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Dieter David Scholz
Ein Fest von und für Pier Luigi Pizzi Brittens "The Turn of The Screw" im Teatro la Fenice, Venedig
Moderator: Wir reden jetzt über Oper in Venedig. Und mit Dieter David Scholz, der gerade von dort zurückgekommen ist. Herr Scholz, erst vor wenigen Wochen haben wir mit Ihnen ja über die schwierige Lage an den italienischen Opernhäusern gesprochen. Auch von Venedigs legendärem Teatro La Fenice war da die Rede. Jetzt gab es aber doch eine groß angekündigte Premiere ebendort. Am Wochenende, genau gesagt, am Freitag, kam Benjamin Brittens Oper „The Turn of the Screw (Die Drehung der Schraube) heraus. 1954 wurde sie ja an diesem Haus uraufgeführt. Jetzt hatte eine Neuinszenierung von Altmeister Pier Luigi Pizzi Premiere. Wie ist das angesichts der Sparzwänge möglich? Ist Venedigs Opernhaus von einem plötzlichen Geldsegen heimgesucht worden? D. D. Scholz: Nein, ganz und gar nicht, im Gegenteil. Diese Premiere ist so etwas wie eine Notlösung, eine Art Sparversion. Verglichen mit dem, was an sich geplant war. Eigentlich wollte man zu diesem Termin ja mit einem neuen „Ring“ beginnen. Nur, der kostet natürlich unendlich viel mehr als The Turn of the Screw, Allein 14 Sänger müssen im Rheingold besetzt und bezahlt werden. In der Britten Oper sind es mal eben halb so viele und darunter sind auch noch zwei Kinderstimmen. Ganz zu schweigen vom Orchester. The Turn of the Screw ist für kleines Kammerorchester geschrieben. Auch da also ein enormes Einsparpotential gegenüber Wagners Riesenapparat. So begegnet man in Venedig den immer rigideren Sparzwängen. Erstaunlich, dass man dort relativ kurzfristig umdisponieren und auf Krisensituationen reagieren kann. Aber solche Beweglichkeit war ja immer einer der Vorzüge der italienischen Theatermacher.
Moderator: Aber diese Neuproduktion der Oper „The Turn of the Screw“ ist von keinem Geringeren als Pier Luigi Pizzi, einem der Altmeister unter den italienischen Operregisseuren und Bühnenbildnern besorgt worden. Das war doch sicher keine Billiglösung? D. D. Scholz: Billig – was die Kosten angeht – war diese szenische Produktion sicher nicht, aber auch nicht ausserordentlich teuer, vergleichsweise. Pizzi baut Räume, die wirken meist teurer, als sie sind. Weil sie gut gebaut, also wohl durchdacht, geschmackvoll in der Ausführung und von großer theaterästhetischer Wirkung sind. - Man hat in Venedig gewis-sermaßen aus der Not eine Tugend gemacht und sich diesen Britten als Geburtstagsfeier einer Legende gestattet, der lebenden Legende Pier Luigi Pizzi nämlich, der vor nicht ganz zwei Wochen 80 Jahre alt geworden ist. Er ist eine italienische Theaterlegende, ob an der Mailänder Scala, beim Rossini-Festival in Pesaro, beim Festival in Macerata, das Pizzi seit einigen Jahren leitet, oder eben in Venedigs La Fenice. Was wäre das Fenice ohne Pizzi. Allein 8 Inszenierungen hat er dort in denn letzten 5 Jahren verantwortet. Denkwürdige, unvergessliche Aufführungen. Ob Meyerbeer, Korngold, Offenbach oder Britten. Und Pizzi ist auch mit diesem neuerlichen Britten wieder seinem Ruf gerecht geworden, einer der besten Opernausstatter zu sein, und hat Oper wieder einmal als Fest der Sinne zelebriert, nah am Stück, ohne alle Regietheatereitelkeiten, kulinarisch, aber höchst packend. Moderator: Wie hat Pizzi diese Oper, es handelt sich ja im Grunde um ein viktorianisches Gespensterstück, denn auf die Bühne gebracht?
D. D. Scholz: Pier Luigi Pizzi hat diese zweiaktige Oper - anknüpfend an seine dortige In-szenierung von Brittens Tod in Venedig vor zwei Jahren – als schwarz-weiße Phantasma-gorie gezeigt, mit allen britischen Graustufen dazwischen, die beweisen, wie vielfältig und stark doch Grautöne sein können. In einem zweistöckigen, postmodernen Landhaus, das sich in Windeseile in einen nebeldurchfluteten Wald aus abgestorbenen Baumstämmen verwandeln läßt, zeigt Pizzi das schillernd-mehrdeutige Drama zweier Kinder, die nicht nur unter Gouver-nanten- und Haushälterinneneinfluss, sonder auch unter Gespenstereinfluss stehen. Und er zeigt dieses tödliche Drama ohne alle grellen Schauereffekte. Der Spuk ist bei Pizzi alltägliche Erscheinung. Ohne jede Theater-Dämonie. Pizzi zeigt das Stück fast als Hitchcockhafte Inszenierung des Grenzbereichs zwischen Verbotenem und Erlaubtem, Unschuld und Perversion, Traum und Realität. Und er zeigt das diskret, aber vielsagend im kleinsten Detail, und alles in fahlem Licht, nahezu farblos, aber um so unheimlicher. Ein großer Theaterabend. Und man wünscht sich, dass das nicht die letzte Inszenierung es 80-jährigen Pier Luigi Pizzi gewesen ist. Moderator: War es auch musikalisch und sängerisch so überzeugend? D. D. Scholz: Die sängerische Besetzung war fabelhaft, einschliesslich zweier Kindersänger, von denen vor allem der Knabensopran von Peter Shaffran besonders beeindruckte. Aber auch Jeffrey Tate am Pult, er ist eigentlich Musikchef des Teatro San Carlo in Neapel, aber als Brite und Anwalt Brittens in Venedig zu Gast, Jeffrey Tate dirigiert das Stück mit großer Sensibilität und versteht es, die sich immer höher hinaufschraubenden Drehungen der Musik hörbar zu machen, die dem Stück ja den Titel geben. Vor allem die sich immer mehr verdichtenden Orchesterzwischenspiele der filmschnittartig ineinander übergehenden 16 Szenen führt Jeffry Tate mit gleißend kalter Klarheit vor, diese Variationen des Schraubenthemas, das sich auf die zwölf Töne der chromatischen Skala bezieht, ohne deswegen Zwöftonmusik im Sinne Schönbergs zu sein. Es ist ja nicht nur die Psychologie des Stücks, das sich auf eine Erzählung von Henry James stützt, sondern auch und gerade die Musik Brittens, die die Zweideutigkeit als System beschriebt und den Verlust der Mitte und den Herrschaftsanbruch des Verbotenen demonstriert. Ein großartiges Stück. Und eine großartige Aufführung am Teatro La Fenice!
Gespräch in MDR Figaro, 28.06.2010
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