|
HOME
|
Dieter David Scholz
Beitrag für NDR-Kultur am 14.4.2007 Zyniker, Allroundmusiker, Melancholiker Zum 50. Geburtstag des Pianisten und Dirigenten Mikhail Pletnev Als Pianist ist er mit Preisen und Ehrungen überhäuft worden. 1990 gründete er das erste unabhängige Privatorchester in Rußland. Inzwischen ist Mikhail Pletnov weltweit gefragt als Dirigent wie Pianist: ein Wanderer zwischen den Welten. Heute feiert er seinen fünfzigsten Geburtstag. Viel hat er auf CD eingespielt. Auch Tschaikowskys komplettes sinfonisches Œuvre hat Mik-hail Pletnev mit dem Russischen Nationalorchester aufgenommen. 1990, nach dem Zusam-menbruch der Sowjetunion, hat er dieses Orchester gegründet, obwohl ihm schon damals einige der wichtigsten Orchester, nicht nur Russlands, zu Füßen lagen. "Ich finde, ein eigenes Instrument zu haben, ist immer besser als ein fremdes zu spielen. Und in Russland waren damals die Orchester nicht so gut. Meine Idee war, wirklich ein - qualitätsmäßig - ganz exklusives Orchester für mich allein zu haben." Angefangen hat Michail Pletnev als Pianist. Schon als Kind machte er auf seine enorme Begabung aufmerksam. Seine Eltern, beide Musiker, haben ihn früh gefördert. Mikhail Pletnev wurde am 14. April 1957 im russischen Archangelsk geboren. Schon mit Siebzehn studierte er am Moskauer Konservatorium. Sein wichtigster Lehrer war der Pianist Jakob Flier. Mit Einundzwanzig gewann er die Gold-Medaille und den ersten Preis des Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerbs in Moskau und schaffte damit – wenn auch nicht über Nacht - den Sprung aus der nationalen Klavierliga in die Internationalität. "Ich habe keine supersteile Karriere gehabt" Mikhail Pletnev begann, langsam, aber beharrlich, weltweit Tourneen zu geben und kon-zertierte bald mit führenden Orchestern wie den Berliner Philharmonikern, dem Israel Phil-harmonic Orchestra und dem London Symphony Orchestra. Sein Idol als Pianist war und ist Sergei Rachmaninov. "Für mich ist er ein Genie in jeder Hinsicht, vielleicht das einzig Genie, jedenfalls der wichtigste Pianist in diesem Jahrhundert." Neben den Werken Rachmaninows spielt Mikhail Pletnev das ganze russische Repertoire, aber auch Mendelssohn, Chopin und Beethoven. Freilich, im Westen galt er nach dem Zu-sammenbruch des Eisernen Vorhangs vor allem als Botschafter Russlands. Dazu bekennt er sich nach wie vor, wenn auch mit Vorbehalt: "Wissen Sie, für mich meine Heimat ist Tschaikowsky, Rachmaninow, Tschechov, Tolstoi, aber es sind nicht die neuen Russen!" Mikhail Pletnev etablierte sich inzwischen als einer der versiertesten Virtuosen seines Fachs in der internationalen Klavierszene. Er spielt regelmäßig in den großen Konzertsälen von der Carnegie Hall bis nach Peking. Seine vielfältigen Engagements führten ihn zu den wichtigsten Dirigenten und Orchestern der Welt. Ob er dirigiert, Klavier spielt, komponiert oder sein Wissen als Lehrer weitergibt: Für den Allroundmusiker Pletnev zählt nur Eins… "Musiker zu sein ist ein Beruf!" Und in seiner russischen Mischung aus Zynismus, Melancholie und Romantik bekennt der heute 50-Jährige unumwunden: "Ich bleibe bei mir, egal was ich mache. Ob ich dirigieren, ein Omelett esse, Klavier spiele, ich mache was ich möchte, und kann es mir erlauben, dafür bin ich Gott dankbar."
(siehe auch: Dieter David Scholz: Mythos Maestro. Parthas Verlag 2002)
|