Dieter David Scholz

 


Opernkollaps in Italien

Per Dekret verordneter Operntod im Land,
in dem die Oper erfunden wurde.

Ein Gespräch im MDR, Figaro am Mittag, 7.05.2010

Annette Militz: Große italienische Oper in Italien anno 2010. Und so sieht sie aus: Vorstel-lungen des Maggio musicale in Florenz werden abgesagt, Protestkonzerte in Palermo, Protest-Happenings in Rom, Streiks in Bologna und Genua, und nun auch Demonstrationen und Streik in Mailand, am altehrwürdigen Teatro alla Scala. Am Dienstag sind die Angestell-ten des Hauses durch Mailand gezogen, haben den Gefangenenchor aus der Oper „Nabuc-co“ gesungen und dazu in Särgen die Kultur zu Grabe getragen. Die Oper „Simon Bocca-negra“ mit Placido Domingo fiel aus. Der „Rheingold“-Premiere in der kommenden Woche wird es nicht besser ergehen. Auslöser für all das ist ein Dekret von Kulturminister Bondi. Dieter David Scholz, Sie kommen gerade aus Italien. Was bringt denn die Opernhäuser Italiens so in Rage und warum wird jetzt auch an der Scala in Mailand gestreikt?

Dieter David Scholz: Die Situation ist wirklich dramatisch. Nun hat die Regierung Berlus-coni den Etat der Opernhäuser in den vergangenen Jahren schon um sage und schreibe vierzig Prozent gekürzt, da würde hier in Deutschland kein Opernhaus mehr spielen. Die spielen zwar alle noch in Italien, aber jetzt geht’s an die Substanz. Nun hat die Regierung ein Dekret erlassen, das vorsieht, dass die Festangestellten künftig um fast ein Drittel ihrer Bezüge bangen müssen. Dieses Dekret, das allen Theatern zuging, fordert starke Kürzungen der Zuwendungen, Einstellungsstops, gerade auch für Musiker, Eingriffe in die Hausverträge und Beschneidung der Autonomie, um es in einigen Stichworten zu sagen. Konkret heißt das: die Gehälter der fast fünfeinhalbtausend Mitarbeiter der italienischen Opernhäuser sollen von 340 Millionen pro Jahr auf maximal 240 Millionen reduziert werden, also fast um ein Drittel. Das ist gewaltig, das kann man sich hierzulande gar nicht vorstellen. Und die Scala trifft es doppelt hart, da die Scala das einzige Haus in Italien ist, das einen ausgeglichenen Haushalt hat und ohnehin fast 60 Prozent des Jahreshaushalts selbst erwirtschaftet und durch Sponsoring abdeckt.

Annette Militz: In ganz Italien gibt es nur noch 14 bespielte Opernhäuser, und lediglich die Mailänder Scala ist noch ein Haus von hohem künstlerischem Niveau. Ein beispielloser Nie-dergang der Oper im Lande der Oper. Sind das die Auswirkungen der Ära Berlusconi? Singt Italien inzwischen lieber Schlager als Opernmelodien?

 Dieter David Scholz: Also ich möchte darauf differenziert antworten. Zum einen bin ich gar nicht  der Meinung, dass nur noch die Mailänder Scala von großer künstlerischer Bedeutung ist. Ich reise ja auch zu kleineren Theatern Italiens und muss sagen, was man da sieht und hört, verdient alle Achtung. Das ist bei den Einschnitten, die dort ja seit Jahren stattfinden, wirklich gewaltig. Und man tut unterhalb der Regierungsebene wirklich alles, um die Oper am Leben und am Laufen zu halten. Die Oper ist, wie mir gerade vor zwei Tagen Fortunato Ortombina, der künstlerische Direktor im Teatro la Fenice in Venedig sagte,  in Italien immer noch das Herz der Kultur und das Publikum liebt sie. Und es mangelt nicht an Publikum. Im Gegenteil, der Publikumszuspruch in Italien ist beispiellos. Fast alle Aufführungen sind ausver-kauft! Aber Sie haben natürlich recht: Viele singen inzwischen lieber Schlager. Daran ist aber die Regierung Berlusconi Schuld, denn sie bedröhnt ja die Italiener rund um die Uhr mit seichter Musik. Berlusconi ist der allmächtige Medienzar des Landes. Und auf allen seinen  Kanälen wird von früh bis spät im Fernsehen wie im Radio gedudelt und geblödelt. Der Niedergang der Medien- und Musikkultur in Italien ist katastrophal. Viel jungen Leute wissen von Oper gar nichts mehr in dem Lande, wo sie vor vierhundert Jahren erfunden wurde. Und man muss sich nicht wundern, wenn dann solche Dekrete erlassen werden wie jetzt, und dass Berlusconi die Oper schlichtweg „verkauft“, so wie er ja auch Tempel und Kirchen, Paläste und Monumente verkauft, um das Bargeld zu bekommen, das dieser Staat offenbar benötigt, der ja im Niedergang begriffen ist und gleich nach Griechenland ziemlich oben in der Skala der Bankrotteure neben Spanien und Portugal rangiert. In welche Kanäle dieses Geld fließt, das wüssten übrigens sehr viele Italien sehr gerne mal. Und was die Zahlen angeht: Fortunato Ortombina hat mir vorgerechnet, dass die eben erwähnten jährlichen Gesamtaufwendungen für die Mitarbeiter aller Opernhäuser Italiens einen vergleichsweise lächerlichen Betrag ausmachen, damit könnte man nicht einmal zehn Kilometer Autobahn bauen.

Annette Militz: Das heisst, wir reden hier tatsächlich nicht über Missmanagement, sondern über Kaputtsparen in des Wortes reinstem Sinne?

Dieter David Scholz: Ja, ich möchte nachhaltig betonen, dass man den Theaterdirektoren und den Theatermitarbeitern in Italien die größten Komplimente machen muss. Unsere Thea-ter würden bunter solchen Verhältnissen gar nicht mehr spielen. Da würde der Lappen nicht mehr hochgehen abends. Ich bin immer wieder überrascht, wie man sich an italienischen Opernhäusern aufopfert, wie man improvisiert, nach Alternativen sucht und das Unmögliche möglich macht. Und ich bin immer wieder erstaunt und erfreut über die künstlerischen Leis-tungen, denn es gibt ja sehr viel guten Sängernachwuchs in Italien. Das kriegt man hier nicht so ganz mit, weil hier eine etwas verzerrte, sehr nordische Sicht auf die Operndinge vor-herrscht, mit recht zeitgeistigen Maßstäben. Wenn man durch Italien reist, dann ist man wirklich oft überrascht, was man auch an kleinen Häusern sieht und hört. Und der Vorwurf, dass die Opernhäuser so verschuldet seien in Italien, den muss man den Politikern machen, die die Opernhäuser so in die Enge treiben, dass ihnen keine andere Wahl mehr bleibt, als Schulden zu machen, wenn sie den Spielbetrieb aufrechterhalten, das Publikum nicht enttäuschen und bestehende Verträge mit Künstlern  erfüllen wollen.

Annette Militz:  Bisher hatte die Mailänder Scala ja so eine Art Sonderstatus. Wie haben denn die anderen Opernhäuser darauf geblickt? Neidvoll, oder gibt es so etwas wie  Solida-rität untereinander?

Dieter David Scholz: Nein, die gibt es eben gerade nicht. Bisher war es tatsächlich so, dass die Mailänder Scala einen Sonderstatus hatte, sie bekam – gewissermaßen als nationaler Vorzeige-Opern-Leuchtturm - aus mehreren Töpfen und Kanälen Geld. Nun haben – ver-ständlicherweise muss man sagen – die anderen Theaterintendanten Italiens protestiert und gefragt: warum wird dieses Haus bevorzugt, das ist ungerecht. Daraufhin  hat der Kultur-minister Bondi aus dem nun verordneten Dekret den entsprechenden Bevorzugungs-Passus gestrichen.  

Annette Militz: Sehen Sie denn noch eine Chance für die Oper in Italien?

Dieter David Scholz: Nur unter einer anderen Regierung! Und ich denke, das ist die vorherrschende Meinung der italienischen Kulturschaffenden und Kulturliebenden. Berlusconi ist ein Mann, der inzwischen immer deutlicher zeigt, dass Kultur für ihn nichts bedeutet. Und alles, womit er sich in kulturellen Dingen schmückt, ist nur Teil seines politischen Show-business, das nur dem eigenen Machterhalt dient. Ich habe vor ein paar Tagen einen italie-nischen Operndirektor gefragt, ob er glaube, dass Berlusconi die Oper liebt. Und der sagte mir unumwunden, er habe erst neulich bei einer Premiere in der Scala hinter Berlusconi gesessen. Nein, er glaube nicht, dass Berlusconi die Oper liebe. Wenn er sich in die Scala setze, dann nur zu Propagandazwecken. Und am nächsten Tag erlässt er so ein dramatisches Spardekret. Man kann  es gar nicht deutlich genug sagen: Die Regierung Berlusconi verhökert das kulturelle Tafelsilber des Landes bedenkenlos und setzt die italienische kulturelle Identität, zu der wesentlich auch die Operntradition zählt,  aufs Spiel. Die Situation war noch nie so ernst in Italien.

Annette Militz: Deutliche Worte des Musikjournalisten Dieter David Scholz. Vielen Dank.