Dieter David Scholz

Hans Neuenfels in  Bayreuth       

Aus einem Bayreuther Vorabgespräch

Am Sonntag, den 25. Juli 2010 werden die 99. Bayreuther Festspiele eröffnet mit einer Neu-inszenierung der Romantischen Oper „Lohengrin“. Die Inszenierung liegt in den Händen des Regietheater-Altmeisters Hans Neuenfels, der am „Grünen Hügel“ sein Debüt gibt. 

      

Der „Lohengrin“ ist die "romantischste" Oper Richard Wagners. In ihr spielt das Wunderbare in Form eines Gottesgerichts und eines Schwanenwunders eine so zentrale Rolle wie in keiner anderen seiner Opern. Der Regisseur Hans Neuenfels, der vor 30 Jahren mit seinen unkon-ventionellen,  verstörenden und irritierenden Inszenierungen  Aufsehen erregte  und jetzt, im Alter von fast siebzig Jahren in Bayreuth  debütiert, betrachtet sein Engagement am Grünen Hügel, dem Wunschtraum vieler Regisseure, selbst als ein kleines Wunder.

(lacht) „Sie meinen, ich bin im Wunder, ja? Ja ich bin hier im Wunderland ja, ... (lacht)

Katharina Wagner, neben ihrer Halbschwester Eva eine der beiden heutigen Chefinnen von Bayreuth, hat den Regisseur Hans Neuenfels immer als eines ihrer großen Vorbilder betrachtet. Sie war es, die kurz vor der Abdankung ihres Vaters, des langjährigen Fest-spielleiters Wolfgang Wagner, auf die kühne Idee kam, gemeinsam mit ihrer Mutter Gudrun das Enfant terrible, den Bürgerschreck Hans Neuenfels für die Bayreuther Fest­spiele zu engagieren.

"Ja, den ersten Kontakt hatte ich mit Gudrun Wagner und mit Katharina. Und dann kam auch ein sehr schöner Kontakt mit Eva dazu. Es gibt da keinerlei Schwierigkeiten."

Neuenfels scheint weitgehend mit dem heutigen Bayreuth einverstanden zu sein, wenn es ihn denn interessiert. Einen Einwand hat er aber:

"Ich finde, die Probenzeiten müssten länger sein. Angesichts der Schwierigkeit der hiesigen Unternehmungen. Es geht eine Spur zu sportlich zu in Bayreuth. Aber es müßte auch die Attraktivität von Bayreuth gesteigert werden, auch  für die Sänger."

Hans Neuenfels, der sich noch nie an Szenenanweisungen hielt, wie sie in den Partituren stehen, zeigt Lohengrin, den Abgesandten des Grals, der den Auftrag hat, die Ehre Elsas, der Tochter des verstorbenen Herzogs von Brabant, wiederherzustellen, weil sie verklagt wurde, sie habe ihren Bruder ermordet,  nicht als einen jenseitigen Ritter, der aus „Glanz und Wonne“ kommt, in einem von einem Schwan gezogenen "Nachen". Neuenfels versteht die Figur des Lohengrin   ...

"...nicht als einsamen Schwanenritter, sondern als jemand, der vereinsamt durch die Radikali-tät seines Auftrags. .Lohengrin hat den Auftrag, in einer kaputten, verfallenen entwerteten und hysterisierten, ja ortlosen, fast verstummten Gesellschaft eine Art Neubeginn zu schaffen. Lohengrin ist  ein sehr emotionalisierter, von einem unmög-lichen Auftrag erfüllter Mensch, der versucht, eine Kommunikation herzustellen durch einen radikalen Satz, 'Nie sollst du mich befragen', der in seiner radikalen Form  große Folgen haben wird.

Auch wenn Lohengrin bei Neuenfels kein Schwanenritter in strahlender Rüstung ist, der Schwan als Symbol ist in seiner Inszenierung  bis in die Kostüme hinein – Elsa und Ortrud tragen im zweiten Akt weiße und schwarze Schwanenkostüme – allgegenwärtig.  

"Also ich kann mir einen 'Lohengrin' ohne Schwan genauso wenig vorstellen wie 'Aida' ohne Elefant im Chor."

Hans Neuenfels wird - wie zu erwarten - in seiner ersten Bayreuther Inszenierung – entgegen Wagners Szenen-anweisungen - kein Ufer der  Schelde zeigen, keine Gerichtseiche, kein gotisches Schlafzimmer und  auch keinen Burginnenhof. Seine Inszenierung spielt weder in historischer noch in gegenwärtiger Zeit.

"Es ist eine Imaginationszeit, natürlich! Auf jeden Fall ist es nicht jetzt, es ist aber auch nicht antik. Es ist eine zuständliche Zeit."

In Wagners „Lohengrin“ überlagern sich drei Ebenen: Märchenoper, Historiendrama und philosophisch-gesellschaftskritische, ja politische (jungdeutsche) Reflexion Wagners.  Geradezu gemacht für einen Regisseur wie Hans Neuenfels, der das sich Überlagernde, Traumhafte, Märchenhafte, Surreale  besonders schätzt.

"Ja, bis in die Groteske. Die Inszenierung wird sicherlich an diese ätzende Grenze – so hoffe ich – von Überschärfe gehen. Das wäre jedenfalls aufs Innigste zu wünschen."

Wagners „Lohengrin“ wird in der Eröffnungsinszenierung der  diesjährigen Bayreuther Festspiele also nicht mehr die „romantische Oper“ sein, wie man sie kennt und oft gesehen hat.

"Richtig, bei uns ist das eine ins Labor gerückte Welt, also eine Versuchswelt. In ihr spielen Ratten die entscheidenden Rollen. Ratten sind Versuchstiere. In dieser Inszenierung geht es vor allem um Ratten. Alle sind mehr oder weniger Ratten.  Aber das sind sehr komplizierte Ratten, denn sie bleiben natürlich nicht Ratten, sondern sie entkleiden sich nach und nach und werden immer mehr zu menschenähnlichen Wesen."

Auf die Idee zu diesem Konzept kam er durch den Film „Mein Onkel aus Amerika“ von Alain Resnais aus dem Jahre 1980, in dem Laborversuche mit Ratten gemacht werden und Ratten wie Menschen auftreten:

"Dieser Film hat mich immer wahnsinnig beeindruckt. Das hat auch mit dem Surrea-lismus dieses Films zu tun. Er erinnert mich auch an die frühen Bildern von Max Ernst. Beides ist in meine Inszenierung eingegangen, die die Welt als  großes Laboratorium zeigt, als Versuch."

Einhundertvierzig Chorsänger werden also in Rattenkostümen auf der Bühne des Bayreuther Festspielhauses singend zu erleben sein. So hat man das Stück noch nie gesehen. Protest und Buhrufe sind vorprogrammiert. Doch Hans Neuenfels riskiert den Skandal und sieht der Premiere gelassen entgegen:

"Das ist mir wurscht!"

 

 

Beiträge in: DW, MDR, SWR