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Dieter David Scholz
Interview
Gespräch mit dem
Bayreuther "Tristan"-Dirigenten Peter Schneider
DDS: Herr Schneider, man wundert sich immer, dass die meisten Wagner-Dirigenten so wenig darüber Bescheid wissen, was Richard Wagner über die Aufführungspraxis seiner ei-genen Werke geschrieben hat. Ist es nicht an der Zeit, dass man gerade in Bayreuth Wagner historisch informiert musiziert und endlich einmal ernst nimmt, was er selbst über die Wieder-gabe seiner Musik gesagt hat? PS: Ja, und man sollte nicht nur das ernst nehmen, was in der Partitur steht. Ich habe damals, als ich hier in Bayreuth mit dem Regisseur Werner Herzog den „Lohengrin“ einstudierte, den Briefwechsel zwischen Richard Wagner und Franz Liszt gelesen. Die Oper wurde ja von Liszt in Weimar uraufgeführt und Wagner war als politisch Verfolgter im Schweizer Exil. In diesem Briefwechsel stehen hochinteressanteste Dinge über die Aufführungspraxis des „Lo-hengrin“. Zum Beispiel, was die Aufteilung der vierstimmigen Geigen am Anfang des berühm-ten Vorspiels angeht. Da schreibt Wagner Liszt, es sei leider nicht so gedruckt, wie er es sich vorgestellt habe. Ich habe das wörtlich genommen und habe die Partitur Wagners brieflichen Wünschen entsprechend geändert. Ich habe nichts an den Noten verändert, aber ich habe sie anders aufgeteilt. Und das hat beim Spielen und beim Hören sehr wohl eine Auswirkung. Die Musiker waren zuerst natürlich dagegen, weil sie es anders als gewohnt waren. So haben sie diese Musik noch nie gespielt. Viele der aufführungspraktischen Traditionen gehen ja aufs Konto von Bequemlichkeit und Gewohnheit. Aber nach einer gewissen Zeit kamen dann doch einige Musiker zu mir und gaben zu, dass es sich mit den Änderungen von mir leichter spielen lasse. Als ich auch den nächsten „Lohengrin“ in Bayreuth dirigierte, musste ich fest-stellen, dass alles, was von mir in die Partitur hineingeklebt worden ist, wieder herausgerissen war. DDS: Wie kommt so etwas? PS: Das liegt daran, dass wir Kollegen untereinander bedauerlicherweise in künstlerischen Fragen kaum je Kontakt haben. Ich habe mich damals wirklich sehr geärgert und verlangt, dass meine Änderungen wieder in die Partitur aufgenommen werden. Aber ich frage mich: warum ruft ein Kollege nicht einfach bei mir an und sagt: Herr Schneider, warum haben Sie diese Änderung vorgenommen, anstatt sie für eine willkürliche Eigenmächtigkeit zu halten, die rückgängig gemacht werden muss. Er könnte doch von solchen Korrekturen nur profitieren. Aber da wir Dirigenten keinen Kontakt untereinander haben, bleibt es bei nicht hinterfragten, verkrusteten Aufführungstraditionen. Wir sollten uns mehr untereinander austauschen, denn es gibt wirklich viele offene Fragen hinsichtlich der Aufführungspraxis Wagners, was Tempi an-geht, die Besetzungsstärke, die Wahl der Instrumente und vieles andere mehr. DDS: Müßte man nicht auch über den Wagnergesang einmal neu nachdenken? Sollte man nicht eher Wagner – seine eigenen Wunschvorstellungen beherzigend - aus dem Geist des Belkanto heraus zu singen versuchen anstatt nach der Devise „So laut wie möglich“, wie es leider auch in Bayreuth heute üblich ist? PS: Wagner ist selber Schuld daran, dass viele Wagnersänger schreien wird, denn er hat sehr kräftig instrumentiert. Der Vorwurf, dass sein Orchester zu laut ist, war ihm vollkommen be-wusst, deshalb hat er ja auch einen sehr speziellen Orchestergraben für sein Festspielhaus bauen lassen, in dem man einen sängerfreundlichen Mischklang herstellen kann, bei dem die Sänger auch ohne zu schreien übers Orchester kommen.. DDS: Aber nicht jeder Wagnerdirigent versteht es, die akustischen Bedingungen des Bayreu-ther Orchestergrabens optimal zu nutzen. Ob in Bayreuth oder anderswo: Es ist doch immer die Frage, wie man Wagner dirigiert. Es gibt Dirigenten, die zwingen die Sänger geradezu, zu schreien und wortunverständlich zu singen, was in Bayreuth eigentlich nicht nötig ist. PS: Richtig, das ist in Bayreuth eigentlich nicht nötig. Das sagt man aber auch den Sängern, dass gerade die Artikulation, die deutliche Aussprache so enorm wichtig ist bei Wagner! DDS: Aber bei vielen hört man nichts davon. PS: Mit manchen Problemfällen arbeiten wir sogar sehr intensiv an Wortverständlichkeit und Artikulation. Aber manche sängerischen Probleme haben oft rein gesangstechnische Gründe. Sie können einer Sängerin zwar sagen, dass sie mehr auf die Aussprache der Schlusskonso-nanten achten soll, aber Sie können Ihr nicht sagen: Du musst andere Vokalfarben singen. Das müssen Gesangpädagogen tun, die genau wissen, wie man rein gesangsphysiologisch Vokalfarben verändern kann. Das sind technische Probleme, die bei den Proben nicht mehr gelöst werden können. Da ist entweder in der Ausbildung etwas falsch gemacht worden oder die Stimme ist durch falschen Gebrauch kaputt gegangen. Nun muß man aber auch zugeben, dass es die Frauenstimmen in puncto Aussprache schwerer haben als die Männerstimmen. DDS: Aber es gibt doch genügend Beispiele ausserordentlich wortverständlicher – nicht nur auf Phonstärke setzender - Wagnersängerinnen aus der Vergangenheit, gerade hier in Bay-reuth. Denken wir an die Fünfziger-, sechziger- und Siebzigerjahre. PS: Ich gebe zu, Wagnergesang heute ist auch in Bayreuth ein Problem. Wagner hat tatsäch-lich geträumt von so etwas wie einem „deutschen Belcanto“. Aber davon sind wir heute weit entfernt.
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