Dieter David Scholz

Langweiliger, blutiger Parsifal

Calixto Bieito hat in der Staatsoper Stuttgart wieder zugeschlagen.
Premiere war am 28.3.2010

Auch wenn Calixto Bieito - der Berserker unter den Regisseuren - betonte, dass ihm seine eigenen Missbrauchs-Erfahrungen als Knabe im Jesuitenkolleg keine Anregungen für seine Inszenierung des "Parsifal" geben würden, hat er nun doch seinen Beitrag zur Missbrauchsdebatte geleistet.  Gurnemanz, der Priesterliche,  prügelt einen kleinen Jungen, der sich als Engel im Gralsbezirk (schwarz verbrannte Erde nach einer Endzeit-Katastrophe) unter einer zerstörten Autobahnbrücke (wie oft haben wir dieses Bild schon gesehen, u.a. bei Chereau und Friedrich und del Monaco) verirrt, zu Tode. Und so wird das getötete Kind zum Schwanen-Ersatz. 


 

Der halb hippiehafte Parsifal, den Andrew Richards in vornehmlich gebückter Haltung gibt, dringt bei Bieito in eine verkohlte Welt von Underdogs, von Outcasts und Übrig-gebliebenen einer Katastrophe  ein, die zwischen verkohlten Baumstämmen in Erdlöchern hausen, die ständig die Axt schwingen, um am Ende den nackt  umherirrenden, Rosen verteilenden Titurel zu zerhacken.  Knappen und Ritter sind Rüpel in Gasmasken.  

Der Gral senkt sich vom Bühnenhimmel als großer Sack herab, aus dem Schalen, Becher, Leuchter und diverse Heilsrequisiten aller nur denkbaren Religionen fallen. Jeder nimmt sich, was er braucht, denn alle sehnen sich nach Transzendenz und nach dem "Heil". Mit  Transparenten in vielen Sprachen demonstrieren die Gralsritter ihre Gottsuche, "Wo ist Gott?" - "Erlöse mich!" liest man, Parsifal wird das Wort „Erlösung“ auf die Brust gebrannt. Doch keine Erlösung ist in Sicht.

Klingsor agiert mit Flammenwerfer, die korpulent-unansehnliche Kundry wechselt auf offener Szene im Nackttrikot Jeans und T-Shirt gegen ein buntes Sommerkleid von Woolworth. Sie entblößt bei der Herzeloide-Erzählung eine Brust und lässt Parsifal  nuckeln, schlägt ihn aber, als er auch noch die zweite haben will. In der Verführungs- oder Kußszene kopuliert sie derart ausgiebig mit Parsifal, dass sie im dritten Akt verständlicherweise schwanger ist. 

Die Blumenmädchen sind geschundene, alte, faltige, bleiche Mädchen, bandagierte Vampire in Pelzmänteln.  Eines von ihnen wird von Parsifal gleich abgestochen. Aber Parsifal meuchelt auch
Klingsor mit dem als Speer-Ersatz aus dem Beton der Brücke gebrochenen Eisenrohr.

Nicht genug des Blutvergießens, schneidet sich Kundry am Ende des zweiten Aktes auch noch die Zunge ab. Sie hat ja eh nichts mehr zu singen. Im dritten Akt lallt sie ihr "Dienen" dann nur noch. Gemeinsam mit Parsifal sucht sie den erblindeten Gurnemanz auf. Nach oberammergauhaft frömmelnder Fußwaschung und -Abtrocknung mit roter Verführungs-perücke mummt sie auf einem Einkaufswagen Parsifal als Rauschgoldengel, behängt mit Devotionalien aller Religionen samt  Richard-Wagner-Büste.  
 

Zum Karfreitagszauber öffnen sich die Türen des Parketts. Kinder, indisch gewandet, tra-gen brennende Kerzen. Aber auch sie illuminieren Zuschauer wie Bühnenakteure kaum. Der faule Zauber wird zum weihrauchgeschwängerten Ramsch-Angebot leerer Erlö-sungsversprechen in einer Welt der Hoffnungslosigkeit und Bieitoschen Häßlichkeit. 

 
Am Ende muß natürlich auch Parsifal dem Publikum (zumindest) seinen nackten Hintern zeigen und wird von den Gralsrittern in der Zink-Wanne weg getragen, in der schon Amfortas im ersten Akt herein getragen wurde. Wohin?  Zurück bleibt die hochschwangere Kundry, man fürchtete den ganzen dritten Akt um eine Sturzgeburt. Gottlob blieb sie dem Zuschauer erspart. Kundry mampft (was auch immer) aus der Konservendose,  das stück ist aus und alle Fragen bleiben offen.

Bieito hat sich den entscheidenden Fragen des Stücks verweigert, hat wieder einmal kräftig gegen den Text inszeniert, seinen Blut und Brutalitäts-Obsessionen gefrönt und das großartig mirakulöse Stück  eher ver-, denn entwirrt.  Von plausibler Personen-psychologie keine Spur. 

Leider hat auch der mittelmäßige Kapellmeister Manfred Honeck das Stück mit breiten Tempi und spannungsloser Lesart nicht der Uninteressantheit entreissen können, in die es der Regisseur gestürzt hat. Dabei spielte das
Staatsorchester Stuttgart sehr klangschön und diszipliniert. Auch sängerisch war der Abend von gemischten Eindrücken der Mittelmäßigkeit bestimmt. Das heldenbaritonale Glanzlicht steckte der farbige, bodygebildete (halbnackt auftretende) Amerikaner Gregg Baker als Amfortas auf. Stimmlich wie körperlich allerdings das ganze Gegenteil einer Leidensfigur.  Andrew Richards hingegen sang einen Parsifal, wie er ihn spielte: mit Dauergrinsen. Stephen Millings Gurnemanz war akzeptabel, nicht mehr und nicht weniger. Christiane Ivens Kundry mühte sich redlich um die Töne ihrer Partie. Immerhin. Aber ihre unappetitliche Erscheinung nahm ihr alle Glaubwürdigkeit der Partie. 

Dennoch jubelte ein Großteil des Stuttgarter Publikums, seit der Ära Zehelein auf "unkonventionelle", unschöne und (musikalsch/sängerische) mittelmäßige  Sichtweisen dressiert, und feierte  den Dirigenten und die  Mitwirkenden. Doch die Buh-Proteste waren unüberhörbar. Es gibt selbst in Stuttgart noch einige kritische Zuschauer/Zuhörer. Recht haben sie: Dieser Parsifal war eine obszöne, brutale - aber hohle Zumutung! Und er war einfach langweilig. Das ist das Schlimmste!