launch auf der Vorbühne des Theaters Partiegäste, Paare Passanten… schließlich öffnet sich dahinter ein perspektivisch zugespitzter weißer Raum. Der wird mehr und mehr zur Barockbühne, die Personen schlüpfen nach und nach in barocke Kostüme, um am Ende wieder als heutige Menschen  dazustehen. 

Das war ein bisschen der Ansatz, dass wir gesagt haben, wir holen uns als heutige Menschen ab und wir setzen uns quasi Masken auf. Und dann fängt man an,  Kostüme anzuziehen, und Emotionen, Gefühle auszuleben, die man vielleicht im wirklichen Leben sich nicht auszuleben traut, und man begibt  sich auf eine Reise, die eben vielleicht dann zu sich selbst führt.

Alexander Schulin hat Cavallis Oper La Rosinda  natürlich gekürzt, sie dauert dennoch drei Stunden, er hat sie ihres barocken Kulissen- und maschinellen Zaubertheaters weitgehend entkleidet, aber er kondensiert sie zu einem bewegenden wie amüsierenden, lyrischen wie burlesken Spiel im Spiel, zu einem exotischen, erotischen Laborversuch, durchaus nicht un-ähnlich dem in Mozarts Cosi fan tutte, ein verzwicktes und verwickeltes Spiel um Eros als Zauber und Wahnsinn, der dem Commedia-dell-Arte-haften Liebesrealismus der Diener-figuren gegenübergestellt wird. Am Ende werden alle Liebeskämpfe und emotionalen Ent-fremdungen durch einen Liebestrank, - man denkt nicht zufällig an Wagners Tristan und Isolde – aufgelöst. Das hohe und das nieder Paar finden wieder zu ihren ursprünglichen Konstellationen zurück. Eine fast Shakespearsche „Schule der Liebenden“. Schulin gelingt es, historisierende und aktualisierende Gedanken und Bilder zu verschmelzen zu einer Aufführung, die ganz selbstverständlich, unverkrampft und poetisch daherkommt. Eine wohltuende Ausnahmeerscheinung im gegenwärtig vorherrschen, rüden Opern-Regietheater. Freilich: Alexander Schulin kann mit einem jungen, homogenen, erstklassigen Sängerensemble arbeiten, ein Glücksfall!. Dessen Star ist zweifellos die Sopranistin Emanuela Galli in der Par-tie der Nerea. Sie wird immer wieder als „Emma Kirkby Italiens“ bezeichnet, aber die Galli singt mit sehr viel mehr Körper , ihre Stimme ist größer, virtuoser, auch farbiger, dunkler timbriert, und ihre Ausdruckskraft reicht von ätherischem Seufzen bis hin zu überaus dra­matischem Pathos:

Nicht nur die Auftritte Emanuela Gallis, die ganze Aufführung geriet – trotz schweiß-treibender Temperaturen im natürlich unklimatisierten,  historischen Schloßtheater zu Potsdam zu einem Triumph der Reanimierung einer vergessenen Cvalli-Oper. Das Publikum war enthusiasmiert, alle Aufführungen sind bereits ausverkauft. Aber wer will, kann diese beglückende Produktion am 19. und 20. September noch einmal im Markgräflichen Opern-haus zu Bayreuth sehen, mit dessen Festival Bayreuther Barock das Potsdamer Festival in diesem Jahr kooperiert.

Beitrag für SWR 2/Musik aktuell/ 13.06. 2008