Dieter David Scholz

Es ist nicht alles Gold, was glänzt! 

Kommentar zum Orchesterranking im "Gramophone

Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Nicht alle teuer gehandelten, spektakulär vermarkteten Pultstars sind wirklich gute Dirigenten. Nicht jedes vermeintliche „Weltklasse“-Orchester ist tatsächlich eines. Und nicht alles, was besonders hierzulande großmäulig beworben und laut-hals angepriesen wird, erfreut sich auch außerhalb deutschen Landes entsprechender Wert-schätzung. Das von der renommierten britischen Zeitschrift Gramophone in ihrer Dezember-Ausgabe aufgestellte internationale Orchesterranking demonstriert die Relativität der hierzu-lande verteidigten Superlative auf Deutlichste. Es ist eben doch immer wieder lehrreich, über den Tellerrand zu schauen, dann erledigen sich manche Missverständnisse und Fehleinschätz-ungen von selbst, Wunder schrumpfen zu Fatamorganen und des Kaisers neue Kleider wer-den in ihrer ganzen Lächerlichkeit sichtbar.

Die Juroren der Zeitschrift Gramophone haben sich nicht blenden lassen von Etiketten-schwindel gleich welcher Art, der natürlich heute zum Musik-Business dazugehört, vom Wort Geklingele und Marketing-Talmi der Barenboims, Thielemanns und Metzmachers. Die drei ungleichen Pultstars und ihre Orchester, auf die man sich hierzulande so viel zugute hält, wer-den unter den besten 20 Orchestern der Welt nicht einmal erwähnt. Eine ziemliche Ohrfeige für das Trio samt anhängender Orchester, im Falle Barenboims ist es die Berliner Staatska-pelle, bei Thielemann sind es die Münchner Philharmoniker und bei Metzmacher ist es das Deutsche Symphonie Orchester. Nun ja, von außen betrachtet erweist sich im internationalen Vergleich eben manches Wunder als fauler Zauber. Mal im Ernst: Mit den Top Five des Rankings, dem Concertgebouw-Orchster Amsterdam, den Berliner Philharmonikern, den Wiener Philharmonikern, dem London Symphony und dem Chicago Symphony Orchestra können die genannte drei deutschen „Klangkörper“, um dieses zeitgemäße, aber wenig sym-pathische Wort zu verwenden, nicht ernstlich konkurrieren. Ihre Chefdirigenten und deren Agenturen mögen reden und beteuern, was sie mögen. Was lernen wir daraus? Man soll die Klappe nicht gar zu weit aufreißen zum Selbstlob. Vieles in der deutschen, speziell der haupt-städtischen Orchester- und auch Opernlandschaft - gleicht unerträglicher Selbstüberschätz-ung und peinlicher  Eigenwerbung. Etwas mehr Bescheidenheit, etwas mehr Sachlichkeit und viel mehr Qualitätsbewusstsein und Ernsthaftigkeit des Kunstbemühens statt teurer Marketing und PR-Initiativen würden nicht schaden!

Das Orchesterranking der Zeitschrift Gramophone – wie auch immer man zu einzelnen Posi-tionierungen stehen mag – macht immerhin deutlich, dass Qualität und Leistung aus britischer Perspektive offenbar genauer registriert und mehr goutiert werden als klangvolle Namen, Or-chesterqualität mehr zählt als glamouröser Persönlichkeitskult. Das nun wirklich verdienstvolle und respektable Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks kommt denn auch gleich auf Platz Sechs, gefolgt vom technisch so hervorragenden Cleveland Orchestra und die klangschöne Säch­sische Staatskapelle, Wagner nannte sie zurecht die Sächsische Wunder-harfe, rangiert trotz ihres wenig aufregenden Chefdirigenten Fabio Luisi auf Platz Zehn weit vor dem auf Platz 17 abgeschobenen Gewandhausorchester Leipzig mit seinem Stardirigenten Riccardo Chailly. Und manches in der Vergangenheit hochkarätige Orchester wird in diesem Ranking ziemlich abgewatscht, um es salopp zu sagen. Die New Yorker Philharmoniker etwa landen auf Platz 12, die St. Petersburger Staatsphilharmonie auf Platz 16, das Orchester der Metropolitan Opera in New York gar auf Platz 18 und das Schlusslicht bildet die einst so brilliante Tschechische Phil­harmonie. Tempi passati! Früher war alles besser. Ja, aber da gab es auch noch einen Arturo Toscanini, einen Leonard Bernstein am Pult der New Yorker, einen Mravinsky in St. Petersburg, einen Fritz Rainer, Leopold Stokowsky und Dimitri Mitropoulos in New York und einen Karel Ancerl, einen Vaclav Neumann in Prag. Wo sind heute solche kompromisslos im Dienste der Musik und der Orchesterkultur – und nicht vor allem eitler Selbstvermarktung - sich aufopfernde Dirigentenpersönlichkeiten? Im globalisier-ten, kurzlebigen, telegen aufgehübschten, oft zu bloßen Events banalisierten Musikleben von heute werden doch vor allem hochglanzpolierte Marketingprodukte herumgereicht und ver-kauft. Auch wenn sie noch so strahlen: Es ist eben nicht alles Gold, was glänzt. Und manch-mal wird das auch gesagt, wie jetzt von den Juroren der Zeitschrift Gramophone. Selten genug!

(SWR 2, Musik Aktuell, 21.11.2008)

 

Das Ranking:

1. Concertgebouw-Orchester Amsterdam
2. Berliner Philharmoniker
3. Wiener Philharmoniker
4. London Symphony Orchestra
5. Chicago Symphony Orchestra
6. Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
7. Cleveland Orchestra
8. Los Angeles Philharmonic
9. Budapest Festival Orchestra
10. Sächsische Staatskapelle Dresden
11. Boston Symphony Orchestra
12. New York Philharmonic
13. San Francisco Symphony
14. Mariinsky Theater Orchester St. Petersburg
15. Russisches National Orchester
16. St. Petersburger Staatsphilharmonie
17. Gewandhaus-Orchester Leipzig
18. Metropolitan Opera Orchestra, New York
19. Saito Kinen Orchestra, Matsumoto
20. Tschechische Philharmoniker, Prag