|
|
Dieter David Scholz
CD-Tip Opium.
Mélodies françaises
Als bemerkenswerter Alte-Musik-Spezialist hat sich der Countertenor Phlippe Jaroussky bereits einen Namen gemacht. Erst kürzlich sorgte er mit einer sehr unkonventionellen Mon-teverdi-Interpretation für Aufsehen. Jetzt probiert der junge, gutaussehende Franzose neue Repertoire-Wege aus: Er hat eine CD mit französischen Kunstliedern aufgenommen, mit "Mélodies françaises". Der Titel der CD, "Opium“ läßt an narkotisierende Drogen denken. Ob die CD süchtig macht, erfahren Sie jetzt von Dieter David Scholz. Das Album wird mit Reynaldo Hahns "A Chloris", eröffnet, einem an Händel erinnernden Lie-beslied, das Jaroussky in feinem, schlankem Ton singt. Chloris ist die griechische Göttin der blühenden Natur. Ihr Geliebter ist Zephyros, der Westwind, der im Frühjahr die Blumen zum Leben erweckt. Erstaunlicherweise klingt dieser männliche Wind in der Stimmlage Jarouss-kys zwar eher weiblich, aber er hat auch Nichts von Travestie. Er klingt zweideutig, zuge-geben, aber nicht zwielichtig, schwül, aber nicht peinlich. Der weibliche Stimmklang Jarouss-kys, der eben deshalb ja ansonsten vor allem barocke Kastratenpartien singt, wirkt auch in diesem überraschend ungewohnten Repertoire im Kern männlich, wenn auch eher knabenhaft.
Philippe Jaroussky, der weiss, dass der Klang seiner Counterstimme wahrscheinlich ein völlig anderer ist, als der, den die Kastraten des 18. Jahrhunderts hatten, sagte sich zurecht: Warum sich also nicht in Musikwelten wagen, die für einen Counter von heute geeignet sind. Und französischen Lieder galt seine Liebe, wie er bekennt, seit Anbeginn seines Musikstudiums: Elegischen Liedern vom Herbst und der Vergänglichkeit, Liedern von seltenen Vögeln, von Schmetterlingen, Blumen und vom stark duftenden Flieder. Camille Saint-Saëns hat in seien „Persischen Melodien“ sogar das Gedicht eines Opiumtraums von Armand Renaud vertont, das den CD-Titel inspiriert hat. Kreisende Sechzehntelnoten beschreiben das Abdriften in den Drogenrausch. Philippe Jaroussky gibt sich ihm hin, aber ohne sich ihm zu ergeben. Opium stillt bekanntlich Schmerzen, es beruhigt, hypnotisiert und macht süchtig. Nicht bei Philippe Jaroussky. Er setzt der Lebensbedrohlichkeit des Opiums eine ungefährliche Alter-native entgegen, gestalterisch klug disponiert, natürlich artikuliert und sehr gepflegt gesungen. Das Grenzüberschreitede, das Dramatische oder Exzessive ist seine Sache eher nicht. Die geschickte Auswahl der zwei Dutzend Lieder nimmt denn auch darauf Rücksicht. Wie bei den meisten Countertenören ist auch das Klangfarbenspektrum Jarousskys nicht sehr groß. Die verträumten Lieder von der Liebe und der Sehnsucht liegen ihm und seiner klaren, hell-timbrierten Stimme daher am Meisten. Diesen Liedern – wie beispielsweise Massenets „Elégie“, weiß er unwirkliche, schillernd exotische Facetten abzugewinnen, jenseits aller Suchtgefahr, aber durchaus faszinierend!
Deutsche Welle, MDR
|