Dieter David Scholz

Nachruf auf Joan Sutherland  


La Stupenda ist von uns gegangen

Ein Statement ihrer Familie erschütterte gestern die Opernwelt: "The family of Dame Joan Sutherland wishes to let all her friends and admirers know that she passed away very peacefully in the evening of Oct. 10 at her home in Switzer-land after a long illness,"

 

Ihre Fans nannten sie „La Stupenda“, die Wunderbare, die australische Sänge-rin Joan Sutherland, die nun, 83-jährig in ihrem Haus in Genf  gestorben ist.

Sie war tatsächlich eine stupende Sängerin, denn sie ist Anfang der Fünfziger-jahre aus dem Nichts aufgetaucht und wurde zu einem der leuchtendsten Ster-ne am Opernfirmament. Geboren wurde die weltberühmte Sopranistin am 7. November 1926 in Sydney. Nach der Ausbildung am dortigen Konservatorium und ersten Auftritten in Australien ging sie 1951 nach London und hat von dort aus eine Weltkarriere gestartet. Obwohl sie damals noch eine ziemlich unbe-holfene und auch alles andere als schöne Frau war. Aber sie hatte eine außer-gewöhnlich schöne Stimme, eine schier grenzenlose Höhe, enorme Kraft und eine Koloraturengeläufigkeit, die konkurrenzlos war.

Ihr Debüt gab Sutherland im Juni 1951 am Konservatorium von Sydney. Ein Jahr später erhielt sie ein Engagement in Covent Garden, wo sie in der Partie der Lucia di Lammermoor über Nacht zum Weltstar aufstieg und als eine der größten Koloratur-Sopranistinnen gefeiert wurde. In England überwand die Sutherland mit Hilfe des Schauspiellehrers Norman Ayrton vor allem ein psy-chisches Problem – ihre Größe, die sie auf die meisten Tenöre hinabschauen ließ. In der Schule hatte sie im Märchen meist den Riesen spielen müssen.

Der alte, weise Dirigent Tulio Serafin, der auch der Entdecker von Maria Callas war, hat die enorme Begabung der Sutherland erkannt und hat sie, gemeinsam mit dem Regisseur Franco Zeffireli sozusagen erweckt in einer legendären Einstudierung der „Lucia di Lammermoor“ an Covent Garden 1959. Das schlug in der Opernwelt wie ein Komet ein. Joan Sutherland machte von da an eine der gloriosesten Sänger-Karrieren aller Zeiten. Sie hat seither an allen großen Opernhäusern der Welt gesungen, es liegen zahllose Einspielungen auf CD vor, die ihre außerordentliche Kunst dokumentieren. Selbst auf der Höhe ihrer Kunst galt sie nicht als begnadete Schauspielerin, aber ihre frappierende Stimme machte alles wett. Ihr häufiger Partner Luciano Pavarotti sagte einmal über Sutherland: "Sie ist ohne Zweifel die Stimme dieses Jahrhunderts." Pavarotti, der ihrem Drängen 1965 sein Debüt in den USA und seine Weltkarriere zu verdanken hatte, beschrieb ihr Verhältnis als das von Bruder zu Schwester.

     

Richard Bonynge, den Joan Sutherland schon in Australien kennen gelernt hatte, war sicherlich der stärkste Motor und Mentor ihrer Fähigkeiten und ihrer Karriere. Er hatte wie kein anderer ihre stimmlichen Möglichkeiten er-kannt und weiterentwickelt, vor allem ihre bis in stratosphärische Höhen reichende Stimme. Er wusste, sie besaß eine bombensichere Technik, eine stra-pazierfähige Physis und sie war sehr gelehrig. Er wollte aus ihr eine zweite Callas machen, gerade was das Repertoire angeht. Und ihm ist es sicher zu verdanken, dass aus dem Aschenputtel, das eigentlich Mezzo und Wagner-sängerin werden wollte, eine der bedeutendsten Belcantosängerinnen aller Zeiten wurde. Er war allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz ein sehr guter Dirigent und Pianist! Er hat immer das passende, zum Teil damals absolut neue und vergessene Repertoire für sie aufgespürt, ausgewählt und mit ihr einstudiert. Ein breites Repertoire, das von der Barockoper – vor allem Händel – über Rossini, Bellini und Donizetti über Verdi bis zur französischen Oper des 19. Jahrhunderts, zu Massenet und Meyerbeer reichte. Die Sutherland hat der Welt vor exerziert, wie man Koloraturen singt und was Verzierungstechnik ist, zu einer Zeit, als es vergessen war, einer Zeit vor dem Bewusstsein von „historischer Aufführungspraxis“. Und die Sutherland hat, gemeinsam mit ihrem Mann Opern wieder entdeckt, die ohne sie wahrscheinlich weiterhin im Schatz- und Beinhaus der Operngeschichte geschlummert hätten, Belcanto-und französische Partien, die lange Zeit nur sie mit ihrer sensationellen Kolora-turentechnik und Höhe überhaupt singen konnte. Aber sie hat immer wieder auch Ausflüge in ganz entlegene Bereiche gewagt, und ihr Publikum damit überrascht, sei es ins Hochdramatische einer Turandot oder ins Komische der Operette. Die Sutherland war immer eine sehr humorvolle, warmherzige  Frau.

1961 wurde Joan Sutherland Commander of the British Empire, 1978 Dame Commander und 1991 von Queen Elizabeth II. persönlich mit dem Order of Merit ausgezeichnet. 1990 zog sie sich von der Bühne zurück. Sie hinterlässt ihren Ehemann, den australischen Pianisten und Dirigenten Richard Bonynge, mit dem sie seit 1954 verheiratet war, und den gemeinsamen Sohn Adam.

 

Beitrag in MDR, Figaro 11.10.2010