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Dieter David Scholz
Die diskreten Martyrien und Wunder der Hl. Agnes
Bernardo Pasquinis
Oratorium „Il martirio di Sant´Agnese“ bei den „Zeit der Wunder“ lautet das Thema der diesjährigen Innsbrucker Festwochen Alter Musik. Im Mittelpunkt des Festivals, das vom 8. Juli bis zum 24. August dauert, steht neben Kon-zerten und Händels Oratorium „Belshazzar“, das der künstlerische Leiter der Festwochen, René Jacobs schon im Frühjahr in Berlin herausbrachte, eine szenische Aufführung des Ora-toriums „Il martirio di Sant´Agnese“ des römischen Komponisten Bernardo Pasquini.
Mit der Ouvertüre seiner Oper “Tirino” hat der Cembalist und Dirigent Alessandro de Marchi das Oratorium „Il martirio di Sant´Agnese“ von Bernardo Pasquini eingeleitet. Eines verges-sene Komponisten, der in den sechziger und siebziger Jahren des 17. Jahrhunderts in Rom ei-ner der erfolgreichsten Opern und Oratorien-Komponisten gewesen ist: Die originale Ouver-türe ging verloren. De Marchi hat sich schon seit Jahren mit Pasquini-Oratorien beschäfigt und weiss worauf es ankommt bei der Ausgrabung dieser Oratorien: "Ich habe die Streicherstimmen geteilt in ein Concertino, also eine Solostreichinstru-menten-Gruppe und ein Concerto grosso, eine grössere Gruppe, wie es üblich war in der Corelli-Zeit. Und Pasquini hat ein Leben lang mit Corelli gespielt. As Modell habe ich die berühmten Concerti Grossi von Muffat genommen. Muffat war ein Schüler von Corelli und Pasquini. Also ich habe praktisch dieses Modell benutzt und es genauso gemacht, als ob ich selber ein Student von beiden wäre. Und dann musste ich natürlich entscheiden, wer den Basso continuo in den Arien und Rezitativen spielt. In den Noten es gibt nur eine Gesangslinie und eine Basslinie. Und dann macht man normalerweise eine Instrumentierung. Ich habe Instru-mente der Zeit in verschiedenen Kombinationen benutzt, um der Dramaturgie zu folgen." Das Ergebnis überzeugte. Die Accademia Montis Regalis, eines der renommiertesten „Alte-Musik“-Spezialensembles, hat die sehr streng kontrapunktisch ausgearbeitete Musik Pas-quinis, reine Streichermusik plus Continuoinstrumente, phantasievoll, klangschön und in der richtigen Balance zwischen artistischem Temperament und andächtiger Kontemplation rea-lisiert. Die Aufführung war aber auch sängerisch ein Fest. Die insgesamt fabelhafte Besetzung mit der Mezzosopraistin Karin Roman als Mutter Agneses, mit dem Tenor Kobie van Rens-burg als intrigantem Einflüsterer des Stadt-Präfekten, den der Bass Antonio Abate sang, ließ keinen Wunsch offen. Im Mittelpunkt der Aufführung standen die makellose Sopranistin Emanuelle de Negri als Agnese und der erstaunlich natürlich singende argentinische Counter-tenor Martin Oro als ihr Anbeter Flavio.
Bernardo Pasquinis Oratorium „Il martirio di Sant´Agnese“ aus dem Jahre 1677, zu dem einer der bedeutendsten Kardinäle Roms, Benedetto Pamphili das Libretto schieb, spielt im Rom der Christenverfolgung und handelt von einem zwölfjährigen Mädchen, Agnese, das die verordnete Ehe mit dem Sohn des Stadtpräfekten, Flavio, ablehnt, weil sie sich bereits Chris-tus versprochen hat. Zur Strafe soll sie der Schändung in einem Bordell preisgegeben wer-den. Flavius wittert seine Chance, wird aber durch Gottes Kraft innerlich verbrannt und stirbt. Auf Agnes Gebet hin wird er wieder lebendig. Zwei christliche Wunder sind zuviel für den römischen Stadtpräfekten. Er beschließt, von seinem Berater angefeuert, Agnese dem Scheiterhaufen zu übergeben. Doch die Flammen weichen von ihr zurück. Nach diesem dritten Wunder ersticht der Präfekt eigenhändig Agnese, die „unschuldige Braut Christi“, wie sie fortan als christliche Heilige genannt wird. Eben dieses tragische Ende des Stücks macht für René Jacobs, den Leiter des Innsbrucker Festivals, die Aktualität des Stücks wie der ganzen Gattung Oratorium aus: "Weil die Themen jetzt für uns viel mehr bedeuten als die Themen vieler Barockopern. Eine Geschichte über eine Märtyrerin in einer Zeit, wo wir von Selbstmordattentätern hören, die sich selbst als Märtyrer verkaufen, das hat eine Aktualität, die man in den Opernthemen der Barockoper selten findet. Ich finde das Libretto sehr brutal. Und das ist selten der Fall in Libretti dieser Zeit, die oft sehr aufgeputzt sind. Die Themen der barocken Oratorien bewegen mich inzwischen mehr als die der barocken Opern. "
Der Regisseur Vincent Boussard, der schon bei Cavallis „Eliogabalo“ und Mozarts „Don Giovanni“ mit René Jacobs zusammenarbeitete, läßt Pamphilis und Pasquinis Oratorium in einem hellen Stein-Rahmen spielen, den Vincent Lemaire entwarf. Verschwommene Stadt-prospekte, eine Mischung aus Manhatten, Rom und Venedig andeutend, siedeln das Stück in kluger Uneindeutigkeit an. Ebenso die historisierenden Kostüme von Stéphani Zani. Jeder historische Naturalismus wird vermieden. Der an Affekten und Emotionen, auch an sub-versiver Herrscher-Schelte reiche Text wird in ruhiger ästhetischer Überhöhung gespielt, keineswegs oratorisch, sondern als dramatische zwischenmenschliche Handlung. Man denkt an mittelalterliche Mysterien- bzw. Passionsspiele dabei. Johann Kleinheinz hat für die diskre-ten Wunder der Inszenierung zauberische Lichteffekte beigesteuert. Aufwirbelnde Rosen-blätter im Wind deuten das Feuer des Scheiterhaufens an. Bei Agneses Himmelfahrt, die alle anderen Figuren in den Tod reißt, kippt die hintere Wand der Steinarchitektur um. Auf ihr schreitet das Mädchen Agnese mit gleißenden Goldhaaren dem Dunkel entgegen und verglüht.
"Was ich besonders mag, ist, dass Agnese ein radikales Freiheitsgefühl vorlebt indem sie sagt: Lieber sterbe ich, als dass man meine Wahl des Geliebten und meine Freiheit nicht respektiert. Ich würde mich freuen, wenn das den Zuschauer ergreift und ihm gefällt. "
Regisseur Vincent Boussards Inszenierung des Oratoriums im Innsbrucker Landestheater war ein großer Erfolg. Das Premierepublikum war begeistert von seiner plausiblen szenischen Verlebendigung der Legende von der heiligen Agnes, die jenseits aller modischen Aktuali-sierungen - den Anspruch René Jacobs´ eingelöst hat: "Oratorium bleibt für mich eine Möglichkeit in der Programmierung. Die Oratorien sind Musikdramen wie die Opern. Dieses Jahr es war mein Anliegen, zu zeigen, es gibt auch geistliche Musikdramen. " Beitrag für das „Musikjournal“ im DLF am 25.08.2008
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