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Dieter David Scholz
Langweiliger, blutiger Parsifal
Calixto Bieito hat in der Staatsoper Stuttgart
wieder zugeschlagen.
Auch wenn Calixto Bieito - der Berserker unter den Regisseuren - betonte, dass ihm seine eigenen Missbrauchs-Erfahrungen als Knabe im Jesuitenkolleg keine Anregungen für seine Inszenierung des "Parsifal" geben würden, hat er nun doch seinen Beitrag zur Missbrauchsdebatte geleistet. Gurnemanz, der Priesterliche, prügelt einen kleinen Jungen, der sich als Engel im Gralsbezirk (schwarz verbrannte Erde nach einer Endzeit-Katastrophe) unter einer zerstörten Autobahnbrücke (wie oft haben wir dieses Bild schon gesehen, u.a. bei Chereau und Friedrich und del Monaco) verirrt, zu Tode. Und so wird das getötete Kind zum Schwanen-Ersatz.
Der halb hippiehafte Parsifal, den Andrew Richards in vornehmlich gebückter Haltung gibt, dringt bei Bieito in eine verkohlte Welt von Underdogs, von Outcasts und Übrig-gebliebenen einer Katastrophe ein, die zwischen verkohlten Baumstämmen in Erdlöchern hausen, die ständig die Axt schwingen, um am Ende den nackt umherirrenden, Rosen verteilenden Titurel zu zerhacken. Knappen und Ritter sind Rüpel in Gasmasken.
Der Gral
senkt sich vom
Bühnenhimmel als
großer Sack herab, aus dem Schalen, Becher, Leuchter und diverse
Heilsrequisiten aller nur denkbaren Religionen fallen. Jeder nimmt sich, was
er braucht, denn alle sehnen sich nach Transzendenz und nach dem "Heil". Mit
Transparenten in vielen Sprachen demonstrieren die Gralsritter ihre
Gottsuche, "Wo ist Gott?"
- "Erlöse mich!" liest man,
Parsifal wird das Wort „Erlösung“ auf die Brust gebrannt. Doch keine
Erlösung ist in Sicht.
Zum Karfreitagszauber öffnen sich die Türen des Parketts. Kinder, indisch gewandet, tra-gen brennende Kerzen. Aber auch sie illuminieren Zuschauer wie Bühnenakteure kaum. Der faule Zauber wird zum weihrauchgeschwängerten Ramsch-Angebot leerer Erlö-sungsversprechen in einer Welt der Hoffnungslosigkeit und Bieitoschen Häßlichkeit.
Bieito hat sich den
entscheidenden Fragen des Stücks verweigert, hat wieder einmal kräftig
gegen den Text inszeniert, seinen Blut und Brutalitäts-Obsessionen gefrönt
und das großartig mirakulöse Stück eher ver-, denn entwirrt. Von
plausibler Personen-psychologie keine Spur. Dennoch jubelte ein Großteil des Stuttgarter Publikums, seit der Ära Zehelein auf "unkonventionelle", unschöne und (musikalsch/sängerische) mittelmäßige Sichtweisen dressiert, und feierte den Dirigenten und die Mitwirkenden. Doch die Buh-Proteste waren unüberhörbar. Es gibt selbst in Stuttgart noch einige kritische Zuschauer/Zuhörer. Recht haben sie: Dieser Parsifal war eine obszöne, brutale - aber hohle Zumutung! Und er war einfach langweilig. Das ist das Schlimmste!
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