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Dieter David Scholz
Ratten im Labor
oder "Lohengrin"-Premiere in Bayreuth, 25.07.2010 MDR, Figaro am Morgen,
26.07.10, 8.40 Uhr Moderator: Gestern abend fand die Eröffnung der 99. Bayreuther Festspiele statt. Es gab "Lohengrin" mit zwei Debütanten, dem fast 70-jährigen Altmeister des Regietheaters, Hans Neuenfels und dem 31-jährigen lettischen Shootingstar Andris Nelsons am Pult. Auf beide war man sehr gespannt. Neuenfels ist kräftig ausgebuht worden. War die Aufführung denn ein Misserfolg? Dieter David Scholz: Man kann sie ohne Frage als Misserfolg bezeichnen. Wobei ich das gar nicht so erwartet habe. Ich habe ja mit Hans Neuenfels während der Proben gesprochen und er hat mir ein faszinierendes Konzept erläutert. Nur hat es sich leider auf der Bühne nicht eingelöst. Andris Nelsons war der Sieger dieses Abends. Er wurde stürmisch und ungeteilt gefeiert. Wenn man genau hinhörte, hatte aber auch er Probleme. Er verstand es nicht, Bühne und Graben durchgängig zu koordinieren. Orchester und Chor waren nicht immer zusammen. Auch die Tempi waren eigenwillig langsam, daher ließ sein Dirigat an Spannung zu wünschen übrig. Andris Nelsons ist ohne Frage ein außergewöhnlicher Dirigent, aber an diesem Stück hat er sich fürs Erste verhoben. Moderator: Man hörte schon im Vorfeld der Premiere so Einiges über das, was einen auf der Bühne erwartete, von 140 Menschen in Rattenkostümen war zum Beispiel die Rede. Das gefällt naturgemäß nicht jedem. Wie war denn die Inszenierung,? Wurde sie ein echter Skandal? Dieter David Scholz: Na ja, wenn man die Phonstärke des Buhorkans zum Maßstab nimmt, dann war es einer. Hans Neuenfels wurde kräftig ausgebuht, mehrfach und einstimmig. Wobei zu einem echten Skandal die Provokation gehört. Und die bleib aus. Die Aufführung war eher langweilig als verstörend. Neuenfels hatte an sich ein interessantes Konzept. Er hat nämlich einen Film von Alain Resnais aus dem Jahre 1980 gesehen, „Mein Onkel aus Amerika“. In diesem Film sieht man einen Laborversuch mit Ratten. Menschliche Beziehungsgeschichten werden hart dagegen geschnitten. Ratten und Menschen nähern sich immer mehr an. Ein surrealistischer Film. Neuenfels hat versucht, dieses Konzept auf den „Lohengrin“ zu über-tragen. Das Problem ist, dass so etwas auf der Bühne nicht wirklich funktioniert. Zumal bei zu kurzen Probenbedingungen. Darüber hat sich Neuenfels ja immer wieder beschwert. Er zeigt also kein scheiterndes, romantisches Erlösungsdrama. Neuenfels ignoriert die Szenenanwei-sungen Wagners wie die politische, ideengeschichtliche Dimension des Stücks. Er will in klinisch coolem, weißem Ambiente ausschließlich eine missglückte menschliche Kommu-nikation zeigen. Die Kommunikation eines mit einem unmöglichen Auftrag Abgesandten mit einer Überforderten. Ein Weltverbesserunsgversuch. Das Ganze als Experiment unter Laborbedingungen. Die Masse Mensch, der Chor, wird von Ratten dargestellt. Menschen und die Ratten werden austauschbar. Gelegentlich entkleiden sie sich ihrer Rattenkostüme und hängen sie an Kleiderhaken, die vom Schnürboden herabkommen. Dann hängt der ganze Himmel voller Rattenschwänze. Man kann die Aufführung als surrealen Alptraum bezeichnen. Der gewinnt aber nur im dritten Akt an Dichte. Auch die Rattencomics, die auf herunterge-lassenen Videoleinwänden gezeigt werden, ändern an der Fragwürdigkeit des Neuenfelsschen Holzhammer-Surrealismus nichts. Ganz zu schweigen von Zitaten aus eigenen Inszenierungen, die Rigoletto-Kutsche als Behausung von Ortrud und Telramund - im zweiten Akt - und Anleihen bei Stefan Herheims technischen Parsifal-Wundern – das Braut-Bett im dritten Akt, aus dessen Federn ein Sarg aufsteigt und wieder verschwindet ... Moderator: Wenn schon kein "Lohengrin" mit Schelde, Gerichtseiche und Burg, gab es denn wenigstens einen Schwan? Dieter David Scholz: Der Schwan ist ständig aufgetreten, mal als komplettes Federvieh, gleich zu Beginn, also bei Lohengrins Auftritt, wird er im Sarg herangefahren, zum Schluß hat er sogar ein Ei gelegt in diesen Sarg. Aus dem Ei schlüpfte dann (statt Gottfrieds) ein ekelerre-gender Phötus, der mit Stücken seiner Nabelschnur um sich schmeisst. Alle fallen dabei tot um. Das soll wohl ein symbolisches Menetekel bedeuten. Der Schwan kommt auch als Plastik vor, auf der Ortrud wie Leda reitet, sowie als Emblem auf Kleidern und Tüchern. Er wird auch mal gerupft, als nackter Gummiadler, vom Bühnenhimmel herabgelassen. Dominant sind aber die Ratten. Ihre Auftritte haben etwas Musicalhaftes, etwas von Broadway-Show. Zumal, wenn die Weibchen unter ihren Rattenüberwürfen bunte Cocktailparty-Kleider der Fünfzigerjahre tragen, und Fransenhüte aufsetzen. Die Männchen tragen dann plötzlich gelbe Fräcke samt gelber Kreissägen. Man marschiert in Chorusline und Tanzformation auf. Leider nicht präzise genug choreographiert.
Die Aufführung ist in vielen Momenten unfreiwillig komisch. Beispielsweise wenn weiße und schwarze Ratten zum Tingeltangel antreten und rosa Rattenbabys von der Rattengouvernante mit Sonnenschirmchen beschützt nach vorne kommen und ins Publikum winken. Spätestens dann wird die Aufführung zur Kindertheatervorstellung. Neuenfels hat wohl unterschätzt, wie schwer es ist, hundertvierzig Menschen glaubwürdig dazu zu bringen,, sich wie Ratten zu be-wegen. Er hat den Zuschauer um das Stück, wie Wagner es eigentlich meinte, betrogen. Er hat dem Stück alle Romantik ausgetrieben. Das hätte als Akt der Distanzierung und Ironi-sierung eine neue Sicht auf das Stück liefern können. Hat es aber nicht. Diese Produktion ist ärgerlich, läppisch, zum Teil peinlich! Der Regisseur hat dafür die Quittung vom protestie-renden Publikum bekommen. Moderator: Schon vor der Generalprobe sprang einer der Sänger ab, Lucio Gallo, der den Telramund singen sollte. In der Generalrobe musste die Elsa-Sängerin Annette Dasch wegen eines Unfalls ausgetauscht werden. Der einzige. Der durchhielt, war Deutschlands gefeiertster Tenor-Schönling, Jonas Kaufmann Wie war denn die Premiere sängerisch? Dieter David Scholz: Jonas Kaufmann war natürlich der umjubelte Rattenfänger und Publi-kumsliebling. Es ist allerdings unüberhörbar, dass er seine Stimme bereits beschädigt hat. Er singt zu viele Partien, die nicht in den Bereich des lyrischen Tenors gehören. Derzeit singt er abwechselnd in Bayreuth den Lohengrin und in München den Cavaradossi. Das hört man! Seine Stimme ist nicht mehr ganz intakt. In der Höhe kann er kein Piano mehr singen. Er muss sich durchschummeln, mit oft unschönen kehligen Tönen im Falsett. In der schon recht barito-nalen Tiefe singt er gelegentlich ein wenig zu tief. Dennoch ist er ein auratischer Sänger ohne Frage, er verfügt über optische Photomodell-Qualitäten. Er ist eben ein zeittypisches Produkt der Schallplattenindustrie und ihres Marketings. Das Publikum liegt ihm zu Füßen. Ansonsten ist die Besetzung sehr unterschiedlich. Annette Dasch als Elsa ist eine Nummer zu klein, stimmlich schlicht überfordert. Auch sie ist wohl ausschließlich nach Schönheit ihres Äußeren, nicht der Stimme wegen engagiert worden. Hans Joachim Ketelsen, der einsprang für Lucio Gallo, ist die positive Überraschung dieser Aufführung. Er singt sehr wortverständlich und gestaltet seien Partie sehr überzeugend. Evelyn Herlitzius, eine ehemalige Brünnhilde am Haus, sie ist eine grandiose Bühnenerscheinung, aber sie singt mit inzwischen arg tremo-lierender Stimme nur nach dem Motto: Ich kann noch lauter! Das hat mit Wagnergesang nichts zu tun! Um so erfreulicher Georg Zeppenfeld als König Heinrich und Samuel Youn als Heerrufer. Nur seine hochtoupierten Haare machen ihn zur lächerlichen Erscheinung. Moderator: Kein romantischer Lohengrin also, sängerisch durchwachsen, diese Eröffnungs-Premiere. Wie geht es denn nun weiter in Bayreuth? Gibt es Neuigkeiten? Dieter David Scholz: Es knirscht etwas im Gebälk des Festspielhauses. Es gibt eine neue Mäzenatenvereinigung „Taff“ heßt sie, weil man mit der alten Vereinigung der „Freunde und Förderer“ Probleme hat. Die Erhöhung der Kartenpreise ist ein Problem. Es könnte sein, dass nach den Bühnenarbeitern nun auch Chor und Orchester eine Gehaltssteigerung anstreben. Dann sind wieder Finanzprobleme angesagt. Einsteilen sind die Schwestern damit beschäftigt, das Festspeilhaus kosmetisch aufzumotzen. Eine „Walhalla-Lounge“ soll gebaut werden, für Champagner und Gourmetspeisung der betuchteren Klientel. Künstlerische Qualitätssteigerung scheint zugunsten von Zeitgeistanbiederung zweitrangig zu sein. Und die spannende Frage, wer den „Ring“ im Jubiläumsjahr 2013 inszenieren wird, haben die Schwestern noch immer nicht beantwortet.
Sie hätten noch keinen Vertrag unterschrieben, sagen sie. Man glaubt es kaum, denn um so ein Werk auf einmal verantwortungsvoll zu stemmen, bedarf es einer längeren Vorlaufzeit als zwei Jahre. In diesem Jahr gibt es zum letzten Mal den „Thielemann-Ring“. Der größte Ansturm gilt aber Stefan Herheims „Parsifal“. Das ist aber auch eine Sternstunde des Musiktheaters. Um so bedauerlicher, ja ärgerlicher, dass Katharina Wagner ihn nicht auf DVD herausbringen will. Da scheint die gekränkte Eitelkeit der Meistersinger-Regisseurin über ihre Vernunft zu siegen. Sie, die für ihre Meistersinger stets Buhs bekommt, die Nachfrage nach dieser Inszenierung ist so gering, dass man Karten an der Abendkasse be-kommt, wie man hört, sie scheint ihrem Kollegen den Erfolg zu neiden. Sehr bedauerlich! So ein Verhalten ist nicht souverän und auch nicht klug. Sie sollte sich als Intendantin freuen über diesen Erfolg.
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