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Dieter David Scholz
Kritik/Festspielbericht Enttäuschungen, aber dennoch lohneswert! Das Rossini-Opera-Festival Pesaro 2007
Zum achtundzwanzigsten Male findet an der italienischen Adria-Küste, in Pesaro, dem Ge-burtsort Rossinis, einem beschaulichen, unspektakulären Bade- und Fischerstädtchen im Herzen Italiens, in der Provinz der Marken, das „Rossini-Opera-Festival“ statt. Für Rossini-Liebhaber ist es weltweit das Mekka gehobener Rossini-Pflege. Vom 8. bis zum 21. August wird dort in diesem Jahr dem berühmtesten Sohn der Stadt gehuldigt. Rossini-Freunde aus aller Welt sind wieder angereist, um das ausschließlich Rossini verpflichtete Programm zu erleben, vor allem drei Opernproduktionen. Das turbulente dramma buffo „Il Turco in Italia“ – die Wiederaufnahme einer Produktion des vergangenen Jahres im schönen, alten Teatro Rossini, war die eigentlich erfreulichste Auf-führung des diesjährigen Festivals. Es ist eine im Grunde ganz bei sich selbst bleibende, weil liebevoll biedermeierlich-ironische Inszenierung von Guido de Monticelli mit richtigem Segelschiff, mit Haremsdamen und einem Bilderbuchtürken mit riesigem Turban, eine konventionelle Inszenierung, die aber dem Stück und den Sängern nichts nimmt. Sie sind allesamt in Sachen Rossini erfahrene und trainierte Spezialisten ihres Fachs: Marco Vinco singt den Selim, die junge, aus Livorno stammende Alessandra Marianelli singt die Fiorilla. Der auch darstellerisch hochbegabte, junge, aus Pavia stammende Bariton Bruno Taddia ist der Strippenzieher und Poet Prosdocimo in dieser in Neapel spielenden, zauberhaften Liebes-Komödie à la „Cosi fan tutte“, die Paolo Bregni in fast barocke Architektur- und Bildkompositionen einbettete. Zwar ist das Haydn-Orchester von Bolzano und Trento nicht eben das Beste, aber der energische Mailänder Dirigent Antonelli Allemandi hat ihm ordent-lich Beine gemacht. Die Aufführung hatte Witz und Tempo. Ganz im Gegensatz zu der mit Spannung erwarteten Neuproduktion des tragischen Dramma per musica „Otello“, frei nach Shakespeare, das Renato Palumbo dirigierte.
Renato Palumbo hat in den letzten fünf Jahren drei erfolgreiche Produktionen in Pesaro geleitet. Auch in seiner Einstudierung von „Otello“ zeigt er eine so sensible wie bewunderns-werte Liebe zum Detail. Aber seine Feinziselierungen in Ehren: Langatmige Tempi haben dem ohnehin abendfüllenden Stück alle Spannung geraubt und das Sitzfleisch des Publikums über Gebühr strapaziert. Und man musste erkennen, dass man selbst in Pesaro heute ein Problem hat, fünf glaubwürdige Tenöre für ein Stück aufzutreiben. Gregory Kunde und Chris Merritt gaben eigentlich nur noch Karikaturen von Otello und Jago ab. Allein der aus Lima stam-mende Startenor Juan Diego Flórez, dessen Welt-Karriere übrigens 1996 in Pesaro begann, zeigte als hochvirtuos singender Rodrigo sängerisch Festspielformat, auch wenn er, von Maria Filippi sehr unvorteilhaft kostümiert, wie fast alle Personen dieser Oper, optisch lächerlich erschien. Er singt den Nebenbuhler Otellos. Seine Angebetete, Desdemona, wird von der Pesaro-Debütantin Olga Peretyatko hervorragend gesungen. Die junge, fulminante St. Petersburger Sopranistin gewann erst im vergangenen Jahr den zweiten Preis beim Internationalen Gesangswettbewerb DEBUT in Bad Mergentheim. In Pesaro hat sie jetzt den Startschuß zu einer zweifellos großen Karriere abgegeben. Leider wurde das Gesangsvergnügen durch die rein mechanische ("mare e cielo") Inszenierung Giancarlo del Monacos arg getrübt, denn abendfüllend ist ein Meeres- und Wolkenhimmel-Prospekt nicht gerade, auch wenn aus ihm Türen und schubladenartige Chortribünen herausfahren, allesamt mit Wellen und Wölkchen bemalt. Etwas weniger öde ist da schon die Neuproduktion des Melodramma „La Gazza Ladra“.
La Gazza Ladra ist eine schwarze Komödie über das Schicksal eines armen Mädchens, das wegen einer diebischen Elster ihrerseits des Diebstahls bezichtigt, von einer despotischen Obrigkeit zum Tode verurteilt und erst im letzten Augenblick begnadigt wird. Damiano Michieletto hat das Stück als ziemlich austauschbare Installation großer weißer Röhren auf Spiegelboden und im Wasserbett in Szene gesetzt. Er hat eine Rahmenhandlung erfunden: Den Traum einer burschikosen Akrobatin, die sich aus ihrem Bettchen als Quasi-Elster am Seil emporklimmt in den Bühnenhimmel und sich kletternd und schaukelnd, aber auch bodenturnend durch das Stück trollt, oder sagen wir fairerweise: durch die Installation. Das eigentliche, das ironisch gesellschaftskritische Stück wurde Einem vorenthalten. Leider weiß auch der aus Shanghai stammende Dirigent Lü Jia mit „Der diebischen Elster“ nicht viel anzufangen. Doch die Partitur dieses hochintelligenten Stücks ist an sich musikalisch so faszinierend, das Libretto so voller geistreicher Anspielungen, dass man trotz der auch sänge-risch nur mittelmäßigen Aufführung diese Opern-Ausgrabung als großen Gewinn betrachtete. Schon deshalb hat sich auch in diesem Jahr der Besuch in Pesaro, dem führenden Rossini-Festival der Welt, und einem der wenigen Festivals, die nicht beliebig, sondern unverwech-selbar nur einem einzigen Komponisten verpflichtet sind, gelohnt. Gezeigt wurden die beiden Neuproduktionen des diesjährigen Festivals in den beiden seit vergangenem Jahr neuen Spielstätten im riesigen Sportpalast vor den Toren Pesaros, mitten im atmosphärisch wenig stimulierenden Industriegebiet. Es sind zwar zwei praktikable, große Theater mit perfekter Technik, die in die große "schwangere Auster" eingebaut wurden, mit erstaunlicher, wenn auch problematischer Akustik und integrierter Klimaanlage. Das kommt dem sonnengestreßten Adria-Touristen zweifellos zugute. Der gastronomische Service ist jedoch katastrophal. Aber selbst der hartgesottenste Rossinianer wird nach stundenlangem Belkanto einmal durstig! Neben den erwähnten Opern wartet Pesaro noch mit konzertanten Aufführungen der Kantaten „Edipo a Colono“ und „Le Nozze di Teti, e di Peleo“ auf, mit der „Petite messe Solenelle“, 2 Konzerten und Veranstaltungen der Accademia Rossiniana, der Nach-wuchsförderungs-Institution in Sachen Rossini-Gesang. Insgesamt sind das 21 Veranstal-tungen. Weniger als im letzten Jahr. Das Geld ist auch in Pesaro knapp. Auf die alljährliche Farca aus dem Rossini-Umfeld hat man bedauerlicherweise verzichtet. Aber Alberto Zedda, der greise, immer noch vitale, immer heitere Künstlerische Leiter des Festivals, freut sich, in seiner Talentschmiede des Rossinigesangs jedes Jahr begabten Belcanto-Nachwuchs vorzustellen: “I´m lucky to find them and to find every year more singers, more prepared singers and singers, who know the importance of the belcanto.“ Die diesjährige, herausragende Nachwuchsbelkantistin der Pesaro-"Schule" ist die schon er-wähnte St. Petersburger Sopranistin Olga Peretyatko. Von ihr wird man noch hören! - Für´s nächste Jahr sind übrigens zwei Neuproduktionen angekündigt: Neben der Wiederaufnahme der Erfolgsinszenierung von “L´Equivoco Stravagante“ bringt man die tragische Oper “Ermione“ und das Dramma per musica “Maometto Secondo” heraus. Darauf darf man gespannt sein!
Verschiedene Beiträge für SWR, BR, MDR, DLF
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