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Dieter David Scholz
Opernkritik Eindrucksvolle Musikalische Ehrenrettung, inszenatorische Langeweile: La Rondine (Puccini) an der Leipziger Oper Das Puccini-Jahr ist vor drei Monaten verstrichen, ohne dass wesentlich Neues an Erkennt-nissen, an Publikationen oder Opernausgrabungen zu verzeichnen war. Vorgestern abend allerdings fand in der Oper Leipzig die Wiederbegegnung mit einer der am Seltensten ge-spielten Opern Puccinis statt, mit der vielgeschmähten „Commedia lirica“ „La Rondine“ (Die Schwalbe). Man darf diese Leipziger Ausgrabung wohl als den originellsten – nachgereichten - Beitrag zum Puccinijahr 2008 bezeichnen. Man denkt an Franz Lehár, an den Rosenkavalier, an die Gattung Operette, nicht nur beim grandiosen Walzer-Medley im zweiten Akt der "Schwalbe". Tatsächlich war die Oper zu-nächst ein Operetten-Auftragswerk des Wiener Carl-Theaters, auch wenn Puccini bald schon erkannte und seiner Freundin Sybil Seligman schrieb: „Eine Operette – das kommt für mich nicht in Frage, eine Oper ja: Ähnlich wie Rosenkavalier, nur unterhaltsamer“. Dennoch ist bis heute das Vorurteil nicht aus der Welt geschafft, Puccini habe sich mit „La Rondine“ an der Gattung Operette versündigt und die Partitur sei missglückt: "Überhaupt nicht. Da muß ich ganz klar widersprechen. Der Misserfolg der Oper ist einfach nur auf die komplizierte Entstehungsgeschichte zurückzuführen, und auf die Tatsache, dass man der Musik von Puccini in der Nachkriegszeit nicht sehr tolerant gegenüberstand." So der Dirigent der Leipziger Ausgrabung, Roger Epple. Die Anfänge der Entstehung der Oper reichen ins Jahr 1913 zurück. Puccini weilte zur Einstudierung seines „Mädchens aus dem Goldenen Westen“ an der Hofoper in Wien, wo er auch die Bekanntschaft des von ihm sehr geschätzten Franz Lehár machte. Er erhielt den mit einer üppigen Gratifikation, nämlich 300.000 Kronen versehenen Auftrag, eine Operette zu schreiben, doch dann brach der Erste Weltkrieg aus, und 1916, als das Stück beendet war, konnte es in Feindesland natürlich nicht mehr aus der Taufe gehoben werden. Nach der Uraufführung 1917 in Monte-Carlo war das Stück In Italien und auch in Südamerika durchaus erfolgreich. Nur in Deutschland und in Österreich mied man – im Grunde bis heute – diese Oper und erklärte sie zur seichten, missglückten Operette. Ein Missverständnis.
Die junge, amerikanische Sopranistin Elaine Alvarez singt mit berührendem Timbre und großer Stimme in Leipzig die weibliche Hauptpartie, Magda de Civry, die Geliebte des Ban-kiers Rambaldo, eine Pariser Salondame des Zweiten Kaiserreichs, eine Edelkurtisane wie La Traviata, die ihrem Luxusdasein entflieht, um im dritten Akt mit einem jungen Mann in der Provinz ihr Glück zu finden. Es ist Ruggero, mit dem sie sich – wie es im Libretto Giuseppe Adamis (frei nach Alfred Maria Willner, einem der großen Operetten-Erfolgsautoren) heißt - jener Krankheit hingibt, die zu ihrer Zeit in Paris grassiert, der romantischen Liebe. Der aus Vilnius stammende Nachwuchs-Tenor Edgaras Montvidas leiht ihm seinen bemerkenswert schönen, gepflegten Tenor. In einem Künstler- und Tanzcafé wird Magda vom Dichter Prunier schon im ersten Akt prophezeit: sie werde bald, einer Schwalbe gleich, in ein fernes Land ziehen. Der dritte Akt spielt den auch in Nizza an der Côte d´Azur, wo sich Magda und Ruggero ihrem Glück hingeben. Nun besagt ein deutsches Sprichwort: Eine Schwalbe macht noch keinen Frühling. Regisseur Immo Karaman hat sich das wohl etwas zu sehr zu Herzen genommen: in seiner stilisierten, ganz formalen Inszenierung, die weder Paris noch Nizza, weder Zweites Kaiser-reich noch Puccini-Zeit zeigt, vervielfältigt er die Figur der Magda, wie auch andere Personen des Stücks. In abgezirkelten, geschmäcklerischen (teilweise peinlichen) Choreographien von Fabian Posca schreiten und tänzeln Damen und Herren des Chors, des Balletts und der Statisterie zum Verwechseln ähnlich in einer Art roter Vip-Lounge unserer Zeit pathetisch hin und her. Die Damen tragen schwarze Hosen, weiße Blusen, rote Stückelschuhe und armlange rote Handschuhe, die Herren schwarze Anzüge, die Ballettänzer zeigen viel nackte Brust unter schwarzen Netzhemden. Auch der Dichter Prunier trägt über nacktem Oberkörper einen schwarzen Frack mit roter Kapuze. Wie ein mephistophlischer Bohemien tingelt er durch das Stück. Immerhin sängerisch ein Glücksfall: Der junge rumänische (und doch so belcantisch singende) Tenor Tiberius Timu. So überzeugend die durchweg rollendeckend besetzte Sängerriege der krisengeschüttelten Leipziger Oper in dieser Produktion auch ist: Die statische, hölzerne Inszenierung in dem nur geringfügig variierten Einheitsbühnenbild von Kaspar Zwimpfer langweilt in ihrer szenischen Beliebigkeit. Und dem gewöhnlichen Opernpublikum, das dieses Stück überwiegend wohl zum ersten Mal sieht, macht es die Handlung wohl kaum begreiflich. Und was für ein Stück! Puccini hinterfragt in La Rondine die Unbedingtheit jenes Liebesanspruchs, den er noch in La Bohème oder Tosca vertrat. Der deutsch-türkische Regisseur Immo Karaman hat zwar recht, wenn er feststellt. Magda sei …. "… eine Frau, die nach der Suche ist nach sich selbst, eine Frau, die ihre Identität auf dieser Suche mehrfach verliert, die einen Prozess der Entfremdung begonnen hat. Alles Themen, die uns heute möglicherweise näher sind, noch viel näher sind als zur Uraufführungszeit." Doch in seiner kalten, ballett- und partyhaft austauschbaren Inszenierung vermag Immo Kara-man das Stück, das in seiner Schärfe hinter aller Oberfläche von Sentimentalität die Unver-einbarkeit von Kunst und Realität, Bürgerlichkeit und Selbstfindung entlarvt, nicht zu erklären. Dass "La Rondine" ein großes, ein auch psychologisch modernes Stück ist über eine Frau, die aus dem goldenen Käfig, aber auch aus dem Traum von romantischer Liebe ausbricht, um sich selbst zu verwirklichen jenseits gesellschaftlicher Normen, gilt es szenisch nach wie vor zu beweisen.
Beitrag im DLF
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