Dieter David Scholz

50 Jahre Opernhaus Leipzig                   


 

Das Opernhaus Leipzig ist das städtische Opernhaus der Stadt Leipzig. Es steht in der Tra-dition von über 300 Jahren der Opernpflege in Leipzig und gilt somit als drittältestes öffent-liches Opernhaus Europas. Im Zweiten Weltkrieg wurde das sogenannte „Neue Theater“ aus dem Jahre 1868, das von Carl Ferdinand Langhans am Augustusplatz erbaut worden war, und als Opernhaus“ der Stadt firmierte, zerstört. Schon 1947 begannen erste Überlegungen, das Opernhaus wiederaufzubauen. Für die Leipziger Messestadt als Fenster zur Welt ent-schied schließlich der damalige Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht, ein repräsentatives Opernhaus an der alten Stelle zu bauen. Dieses Opernhaus wurde vor 50 Jahren, am 8. Oktober 1960 eröffnet.

Das neue Leipziger Opernhaus wurde am 8. Oktober 1960 mit einem Festakt eröffnet, bei dem unter anderem Werke von Beethoven und Brahms gespielt wurden. Solist war David Oistrach. Das Gewandhausorchester wurde dirigiert von Franz Konwitschny. Richard Wag-ners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ in der Inszenierung von Joachim Herz – mit Konwitschny am Pult - bildeten am 9. Oktober 1960 den Auftakt zu einer ganzen Fest-woche.


Joachim Herz. Die Meistersinger 1960

Es war die erste Aufführung nach 17 Jahren am Ort. - In der Nacht vom 3. zum 4. Dezember 1943 wurde das Neue Opernhaus bei einem Bombenangriff stark beschädigt. Nach der Zerstörung des seit 1868 für Schauspiel und Oper genutzten Neuen Theaters am Augustus-platz im Zweiten Weltkrieg wurde 1956–1960 an gleicher Stelle ein neues, modernes Opernhaus errichtet, bei dem die spätklassizistischen Formen des Vorgängerbaues – in edelstalinistischer Abwandelung - wieder aufgenommen wurden. Es war der größte, repräsentativste und modernste Theaterneubau der DDR, mit gewaltigem Bühnenraum und fast 1700 Zuschauerplätzen. Ein Juwel der 60er-Jahre vor allem in der Innenausstattung, die inzwischen denkmalgeschützt ist. Architekt war Kunz Nierade. Bis zur Eröffnung hatte nach dem zweiten Weltkrieg das Haus Dreilinden, ein ehemaliges Varietétheater, Sitz der Musikalischen Komödie, als Spielstätte der Oper gedient.   

Der Regisseur Joachim Herz, der mit seiner „Meistersinger“-Aufführung 1960 den Bühnenbe-trieb des neuen Leipziger Opernhauses eröffnete,  setze mit seinen Inszenierungen die wohl stärksten Akzente der letzten 50 Jahre in Leipzig. Von Anfang an führte als Intendant Karl Kayser die Geschicke der Leipziger Oper, bis zur Wende 1989. Er regierte als Generalinten-dant nach Gutsherrenart die insgesamt 5 Theater der Stadt. In diesem „Theaterkombinat“ wurde das sogenannte „realistische Musiktheater“ von Joachim Herz Maßstab. Dirigenten wie Vaclav Neumann und Rolf Reuter setzten starke musikalische Akzente. Doch die Kory-phäen des DDR-Musiktheaters, etwa Harry Kupfer oder Ruth Berghaus, fanden nicht nach Leipzig. Routine und Mittelmaß beherrschten das Haus. Auch das Sängerensemble, anfangs respektabel, wurde immer unzureichender. Immerhin erweiterte man das konventionelle Repertoire um viele Werke  des slawischen Musiktheaters. In den Siebzigerjahren wagte man sich an eine Erneuerung des klassischen Repertoires.

 

Der Leipziger „Ring“, den Joachim Herz  1973-1976 herausbrachte, befeuerte nicht nur die kritische Wagnerrezeption, sondern sorgte überregional für Beachtung. Seine Protagonistin war die hoch­dramatische Sopranistin Sigrid Kehl, die sich über Vorzüge des Ensemble-theaters – wie es zu DDR-Zeiten auch in Leipzig gepflegt wurde,  äußert:

"Nun, ich würde sagen, die Vorzüge sind sehr groß, da man wirklich die Möglichkeit hat, mit sehr kleinen Aufgaben erst heranzuwachsen und sich entsprechend geführt und in dem Rahmen des Ensembles weiterzuentwickeln. Das ist bei mir ein großer Weg gewesen, vom Tosca-Hirtenknabe bis zur Brünnhilde"

Mit der Wende und der Wiedervereinigung Deutschlands  begann ein neuer Abschnitt in der Geschichte der Leipziger Oper. Der Komponist Udo Zimmermann wurde auf Bitte des Dirigenten Kurt Masur und des damaligen Runden Tisches im März 1990 als Intendant in Leipzigs verwaistem Opernhaus installiert, nachdem der langjährige Opernzar, der Intendant Karl Kaiser verjagt wurde. Zimmermann beschloss die Flucht nach vorn:

"Ich habe hier in eine unterbelichtete Situation, denn sie war eine normale, sie kam aus dem normativen Korsett der DDR, versucht zu überblenden mit Grenzgängerge-schichten, mit Ausnahmewerken, mit der zeitgenössischen Zeugenschaft. Also eine Überbetonung eigentlich sogar, über das Repertoire, das grundlegende, was dieses Haus von Grund auf gebraucht hätte, hinweg, um dieses Haus über die Schwelle 89/90 hinweg überhaupt wieder ins Gespräch zu bringen in Deutschland."


Eine der Leipziger Sternstunden: Gottfried Pilz' Inszenierung von Messiaens "Saint François d'Assise"

Das Ausgraben von vergessenen oder selten gespielten Werken des zwanzigsten Jahrhunderts und die Verpflichtung progressiver Regisseure, die der Leipziger Oper ein neues Image, eine nach vorn weisende Farbe und Ästhetik verliehen, wurden in den kommenden zehn Jahren das Konzept Udo Zimmermanns, auch wenn der Publikumszuspruch in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung beider Hälften Deutschlands mit den daraus entstandenen sozialen Problemen und Irritationen zu wünschen übrig ließ. Doch plötzlich war das Opernhaus Leipzig wieder überregional von Interesse.

1981 wurde Henri Maier – der zuvor das südfranzösische Theater von Montpellier leitete, zu Udo Zimmermanns Nachfolger gewählt. Mit seinen teils kulinarischen, teils konventionellen  Produktionen, die geprägt waren von sängerischem und dirigentischem Mittelmaß, begann der Niedergang der Leipziger Oper. Ein kurzes Glanzlicht steckte ihr der Dirigent Riccardo Chailly auf, der in seiner Doppelfunktion als Gewandhausdirektor auch GMD der Leipziger Oper war. Doch nachdem 2008 Alexander von Maravic Intendant wurde und den umstritte-nen, inzwischen gealterten Regietheater-Vorreiter, den Regisseur Peter Konwitschny – Sohn übrigens des Dirigenten Franz Konwitschny - über Chaillys Kopf hinweg zum Chefregisseur und heimlichen Operndirektor verpflichtete, kam es zum Bruch mit Chailly. Seither dümpelt die Leipziger Oper – auch unter finanziellen Sparzwängen leidend - vor sich hin. Traurig genug, dass sie nun ihr großes Jubiläum mit ausgerechnet jener Oper feiert, mit der vor 50 Jahren ihre hoffnungsvolle Nachkriegs-Zukunft begann.

Beitrag in der Deutsche Welle 8./9. 10. 2010