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Dieter David Scholz
MDR-Figaro-Frühkritik am 17.11.2007 Revue der Absurditäten
Richard Wagners „Rienzi“
im frisch renovierten Opernhaus Leipzig Ein Gespräch Thomas Bille: Grund zur Freude gibt es im Leipziger Opernhaus. Mit viel Aufwand hat man es saniert. Gesten abend war Wiedereröffnung mit Wagners "Rienzi". Das Opernhaus hat nun weniger Sitzplätze. Fühlt man sich denn nun als Zuschauer besser als vorher? D.D.Scholz: Der Sitzkomfort ist eindeutig besser als früher. Man hat den Abstand der Stuhlreihen voneinander vergrößert, man hat also sehr viel mehr Beinfreiheit. Und das ist gut so. Die neuen Theaterstühle sind sehr bequeme Sessel und sie sind auch optisch in ihrer Helligkeit sehr gut ins denkmalgeschützte Ambiente des Zuschauerraums eingepasst. Die Bestuhlung, der Teppichboden und die Toiletten (die hatten es aber auch wirklich nötig) haben sich sichtbar verschönert. Alle anderen Sanierungsmaßnahmen (vor allem technischer Art) sind unsichtbar. Nach wie vor ist der unverwechselbare 50er/60er Jahre-Charme des großen Leipziger Opernhauses der geblieben, als den wir ihn lieben gelernt haben. Er wurde nur gründlich aufgefrischt und blank poliert. Ob die nach Kindergarten aussehenden Holz-tischchen im Foyer sein mussten, darüber kann man sich streiten, wie auch über einige Schön-heitsreparaturen und Veränderungen im Kassenbereich. Aber das sind unwesentliche Klei-nigkeiten. Thomas Bille: Rienzi als Eröffnungsstück eines sanierten Opernhauses, das ist ungewöhnlich. Ist das eine glückliche Wahl gewesen? D. D. Scholz: Also es ist sicherlich eine ungewöhnliche Stückwahl. Es sind eben mal nicht die Meistersinger. Aber ich finde das eigentlich ganz gut, den die Überstrapazierung der Meistersinger als Festoper ist ja doch – mit Verlaub gesagt – kaum mehr erträglich, zumal sie auf einem Mißverständnis beruht. Nein, ich muß sagen, ich finde die Wahl Rienzis gar nicht schlecht, zumal Leipzig eine gewisse Rienzi-Tradition durchaus hat. Seit 1869 ist der Rienzi immer wieder in Leipzig inszeniert worden. Und warum soll man daran nicht anknüpfen. Schließlich war der Rienzi auch das erfolgreichste Stück Wagners zu seinen Lebzeiten. Und ich persönlich freue mich, wenn sich ein Opernhaus gerade des jungen Richard Wagner annimmt. Das geschieht ja viel zu selten. Thomas Bille: Das Stück hat ja einen gewissen Nazi-Hautgôut. Hat der Regisseur das bei seiner Inszenierung irgendwie eingebracht oder ganz außen vor gelassen? D.D. Scholz: Also wissen Sie, der Rienzi hat im Gegensatz zu den Meistersingern im Dritten Reich ja keine große Bedeutung gehabt. Nur für Adolf Hitler persönlich. Der in seiner Jugend sein politisches Erweckungserlebnis auf ein Aufführungserlebnis des Stücks in Linz zurück-führte. Abgesehen davon, ob das Legende oder Wirklichkeit ist, muß Hitler das Stück gründ-lich missverstanden haben, denn es führt ja beispielhaft Aufstieg und Fall eines machtgierigen Revolutionärs und Demagogen vor Augen, der sich verkalkuliert. Und zwar mit der Kirche, mit der herrschenden Klasse, das sind in diesem Fall die Nobili, also die Adelsgeschlechter und mit der Wankelmütigkeit, um nicht zu sagen Verführbarkeit und dem Opportunismus des Volks. Am Ende hinterlässt Rienzi nichts als verbrannte Erde. Das ist dann allerdings eine wirkliche Parallele zu Adolf Hitler, von heute aus betrachtet. Aber das wird in der Insze-nierung von Nicolas Joel gar nicht reflektiert. Lediglich in den Kostümen Andreas Reinhardts mag man gewisse Anklänge an den Faschismus erkennen, wenn man will. Thomas Bille: Worum geht es denn in der Inszenierung von Nicolas Joel, dem künftigen Operndirektor der Pariser Oper? D.D.Scholz: Seine Inszenierung ist voller Widersprüche und Ungereimtheiten. Beispielsweise hängt schon zu Beginn über der Bühne in großen Lettern die Orts- und Zeitangabe: Rom, 1347. Der Zuschauer schaut aber auf einen barocken Stich von Rom, einen Stich des 18. Jahrhunderts, von Piranesi oder wem auch immer. Auch der Fußboden ist so ein neuzeitlicher Rom-Stadtplan. Und diese Ungereimtheit zieht sich durch das ganze Stück. Da sind moderne Menschen, Arbeiter, Nonnen zu sehen, und vor allem viele Herren im Frack, das sind die Colonna und die Orsini, die beiden Adelsgeschlechter Roms. Und wieder herrscht das für mich kaum mehr erträgliche Grundschema modernen Inszenierens vor: Mäntel, Hüte, Brillen. Auch viele neureiche Mafiosi mit Kalaschnikows treten auf. Ab dem dritten Akt stehen dann plötzlich die touristenattraktiven Bauwerke Roms als hölzerne Miniatur-Modelle auf dem Stadtplan von Rom: das Forum Romanum, der Lateran, das Colosseum, die Engelsburg u.s.w. Rienzi als Disneyland mit Kriegsversehrten-Trupps, barockem Kardinal, Möchsauf-märschen, Nonnenchören und einem Rienzi in altrömischer Rüstung. Das Ganze als revue-haftes Stelldichein auf rotierender, violett umrahmter Drehbühne. Eine Revue der Absur-ditäten. Zum Schluß brennt das Modell-Kapitol ganz niedlich ab. Und die Mafiosi knallen das Volk mit ihren Kalaschnikows ab. Auch Rienzi fällt tot um. Der Vorhang fällt. Und alle Fragen bleiben offen. Thomas Bille: Riccardo Chailly hat diese Eröffnungspremiere nicht dirigiert, sondern der am-tierende Musikdirektor des Hauses, Axel Kober. Hat das für Unmut gesorgt? D.D.Scholz: Für Unmut nicht gerade, aber jeder wird sich dazu etwas gedacht haben. Wissen Sie, Riccardo Chailly tummelte sich bester Laune mitten im Premiere-Publikum. Nur dirigiert hat er nicht. Warum, weiß man nicht. Aber an diesem Hause weiß man ja momentan Vieles nicht. Schade jedenfalls, dass nicht er dirigiert hat, denn ich bin sicher, er hätte dem Stück mehr abverlangt und mehr abgewonnen als Axel Kober, der es eher plakativ und vorder-gründig knallig dirigierte. Man darf nicht vergessen, dass Wagner im Rienzi an Halévy, Mey-erbeer und Berlioz anknüpft, an raffinierten französischen Stil also. Wagner wollte mit dem Rienzi endlich als Musiker "europäisch" werden. Und das muß man hören. Hat man aber nicht! Vor allem aber hätte Riccardo Chailly, da bin ich sicher, die grausame Verstümmelung des Stücks nicht mitgemacht. Man hat ja in Leipzig das Stück um ein gutes Drittel gekürzt. Das kommt einer Verstümmelung gleich. Ich finde, wenn man sich schon entschließt, Wagners Grand Opéra herauszubringen, und dieser Entschluß ist nur zu begrüßen, dann sollte man sich auch dazu bekennen, und dann darf man nicht alles, was Grand Opéra ist, wegstreichen. Das banalisiert Wagners Stück, seine Musik und dient nicht dem Verständnis dieser Oper. Die übrigens gestern abend auch sängerisch kein ungetrübtes Glück war. Stefan Vincke, der mehr Siegfried als Rienzi sang (und als Siegfried ist nichts gegen ihn zu sagen, im Gegenteil. Nur ist das ein anderes Stück), hat zwar mit dem Gebet des Rienzi das Ruder der Publikumsgunst herumgerissen von gleichgültiger Hinnahme zu großer Begeisterung. Zum Schluß hin wurde die Musik aber auch dichter, weil man nicht mehr so viel wie in den ersten Akten gestrichen hat. Aber auch Stefan Vincke hat, wie Marika Schönberg als Irene und Elena Zhidkova als Adriano doch mehr auf Kraftmeierei und Lautstärke als auf Gesangskunst gesetzt. Vielleicht haben die Leipziger Solisten das negative Urteil Wagners (der im Alter den Rienzi nurmehr als seinen "Schreihals" bezeichnete, den er nicht mehr leiden könne) mißverstanden. Der Chor der Oper Leipzig war eigentlich der Star der Aufführung. Das Publikum hat das auch zu würdigen gewusst. Aber kein Chor kann die Solisten ersetzen. Schade, dass es alles in allem nur bei einer halbherzigen Annäherung an den frühen, uns heute so wenig bekannten Richard Wagner geblieben ist. Dieser junge Wagner ist wirklich ent-deckenswürdig!
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