Dieter David Scholz

          

Notre Dame - Mogelapckung in Dresden

Der in Pressburg 1874 geborene (1939 gestorbene) Franz Schmidt war bis zum Amtsantritt der Nationalsozialisten einer der begehrtesten Musikpädagogen Wiens. Als Hochschullehrer und Direktor der Wiener Musikakademie war er hochgeehrt. Und er war der bedeutendste noch in Wien lebende Komponist seiner Zeit. Neben seinen vier Sinfonien und dem Ora-torium „Das Buch mit den sieben Siegeln“ ist die Oper „Notre Dame“, die 1914 in Wien ur-aufgeführt wurde, sein Hauptwerk. Das berühmte Zwischenspiel aus dem ersten Akt der Oper ist bis heute einer der Wunschkonzert-Evergreens. Die Oper allerdings wird seit Jahr-zehnten nicht mehr gespielt. An der Dresdner Semperoper wagte man am vergangenen Wochenende eine Ausgrabung der Oper. 

 

Wenn der Vorhang aufgeht, sieht man eine expressionistisch schief gestellte Hin-richtungskammer in Pop Art-Farben. Im Zentrum ein elektrischer Stuhl, auf dem eine Blondine mit verbundenen Augen festgeschnallt ist. Die große Wanduhr zeigt fünf vor Zwölf. Plötzlich wird eine Spiegelscheibe transparent und ein Double der Blondine steigt ins Büh-nenbild. Und dann beginnt eine Art Erinnerungs-Traumspiel der letzten fünf Lebens-Minuten der Zigeunerin Esmeralda, die  Regisseur Günter Krämer  als Marilyn-Monroe-Verschnitt zeigt. Camilla Nylund leiht ihr ihre Stimme.

Esmeralda ist eine klassische Femme fatale, die allen Männern den Kopf verdreht. Ihrem Ehemann Gringoire, dem Hauptmann Phoebus, dem Glöckner Quasimodo und dem Archidiakon von Notre Dame. Ihr Gatte tötet aus Eifersucht den Hauptmann und an-schließend sich selbst. Daraufhin wird Esmeralda als Mörderin zum Tode verurteilt. Der Ar-chidiakon, der um ihre Unschuld weiss, könnte sie retten, aber er – der zwischen Lustbe-gehren und Priestertum Hin- und Hergerisssene – will vor allem seine Seele retten und opfert die Unschuldige. Eine kolportagehafte Handlung, die der Komponist gemeinsam mit dem Chemiker und Hobbydichter   Leopold Wilk Victor Hugos Roman entlehnte und in ein sprachlich nicht eben anspruchsvolles Libretto  ummünzte. - Als Victor Hugo 1831 seinen historischen Roman „Notre Dame“ de Paris“ vollendete, konnte er nicht ahnen, dass in den kommenden 100 Jahren etwa dreißig Komponisten seinen Roman als Vorlage für Opern und Ballette benutzen würden. Franz Schmidts Oper ist die einzige, die es geschafft hat, zu überleben, zumindest mit dem „Zwischenspiel“ des ersten Aktes, das Schmidt schon drei Jahre vor Vollendung der Oper, 1903 uraufführte.

Das Zwischenspiel aus dem ersten Akt der Oper „Notre Dame“ ist ein Ohrwurm, aber auch das Herzstück der Oper, in das alle Themen und Leitmotive des Stücks einmünden und sich verdichten zu einem unwiderstehlichen Tongemälde. Kein Wunder, dass es bis heute im Konzertsaal überlebt hat. Es einmal im Zusammenhang zu hören, gehört zum Erfreulichsten dieser Dresdner Opernausgrabung, zumal der Dirigent Gerd Albrecht den schlagenden Be-weis liefert, dass die Musik dieser Oper besser ist als ihr Ruf. Mit großer Sensibilität bringt Gerd Albrecht die weithin symphonisch konzipierte, satztechnisch klare und unsüßlich instru-mentierte Misch­ung aus Spätromantik und Moderne zu Gehör, einschließlich aller Lehar-Zitate, Richard Strauss- wie Zemlinsky- oder Schrekeranklänge. Man nimmt in Gerd Albrechts analytisch straffer, transparenter Lesart aber auch bereits Vorklänge der Wiener Schule wahr. Und die beherzten Striche, zu denen man sich entschloss, so dass die Oper  einschließlich Pause keine zwei Stunden mehr dauert, haben dem Stück gut getan.  

 

Die hervorragend disponierte Staatskapelle Dresden spielte die kompositorisch mit allen Wassern ihrer Zeit gewaschene Musik Franz Schmidts außerordentlich präzise und klang-prächtig. Orchestral ist das ein großer Abend. Nur leider sängerisch nicht, denn Robert Gambill präsentiert als Phoebus nur noch die deprimierenden Ruinen einer seit Jahren über-forderten Stimme, die mit Gewalt hochdramatisch bzw. heldisch sein wollte. Aber auch Oliver Ringelhahn als Gringoire ist kein tenoraler Lichtblick. Der Bass Jan Hendrik Rootering ist stimmlich zwar ein glaubwürdiger Glöckner von Notre Dame, nur straft die ihm vom Regieteam verordnete optische Erscheinung in Anzug und Hausmeisterkittel seine Partie Lügen. Der überzeugendste Sänger dieser Produktion ist der junge österreichische Bariton Markus Butter, seit 5 Jahren festes Mitglied im Ensemble der Semperoper, als innerlich zerrissener Archidiakon von Notre Dame.

Der ganze zweite Akt mit seiner textlich weihrauchschwangeren, aber musikalisch sich immer mehr verdichtenden, großartigen Musik, in der übrigens noch ein zweites, effektvolles Zwi-schenspiel mit Orgelsolo zu hören ist, gehört der Figur des Archidiakon und seiner Par-sifalhaften Gespaltenheit in Eros und Agape, Triebverzicht und Sinnlichkeit,. Günter Krämer hat ihm denn auch eine Kathedrale aus den riesiger Buchstaben des Wortes „Notre Dame“ gebaut. An der Rampe eine Madonna vor einem Wald aus Kerzen. Später tritt der Chor davor. Ein imposanter Raum, in dem Krämer allerdings wieder einmal etwas dick aufträgt mit einem buß- und betfreudigen Priesterballett halbnackter junger Männer. Auch die blutige Selbstgeisselungs-Szene des Archidiakons und sein finaler Missbrauch Esmeraldas gehören nicht zu den Stärken der ansonsten durchaus theatralisch eindrucksvollen Inszenierung.  Sie hat sich allerdings in ihrem Misstrauen dem Werk gegenüber in eine radikale Modernisierung gerettet. Günter Krämer und sein Bühnenbildner Herbert Schäfer zeigen kein mittelalterliches Paris, keine Zigeunerszenen, keine Kirche Notre-Dame, kein Karnevalstreiben. Stattdessen sieht der Zuschauer  Räume  und Figuren einer amerikanischen Moderne. Man denkt un-freiwillig an Bilder von Edward Hopper. Streng genommen ist die Inszenierung eine Mo-gelpackung. Die Widersprüche zwischen gesungenem Text und zu Sehendem sind eklatant.  Dennoch läßt diese Dresdner Ausgrabung  - die zumindest orchestral wirklich beeindruckt - dem heute so vergessenen wie unterschätzten Komponisten Franz Schmidt einige Wieder-gutmachungs-Gerechtigkeit angedeihen.  

 

SWR 2 Musik Aktuell am 23.04.2010