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Dieter David Scholz
Rezension Sandra Leupolds "Parsifal" in Mainz Gutmenschen-Weihe-Spiel Die Ouvertüre beginnt, der Vorhang geht auf, die Bühne ist voller Menschen. Leute aus der U-Bahn oder aus dem Supermarkt schauen in den Zuschauerraum. In Zeitlupe drehen sie sich einander zu und ziehen sich zurück in den Hintergrund, durch die Türen der schwarzen, leeren Einheitsbühne, die eher an einen unterirdischen Bunker erinnert als einen Wald, einen Zaubergarten oder einen Gralstempel (Ausstattung Tom Musch). Ein paar Personen bleiben zurück, in Jeans und Turnschuhen, einige lümmeln auf Stühlen, die entlang der nackten Büh-nenwände aufgestellt sind. Stühle sind die einzigen Requisiten dieser Inszenierung. Gurnemanz und die beiden Knappen, Knabensopranen des Mainzer Domchores, bleiben im Vorder-grund. Und dann geht ein Herzen und Barmen, ein Schmusen und Ans-Herz-Drücken, ein Streicheln und Umarmen los, wie man es lange nicht mehr gesehen hat. Man hat den Ein-druck, der fromme Gurnemanz meine es etwas zu gut mit den beiden Jünglingen, so innig drückt er sie ans Herz, so verliebt schmiegen sich die drei Köpfe aneinander. Wagners Bühnenweihfestspiel ist bei Sandra Leupold schon von der ersten Szene an ein gefühliges Gutmenschen-Weihe-Spiel, gegen das die Oberammergauer Passionsspiele so streng wie Nō-Theater erscheinen. Leupolds ungeniertes Betroffenheitstheater, nicht nur bei den Salbungs-, Fußwaschungs- und Taufszenen im dritten Akt ist dabei so dilettantisch im Handwerk wie unbehaglich in der inhaltliche Entfernung von Wagners Intentionen. Kein Regieassistent würde sich heute in seinem Inszenierungsdebüt eine derart ungeniert altmo-dische Körpersprache erlauben, wie sie Sandra Laupold zelebriert, mit quasi-expressio-nistischem Burgtheater-Augenrollen, gequältem Händeringen, hanswurstigem Zungeraus-strecken, übertriebenem Zittern und Händeringen. Dabei stülpt sie dem Stück ein feministisch anmutendes, verquastes Drama der Befreiung des Mannes durch das Weib, der Rettung des Weiblichen im Manne über, das nichts mit Wagners schwülem Drama der Erlösung der Welt durch Mitleid, der Rettung des triebgesteuerten Mannes durch Entsagung zu tun hat. So sehr man an Wagners Rezept zweifeln mag (es hat ja, wie wir wissen, bei ihm selbst nicht ge-wirkt), ist es doch als vorfreudianische Fin-de-siècle-Antithese von Eros und Agape, Sinn-lichkeit und Askese immerhin ein hochinteressantes Theaterthema. Von Erotik ist allerdings in Sandra Leupolds Inszenierung keine Spur. Ihre Kundry (im Putz-frauenoutfit) hat den erotischen Charme einer heruntergekommenen, ungepflegten Stadt-streicherin. Kein Wunder, dass Parsifal auf ihre Masche nicht reinfällt. Aber auch der klein-wüchsige, beleibte Parsifal im (für ihn besonders unvorteilhaften) sportiven Outdoor-Look, hat nicht gerade, was man Sexappeal nennt. Und warum ausgerechnet er die Initiative zum Liebesvollzug mit Kundry startet, um ihn dann beim ersten Kuss abzubrechen, bleibt das Geheimnis der Regisseurin. Bei Wagner ist es doch Kundry, die Parsifal (vergeblich) zu ver-führen sucht. Besonders lächerlich wirkt dieser Parsifal schließlich als Möchtegern-Tarzan, wenn er auf einen Stuhl steigt, um sich (wie übrigens auch der Jeansboy Klingsor) an herab-hängender Liane zum Bühnenvordergund zu schwingen. Mit Verlaub gesagt: Die Aufführung hat etwas von Schüler- um nicht zu sagen psychothera-peutischem Selbsterfahrungs-Theater: Wir setzen uns alle so wie wir sind auf die Bühne und spielen Wagners „Parsifal“. Wer dran ist, nach vorn bitte. Die andern bleiben auf ihren Stüh-len. Und wer spielt, wirft sich ´nen Fummel über. Kostüme mag man die unschönen Jeans-Überwürfe, für die Marie Luise Strand verantwortlich zeichnet, nicht nennen, schon gar nicht ihre bunten Stoffkreationen für die Blumenmädchen, die sicher Else Klink, die Grande Dame der Eurythmie erfreuen dürften. Auch Leupolds Blumenädchen-Ringelpietz mit Anfassen, Schwanken und Wogen, Tänzeln und Trippeln, ja läppischem Hopsen erinnert an unsinnlich-ste Eurythmie. Dagegen waren die spießigen Choreographien Gertrud Wagners in Neubay-reuth geradezu Avantgarde-Tanztheater. Das pseudosakrale, weihevoll priesterliche wie seelisch gequälte Betroffenheitstheater der Regisseurin gipfelt in der Karfreitagsszene, die Sandra Leupold als erschütternden Moment einer paradiesischen Menschheitsutopie versteht. Sie kennt wohl nicht Wagers gegenüber Cosima am 22. April 1879 geäußertes selbstkritisches Bekenntnis hinsichtlich seiner Karfreitagslegende: „Alles sei eigentlich an den Haaren herbeigezogen…nur eine hübsche Stimmung in der Natur“. Sandra Leupold geht Wagners raffiniertem Zauber auf den Leim und macht aus der Karfreitagsszene einen privaten, quasi religiösen Gefühls-Kitsch.
Am unbehaglichsten sind die Gralsszenen. Vier langbeinige Girlies begeben sich zu den Klängen der Glocken an die Eckpunkte eines angedeuteten magischen Quadrats, in dem die Gralsritter sich aufstellen. Jedes steigt auf einen mitgebrachten Stuhl, wirft sich eine blondierte Langhaar-Perücke über den Kopf, schnallt sich Engelsflügel an und reicht den frommen Brüdern Wasser, das in Blut verwandelt wird. „O hehrsten Heiles Wunder“! Titurel wird als lästiges Anhängsel im Schlafsack herangeschleift, der röchelnde Amfortas auf gekipptem Stuhl wie auf einer Bahre hereingetragen, und wenn Gralskelch rot glüht, freuen sich die Jeans-Brüder und drehen sich und tänzeln und lächeln wie bekifft. Mit rudernden Armen kreisen sie wie Bagwahn-Saniassins oder delirierende Derwische: „Oh! Welchen Wunders höchstes Glück!“ Unfreiwillig komisch ist auch der Gralskönig Amfortas, dem über der entblößten Leber-gegend eine pappene Speerwunde angeklebt wurde, die jeden Augenblick abzufallen droht. Womöglich ein beabsichtigter Verfremdungseffekt. Kundry und Gurnemanz wischen sich schon mal den Schweiss von der Stirn oder stemmen die Ellenbogen in die Hüften, um aus der Rolle zu Fallen und abzugehen: „Puh, geschafft…Ist das anstrengend!“ Lacher im Publikum. Wenn Parsifal im ersten Akt ausruft: „Ich verschmachte“, reicht ihm Kundry eine Flasche Mineralwasser. Kundrys Fußwaschung findet natürlich in einer Plastikwanne statt. Theater auf dem Theater, Brecht läßt grüssen. Wird Wagners „Parsifal" durch solche Mätz-chen verständlicher? Leider hat auch Dirigentin Catherine Rückwardt das Stück nur holzschnitthaft, ja ziemlich grob wiederzugeben vermocht. Von Spannung, Mystik, Geheimnis, Zauber und der „Kunst des Übergangs“, die Wagner in diesem Werk so wichtig war, findet sich in ihrer Lesart des Stücks keine Spur. Eklatante Koordinierungsprobleme von Graben und Bühne, mangelnde dynamische Differenzierungsfähigkeit, aber auch hörbar spieltechnische Überforderung im Orchester machten deutlich, dass man sich am Mainzer Staatstheater, auf das Wagner zu seiner Zeit große Stücke hielt, ordentlich verhoben hat. Auch sängerisch kein ungetrübtes Glück. Die besten Stimmen haben neben einem überraschend schönen, torenhaft-schlicht singenden Parsifal (Alexander Spemann) die beiden Knappen (Jürgen Rust und Thomas Jacobs) und Titurel (Ion Grigorescu). Dem Amfortas von Dietrich Greve fehlt Autorität und Durchsetzungskraft, Peter Felix Bauer als Klingsor mangelt es an Magie und Obszönität, der Gurnemanz von Hans Otto Weiß sang mit kleiner Stimme durchweg mulmig und kloßig. Obwohl im zweiten Akt Ruth Maria Nicolai (Kundry) erstaunlich durchschlagskräftiges Mezzomaterial herausschreit, verstört sie doch immer wieder durch unschönes Timbre und geradezu irritierende Quäk- und Quietschlaute. „Eine Welt, die den Gral nicht mehr braucht“, lautet das Inszenierungsmotto der Regisseurin. Aber braucht die Opern-Welt ihre Mainzer „Parsifal“-Inszenierung? Ja, wer will überhaupt noch solches Post-Berghaus-Konwitschnyhafte Regietheater in seiner reduzierten, meist un-schönen Ästhetik, seinem zwanghaften Aktualisierungs- und Übersetzungswahn ins banale, kleinbürgerlich-spiessige Hier- und Heute? Aktualität und Gegenwärtigkeit eines Stücks kön-nen doch ebenso gut im Mythischen, Märchenhaften, Historischen und vom Komponisten vorgegebenen Konkreten vermittelt werden. Ein begabter Regisseur, der sein Handwerk versteht, braucht keine Angst vor historischer Kulisse und „Werktreue“ zu haben, er wird dem Sänger - gleich ob in Jeans oder in Krinoline - Ausdruck und Botschaft abzuverlangen wissen, die den Zuschauer in seiner Gegenwart erreicht und die Aktualität des Stücks ver-mittelt. Wir, die wir die Opern lieben, sind es doch leid, auf der Opernbühne fast nur noch phantasie- und trostlose Abbilder grauer Lower-class-Tristesse von Heute mit oft läppisch austausch-baren Dekorations-Stereotypen (Betten, Bunker, Kühlschränke, Pissoirs etc.) zu sehen. Oper war immer Luxus, Nicht-Alltäglichkeit, ein Fest der Sinne. Auf der Bühne ist alles möglich, was in der Wirklichkeit unmöglich ist. Träume und Alpträume werden wahr, Sehnsüchte und Illusionen Realität. Als Triumph der Illusion wurde Wagners „Weltabschieds-werk“ schon bei der Uraufführung gefeiert. Auch wenn man das Stück heute vielleicht nicht mehr so sehen mag, bei derlei „Regietheater“ wie in Mainz drängt sich die Frage auf: Warum denn nicht endlich „Historische Aufführungspraxis“ auch im Szenischen? Was spricht gegen die Beherzigung des Komponistenwillens im Szenischen? Mehr als platt aktualisierendes Re-gietheater, das oftmals mehr über den Regisseur denn über das Stück sagt, lenkt sie auch im verunglücktesten Falle realistischer Ausstattungsoper und historischer Dekoration zumindest nicht von der Intention des Komponisten und seines Werks ab. Nur um die geht es! Und im Zweifelsfall belässt sie das Stück eher bei sich selbst und das Publikum in seinen Illusionen, Gefühlen und Gedanken, die zu bevormunden und zu belehren nichts als Arroganz der „Regietheater“-Macher ist.
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