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Dieter David Scholz
Rossini Opera Festival 2010
Das Dramma serio in zwei Akten „Demetrio e Polibio“ ist die eigentliche Überraschung des diesjährigen Rossini-Opernfestivals in Pesaro. Es ist nämlich die erste Oper, die Rossini geschrieben hat, zwischen elf und achtzehn Jahren, ganz genau weiss man es nicht. Auf ein ziemlich krudes Libretto von Vincenzina Vigano-Mombelli, die der Theatertruppe der Mom-bellis angehörte, die das Werk 1812 im Römischen Teatro della Valle uraufführte. In dem zweiaktigen Stück geht es um den Partherkönig Polibio und den syrischen König Demetrio sowie deren verwickelte Verheiratungspläne ihrer Kinder. Das Libretto ist wahrlich kein Meisterstück. Auch die Musik des ganz kindlichen Rossini - sie läßt schon Aufhorchen auf Kommendes - bewegt sich noch zwischen Mozart und Cimarosa.
Rossinis „Demetrio e Polibio“ hat, wie der Herausgeber der neuen, revidierten und kritischen Fassung dieser ersten Rossini-Oper, im Programmbuch schreibt, eine sehr verwickelte Ent-stehungsgeschichte. Bisher ist dieses Werk, das der Rossiniverehrer Stendhal einst so liebte, in meist völlig entstellten Fassungen gespielt worden, wenn überhaupt je. In Pesaro sieht und hört man es in - soweit als möglich - rekonstruierter Originalgestalt mit 4 Sängern und kleinem Mozartorchester mit erstaunlich großem Holzbläseranteil. Glücklicherweise hat der aus Turin stammende Regisseur Davide Livermore gar nicht erst den Versuch unternommen, die Hand-lung der 6 Musiknummern des kurzen Werks nachzuerzählen. Stattdessen zeigt er das Jugendwerk Rossinis als Zaubertheater und Kulissenzauber nach dem Motto „Vier Personen suchen einen Autor“. Das ist anrührendes Theater auf dem Theater, für das Studenten der Kunstakademie von Urbino ein praktikables, schlichtes Bühnenbild und prachtvolle Kostüme entwarfen. Ein in Italien berühmter Fernsehzauberer hat magische Tricks und pyrotechnische Effekte beigesteuert. Ein origineller, ein poetischer Abend, der demonstriert woher Rossini kam und wohin sich seine Opernkunst einmal entwickeln sollte. Auch sängerisch steht die Aufführung unter einem guten Stern. Schade, dass der Dirigent Corrado Rovaris dem Stück nicht etwas mehr Beine gemacht hat. Die Oper hätte es verdient!
Die 1814 im venezianischen Teatro la Fenice uraufgeführte Oper „Sigismondo“ ist die zweite Opera Seria, die man in diesem Jahr in Pesaro zeigt. Noch immer gehört Rossinis ernstes Opernschaffen ja zu dem am wenigsten bekannten. Nur in Pesaro kann man es in seiner Vielseitigkeit kennen lernen. Alberto Zedda, der langjährige künstlerische Direktor des Festi-vals und einer der weltweit führenden Rossini-Spezialisten, plädiert denn auch neben dem komischen vor allem für den seriösen, den dramatischen als den eigentlich großen und bedeutenden Rossini.
„Sigismondo“ ist ein für das zeitgenössische italienische Publikum Rossinis wohl exotisch anrührendes, polnisches Drama um Schuld und Sühne eines Königs, der den Auftrag erteilte, seine Gattin zu ermorden. Gewissensbisse, Gespenstererscheinungen und Wahnsinnsanfälle jagen sich wie in keiner anderen Oper. Was Wunder, dass der junge, derzeit in Italien hoch-gehandelte Regisseur Damiano Michieletto das Stück in einem Irrenhaus zeigt, zwischen Anspielungen auf österreichische Fremdherrschaft in Polen bzw. Italien und Russischer Revo-lution. Eine szenische Verrätselung des weithin unbekannten Stücks. Unverständlich sind auch die gewollten, aber ganz und gar uneinsichtigen Anspielungen auf Filme wie „Einer flog übers Kuckucksnest und „Die Frau, die zweimal lebte“. Es hagelte denn auch bei der Premiere Buhs für den selbstbewussten Regisseur. Um so mehr Applaus erhielten die fabelhafte Danie-la Barcellona in der Contraalt-Hosenrolle des Sigismondo, die junge, brilliante Sopranistin Olga Peretyatko als totgeglaubte Königin Aldimira und der markante (wenn auch inzwischen arg nasal auftrumpfende) Rossini-Tenor Antonino Siragusa. Viel Beifall gab es auch für den temperamentvollen Newcomer am Pult, Michele Mariotti, und das Orchester des Theaters von Bologna, dessen „direttore principale“ er seit 2 Jahren ist. Auch wenn das Rossini Opera Festival in seinem einunddreissigsten Jahrgang mehr denn je unter finanziellen Problemen leidet, kann es doch in 13 Tagen nahezu 30 Veranstaltungen anbieten: Lesungen, Einführungen, Konzerte, eine Akademie und 3 große Opernauffüh-rungen zu je 4 bzw. 5 Wiederholungen.
Neben der Präsentation des Opernerstlings von Rossini und der Ausgrabung des vergessenen „Sigismondo“, die beide im wunderschönen, alten Teatro Rossini gegeben werden, wartet man in der (akustisch suboptimalen) riesigen Adriatischen Arena mit der Wiederaufnahme und Neueinstudierung eines Klassikers und Publikumsrenners auf: Mit Luca Ronconis alle theatertechnischen Register ziehenden, optisch luxuriösen „La Cenerentola“-Inszenierung aus dem Jahre 1998. Grosses Operntheater! Diesmal allerdings unter der in seiner klugen Par-tituranalyse breit ausufernden Stabführung von Yves Abel. Auch sängerisch hört man nicht mehr die erste Garnitur. Juan Diego Florez wird von dem allerdings hervorragend natürlich singenden Lawrence Brownlee als Don Ramiro ersetzt. Marianna Pizzolato (körperlich, nicht stimmlich fülliger denn je) singt die Titelpartie. Aber selbst in dieser Wiederaufnahme gibt es eine Überraschung: Eine hochvirtuose Einlage-Arie der Clorinda, die man noch nie gehört hat. Manon Strauss Evrar singt sie bravourös. Wieder einmal beweist das Rossini Festival in Pesaro, dass es weltweit die Nummer Eins in Sachen Rossini ist. Und im nächsten Jahr darf man auf einen neuen „Mosè in Egitto“ und auf „Adelaide di Borgogna“ gespannt sein.
Beiträge in SWR 2, MDR Figaro, Artikel in "Das Orchester" (Schott)
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