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Dieter David Scholz
Glosse
DAS SOGENANNTE POPULARE

Seit politische Reporter Musikchefs werden
können und Programmsprecher Musikredak-teure, seit Sozialhelfer und biedere
Hausfrauen selbst in renommierten Tageszeitungen zu Musikkritikern
avancieren, seit Musik in den Radioprogrammen
nur noch – unterbrochen von Gute-Laune-Jingles,
Kooperations- und Selbstbeweihräucherungs-Trailern – vorwiegend
häppchenweise dargeboten wird, präsentiert von Moderatoren, die keine Ahnung
haben von dem, worüber sie reden, eingesetzt von verantwortlichen
Redakteuren, die das nicht einmal merken, sitzt den Komponisten, Musikern
und Musikkennern die Angst im Nacken, Musik werde nicht mehr ernst
genommen.
Wenn Moderatoren von Musiksendungen die
Elisabethserenade von Ronald Binge mit einer der Elisabeth-Arien aus Wagners
Tannhäuser
verwechseln und
im forschen, frischen, aber gänzlich unbedarften Plauderton Allgemeinplätze
von sich geben, wenn Musikkritiker angesehener Zeitungen ungestraft die
Berliner Philharmoniker mit den Berliner Sinfonikern verwechseln dürfen,
der Begriff „Theorbe“ in einem Artikel über Alte Musik auf Anweisung von
oben gestrichen wird, weil er die Leser überfordere, wenn führende
Musikjournalisten selbst überregionaler Tageszeitungen sich beinahe täglich
durch Uninformiertheit disqua-lifizieren, ist allerdings Grund zur Besorgnis
gegeben.
Seit auch in Schallplattenfirmen,
Presseagenturen und Dramaturgie-Etagen der Opern- und Konzerthäuser der
Einzug der Ahnungslosen stattgefunden hat, sind publizistische Dummhei-ten,
Informationsdefizite und Falschmeldungen an der Tagesordnung. Die
Absurditäten in Presseveröffentlichungen und Programmheftbeiträgen sprechen
für sich. Vom mangelhaften Umgang mit Sprache zu schweigen. Nicht zu reden
vom Thema Musik im Fernsehen.
Warum dieser leichtfertige Umgang mit Musik?
Wird Musik nicht mehr ernst genommen? Werden
Hörer und Leser absichtlich für dumm verkauft? Warum diese zunehmende
Gering-schätzung von Kompetenz und Fachwissen? Warum diese Favorisierung des
Seichten? Ist Musik nur noch etwas für Dumme? Gottlob denken nicht alle
Musikjournalisten so … aber immer mehr.
Man muß sich über die Ergebnisse der
Pisa-Studie und die Verflachung der (Musik-) Kul-tur nicht wundern, wenn die
Bildungspolitik - zumal in Sachen Musik - versagt hat und Kul-turpolitiker
das Populistische seit Jahren propagieren und favorisieren. Ob Bundesliga
oder Philharmonikerkonzert: Kultur ist für alle da! Natürlich. Aber ist
Musik nur noch Teil einer Freizeit- und Verkaufsindustrie, in der
Musikmanagern empfohlen wird, die Erfolgsrezepte der Teppichhändler zu
beherzigen und Musikjournalisten angewiesen werden, wie Groschen-heftautoren
zu
schreiben, so anspruchslos wie möglich, dass auch der Dümmste sich
ange-sprochen fühlt? Ist der viel beschworene Begriff Medienkooperation
wirklich das Zauberwort heutigen Erfolgs. Damit schafft sich doch die
ernstzunehmende Musikkritik selbst ab zugun-sten zeitgeistiger Eventbewerbung
nach dem Motto: Eine Hand wäscht die andere. Noch nie haben sich so viele
Unberufene bemüßigt gefühlt, über Musik zu äußern. Und noch nie haben so
viele Betroffene, Musiker und Komponisten weitgehend aufgehört, Musikkritik
und Mu-sikjournaille ernst zu nehmen. Was wäre, wenn sie den Spieß umdrehten
und nur noch für Dumme komponierten und nur noch miserabel musizierten? Aber
gute Musiker haben eben ein Ehrgefühl! Mozart schrieb seinem Vater, der ihn
gelegentlich
„wegen des sogenannten Populare“ ermahnt hatte, er schreibe
„Musik für alle Gattungen von Leuten, – ausgenommen für lange Ohren nicht.“
(In
der Zeitschrift "Partituren", Nr.4/2006, S. 69)
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