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Dieter David Scholz

 

ROSSINI OPERA FESTIVAL 2008 - EIN BERICHT

 

Juan Diego Florez eröffnete das diesjährige Rossini-Opern-Festival mit einem vom interna-tionalen Publikum bestürmten Recital. Der Titel dieses Konzerts: „Il Presagio Romantico“- Romantische Vorahnungen in den Opern Rossinis führte der peruanische Startenor vor, dessen Karriere vor etwa 10 Jahren in Pesaro begann. Seine unangefochtene Konkurrenz-losigkeit als Rossinitenor darf nicht vergessen machen, dass das Rossinifestival in Pesaro seit Anbeginn vor allem eine Talentschmiede für junge Sänger ist. Der greise, aber immer noch erstaunlich vitale und energiegeladene Rossini-Spzeialist, Alberto Zedda, künstlerischer Di-rektor und so etwas wie des spiritus rector des Festival, betont denn auch, dass Rossini ein Komponist vor allem  für junge Menschen ist…

"Rossini ist ein Komponist für junge Sänger und Interpreten, denn er erfordert Krea-tivität. Verdi oder Puccini legen in ihren Partituren alles genau fest. Der Sänger hat nur exakt die Anweisungen des Komponisten zu befolgen und zu singen. Bei Rossini ist das ganz anders. Seine Scalen und Arpeggien  müssen belebt und phantasievoll indi-vidualisiert werden, erst dann entsteht bei Rossini Musik!"

 

Natürlich stehen im Zentrum des renommierten Opernfestivals im hitzedurchglühten  Geburts-ort Rossinis – neben den Nachwuchs-Darbietungen - wieder drei Opernproduktionen auf höchst professionellem, gehobenem Standard. Alberto Zedda hat das von ihm erstmals im 20. Jahrhundert wieder ans Licht gezogene dramma giocoso „L´Ecquivoco stravagante“ (Das bizarre Missverständnis), das Rossini noch am Konservatorium in Bologna innerhalb von nur 2 Wochen schrieb, wieder ins Programm aufgenommen. Es ist eine freche Produktion, die schon vor 6 Jahren herauskam.  Regisseur Emilio Sagi, hat aus dem verrückten, ja grotesken Stück um die Tochter eines Emporkömmlings (Gemüsehändlers) und dessen favorisiertem reichen Heiratskandidaten, der übertölpelt wird mit der Komödie eines angeblich als Frau verkleideten Kastraten, der aber in Wahrheit tatsächlich eine Frau ist, eine brilliante Dienst-leistungs-, Marketing- und Unternehmensführungs-Parodie im PR- und Medienzeitalter zwi-schen Containern und knallrotem Lust-Sofa inszeniert. Eine schrille, mit flottem Spieltempo agierende Burleske, in der am Ende natürlich die jugendliche Liebe siegt über alles materielle Kalkül und väterlichen Zwang. Das Stück ist das erste, in dem der junge Rossini mit geradezu aberwitzigen Albernheiten und Maskeraden über Macht und Ohnmacht, Ernst und Unernst des Theaters wie der Musik geradezu absurde musikalische Experimente anstellte.

Umberto Benedetti Michelangeli, der Sohn des Pianisten, leitete diese sängerisch mit Marina Prudenskaja, Bruno de Simone  und Marco Vinco sehr respektabel aufwartende Produktion. Besonders neugierig war man in diesem Jahr allerdings auf die kaum je gehörte Azione tragica „Ermione“, die der Sohn Claudio Abbados, der Regisseur Daniele Abbado als technisch vir-tuoses, steriles Spektakel im wandelbaren faschistoiden Travertin-Architektur-Einheitsbüh-nenbild Graziano Gregoris  darbot. Der perfide Überkreuz-Konflikt um Liebe und Macht frei nach Racines Drama „Andromaque“ war mit der überwältigenden Sonia Ganassi – der wohl zur Zeit führenden Rossini-Gesangs-Virtuosa -  in der Titelpartie hochkarätig besetzt. Zwei große Tenöre ihr zu Seite: der fabelhafte junge Antonino Siragusa als Orest und Rossini-Altmeister Gregory Kunde, der als Pirro nach seiner letztjährigen Enttäuschung als Otello zu beachtlichem Format zurückfand.

Ermione war einer der größten Misserfolge Rossinis. Im ganzen 19. Jahrhundert wurde die Oper nicht gespielt. Erst 1987 wagte es das Rossini-Festival in Pesaro, das Stück wieder auszugraben. Die diesjährige Neuproduktion unter der energischen Leitung des Dirigenten Roberto Abbado, des Cousins Claudio Abbados, fand es großen Anklang beim Publikum.

Die insgesamt stimmigste – wenn auch szenisch sicher anfechtbare  - Produktion des dies-jährigen Festivals war eine Neuproduktion des dramma per Musica "Mometto Secondo", eines Kultur- und Religionskonflikts zwischen Mohammedanern und Christen. Regisseur Michael Hampe und sein Ausstatter Alberto Andreis haben das musikalisch unwiderstehliche Stück – das Gustav Kuhn in perfekter Balance zwischen Sängerfreundlichkeit und Dramatik zu dirigieren verstand, in üppigster historisierender Dekoration inszeniert. Zwischen orientali-schem Plüsch-Harem und pseudovenezianischer Palastarchitektur. Eine opulente Ausstat-tungsoper mit prachtvollen Kostümen Chiara Donatos. Vor allem aber ist es eine sängerisch in allen Partien erstklassig besetzte Aufführung, in der der Tenor Francesco Meli als Vater Erisso glänzt, Michele Pertusi als leider schon etwas stimmverbrauchter Maometto und die junge, sensationelle lettische Sopranistin Marina Rebeka in der anspruchsvollen Partie der am Ende der gespielten tragischen Version dieser Oper sich erdolchenden, christlichen  Geliebten des Maometto, Anna. Der Star der Aufführung ist die international gefeierte Mezzosopranistin Daniela Barcellona in der Hosenrolle des Calbo. Auch sie startete in den Neunzigerjahren ihre Karriere in Pesaro.

Mit den Produktionen von "Maometto secondo" und  "Ermione" ist das Festival in Pesaro auch in diesem Jahr wieder seinem selbstgesetzten Anspruch Alberto Zeddas gerecht geworden:

"Es ist vielleicht utopisch, aber wir wollen mit unseren Aufführungen neben dem komischen vor allem für den seriösen, den dramatischen Rossini als den eigentlich bedeutenderen Rossini  plädieren."

 

Der Kammerchor Prag, das Orchestra  Haydn die Bolzano e Trento und das Orchester des Teatro Comunale di Bologna standen wie so oft den Rossini-Reanimierungen Pesaros mit Disziplin und Rossini-Metier zu Gebote. Ein Malibran-Rezital der Mezzosopranistin Yoyce die Donato, es muss ja nicht immer Cecilia Bartoli sein – steht auf dem Programm, neben einer Stabat Mater-Aufführung Rossinis und Belcanto-Rezitals von Patricia Ciofi und Lawrence Brownlee. Alles Pesaro-Schüler von einst.  Eine schöne Mischung also aus arri-vierten Pesaro-Zöglingen und Nachwuchs auch in diesem Jahr. 22 Aufführungen in 14 Tagen.  Eine stattliche Bilanz. Dennoch beklagt Alberto Zedda, dass auch in Italien das Geld für Kultur nicht mehr so reichlich fließt wie früher:

"Ja, wir haben finanzielle Probleme. Die Regierung spart in der Kultur mehr und mehr Geld ein und kürzt die Etats. Wir sind leider nicht mehr in der glücklichen Situation, in der wir noch vor 20 Jahren waren. Ausgerechnet in Italien wird die Kultur heute nicht mehr so respektiert und gefördert wie damals noch."

Und so verwundern Koproduktionen der Oper "Ermione" mit Bari und des "Maometto Secondo" mit Bremen nicht. Doch trotz aller Sparzwänge hat sich auch in diesem Jahr Pesaro wieder als das Mekka aller Rossini-Verehrer und Neugierigen aus aller Welt erwiesen. Fast alle Aufführungen im schönen historischen Teatro Rossini und in den beiden veritablen Grossbühnen im Sportpalast vor den Toren der Stadt sind ausverkauft und 2009, in dem das Festival sein 30-jähriges Bestehen feiert, darf man sich auf Neuproduktionen von "Zelmira" und "Sigismondo" freuen, neben dem Comte Ory und einem konzertanten Tancredi.

 Beiträge in: SWR / DLF