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Dieter
David Scholz
Mythos Primadonna. 25 Diven widerlegen ein Klischee.
Gespräche mit großen Sängerinnen.
312 S.,
Parthas Verlag 1999
Leseprobe
| Birgit
Nilsson
Mit
den Füßen auf dem Boden bleiben
Frau
Nilsson, was war für Sie der Beweggrund, Ihre Memoiren niederzuschreiben?
Ich
wollte sie eigentlich überhaupt nicht schreiben. Die Welt ist voller
Memoi-renbücher. Warum ausgerechnet auch noch meine Memoiren? Aber je älter
ich wurde, desto mehr haben mich mein Mann und einige andere Menschen
da-von überzeugt, daß ich diese Memoiren einfach schreiben mußte. Ich
sei es der Welt schuldig, nun ja. Wir beschlossen zunächst, einen
Ghostwriter zu beauf-tragen, haben die Idee aber schnell ver-worfen.
Jedenfalls war mein Interesse geweckt und ich wußte, wenn schon, dann muß
ich diese Memoiren allein schreiben. Auch wenn ich anfangs nicht wußte,
wie. Aber die Angst davor, daß irgendjemand ein Buch über mich schreibt,
das nichts mit der Wahrheit zu tun hat, befiel mich plötzlich. Und dann
habe ich das Buch geschrieben, mühsam und peu à peu. Aber absolut
aufrichtig!
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In
Ihrem Buch schreiben Sie, daß Wieland Wagner einmal gesagt habe, „Die
Nilsson war berühmt, bevor sie groß wurde“. War das nicht ein bißchen
selbstgefällig von ihm?
Er
hat Recht gehabt. Ich hatte mich bei der Arbeit mit Wieland kolossal
entwickelt. Vor allem an der Isolde haben wir in Bayreuth sehr ernsthaft
gearbeitet. Natürlich habe ich schon vor dieser ersten Bayreuther Isolde
eine - wie man sagt - Weltkarriere gemacht und sehr viel Erfolg gehabt.
Ja, ich war schon berühmt vor Bayreuth, aber nicht groß genug. Ich wurde
noch größer unter Wieland.
Sind
Sie ihm dankbar dafür?
Sehr
dankbar sogar! Ich bin nur betrübt darüber, daß es erst so spät zu
unserer Zusam-men-arbeit kam. Was wäre geschehen, wenn wir schon von Anfang
an zusammengearbeitet hätten? Er ließ mich ja fast zehn Jahre warten,
nachdem wir uns kennengelernt hatten. Ich begreife das bis heute nicht.
Ich kam erst über große Umwege nach Bayreuth. Schwierig sind viele
Men-schen, aber Wieland war sehr launisch. Erst hieß es hü, dann hott...
Als ich ihm sehr früh schon vorsang, war er so begeistert von mir, daß
er sich vor mir auf die Knie warf und sagte, ich könne bei ihm alles
singen, und dann hat er mich im Regen stehen lassen und ich mußte - wie
gesagt - fast zehn Jahre warten bis zu meinem ersten Engagement in
Bayreuth. Das war eine harte Erfahrung. Da war Wolfgang doch ein ganz anderer Mensch, er war viel zuver-lässiger, und ich
glaube auch, daß er sich mehr für Stimmen interessierte als Wieland, der
immer mehr nach Typen Ausschau hielt. Als Wieland einen besseren Typ Frau
als mich ken-nenlernte, hat er mich fallengelassen. Mit Wolfgang habe ich
übrigens nach Wieland noch viel gearbeitet. Wolfgang Wagner war der
praktischere der beiden Brüder. Das mußte er als allei-niger
Festspielleiter nach Wielands Tod ja auch sein.
Sie
wissen, daß Wolfgang Wagner heute von vielen Seiten sehr angegriffen
wird. Glauben Sie, daß es in Bayreuth an der Zeit ist, sich zu besinnen
und neu anzufangen, einen neuen Weg zu beschreiten?
Bayreuth ist nicht mehr das, was es war, als ich dort sang! Schon dieser
Begriff „Werkstatt“ spottet dem Festspielgedanken und deckt eigentlich
etwas anderes ab, als zu unserer Zeit. Heute darf dort jeder Anfänger
singen. Damals war der Allerbeste gerade gut genug für Bayreuth. Das ist heute ja
völlig anders. Man experimentiert viel herum. Natürlich, andererseits
hat Wolfgang sehr viel baulich verändert, modernisiert, verschönert, ich
weiß schon, ja. Aber vielleicht wäre es doch an der Zeit für einen
Neubeginn in Bayreuth. Wir haben doch alle nur eine bestimmte Zeit, in der
wir wirklich produktiv sind. Das gilt auch für Wolfgang Wagner. Vielleicht ist auch seine Zeit bald abgelaufen.
Halten
Sie es denn für notwendig, daß ein Mitglied der Wagner-Familie die
Leitung in Bayreuth übernimmt?
Wenn
es jemanden gibt, der sich das zutraut und der den großen Anforderungen
gewachsen ist und etwas von der Sache versteht, warum nicht? Vielleicht
gibt es ja jemanden aus der Familie.Wenn nicht, dann muß man eben jemand
anderen suchen.
Hat
die Tatsache, daß das gesangliche Niveau in Bayreuth deutlich gesunken
ist, denn nicht auch damit zu tun, daß heute kaum mehr wirkliche
Wagnerstimmen zu finden sind, von denen es in Ihrer Generation ja noch
eine ganze Menge gab?
Natürlich
spielt das eine große Rolle. Und es gibt augenblicklich nicht viele, die
Wagner über-haupt singen können. Trotzdem spielt man überall viel
Wagner, obwohl man nicht genügend Sänger dafür hat. So hört es sich
allerdings auch an. Und jeder, der Wagner singt, möchte natürlich in
Bayreuth auftreten. Aber ausgerechnet dort scheint man sich immer wieder
die un-geeignetsten Stimmen auszusuchen.

Sie
haben sich ja viele Jahre mit dem Sängernachwuchs beschäftigt. Glauben
Sie denn, daß es heute nicht mehr so gute Stimmen gibt wie zu ihrer Zeit?
Es
gibt eine Menge guter Stimmen, aber wissen Sie, die müssen doch heute in
zwei Jahren alles singen, dramatischen Sopran, manche fangen an mit
Turandot, Brünnhilde, Isolde, und nach wenigen Jahren ist die Stimme
kaputt. Wir leben in einer hektischen, schnellebigen
Zeit. Keiner hat mehr Zeit, nichts kann sich mehr entwickeln. Jeder
will sehr schnell sehr viel Geld verdienen. Regisseure, Manager, und
Dirigenten wollen möglichst junge Gesichter und ju-gendliche Typen.
Solange die Stimme in Ordnung ist, ist das schön und gut, aber wenn sie
kaputt ist, steht der nächste Nachwuchssänger schon vor der Tür. Der
Raubbau, der heute an jungen Sängern mit gutem Material betrieben wird,
kann nicht gutgehen! Natürlich habe ich, als ich jung war, auch
Dummheiten gemacht, habe auch zu große Rollen zu früh gesungen. Aber es
war nach dem Krieg, und ich habe nicht zu viel gesungen, damals in
Stockholm, wo die Reihen der Solisten an der Königlichen Oper ziemlich
geschlossen waren. Ich habe damals vielleicht höchstens fünfundzwanzig
Abende im Jahr gesungen. Damit ruiniert man sich nicht. Außerdem bin ich
mit sehr robusten Stimmbändern und strapazierfähigem stimmlichem
Ma-terial geboren worden. Ich habe ja auch nicht so früh angefangen zu
studieren. Das hat mich gerettet. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, wie
zum Beispiel Astrid Varnay. Sie war erst Zweiundzwanzig, als sie
schon Brünnhilde an der Met sang. Da habe ich auf dem Bauernhof meiner
Eltern noch Kartoffeln ausgemacht.
Wie
kommt es eigentlich Ihrer Meinung nach, daß heute Präzision so klein
geschrieben und so viel falsch gesungen wird, und daß so viele Dirigenten
Schlamperei und Ungenauigkeit bei den Sängern zulassen?
Das
hängt mit vielem zusammen. Die heutigen Sänger orientieren sich sehr
stark an Vorbildern auf CD. Sie hören sich an, was Kollegen singen, wie
sie singen und bilden sich oft kein eigenes Urteil mehr aus dem Studium
der Partitur. Sie kopieren nur, was sie gehört haben, kopieren aber auch
die kleinen Fehler und Ungenauigkeiten. Und wenn man heute sieben Sänger
nacheinander hört, hat man oft den Eindruck, sie singen eigentlich alle
gleich. Sie unterscheiden sich nicht mehr. Wie sollen sie auch anders
klingen, wenn ihre Stimme nicht Ausdruck von Persönlichkeit ist. Sie
machen doch alles nur nach. Dazu kommt, daß es heute nur noch we-nige
wirklich gute Repetitoren gibt. Und die wollen alle eigentlich dirigieren.
Die Dirigenten haben meist keine Zeit, mit den Sängern zu arbeiten, zu
schweigen davon, mit ihnen Partien einzustudieren. In der Regel begegnen
sich Sänger und Dirigent heute erst bei der Or-chesterprobe. Das war zu
meiner Zeit völlig anders! Wenn ich nur an den jungen Georg Solti denke,
was für eine Genauigkeit er von uns erwartete, und was er an Präzision
der Ein-studierung voraussetzte! Und in Bayreuth gab es damals ein paar
phantastische Repetitoren. Unvergleichlich war Hermann Weigert, der
Ehemann von Astrid Varnay. Bei ihm herrschte eine Genauigkeit, bei der es auf
jede Note, jede kleinste Nuance des Ausdrucks ankam. Ich wüßte heute
niemanden, der diesen Grad von Professionalität hätte. Und das hört man
eben bei den heutigen Sängern. Ich hatte ja viel mit jungen Sängerinnen
zu tun. Oft sollten sie Sieglinde, Fidelio, Isolde vorbereiten. Ich fragte
sie, ob sie einen guten Repetitor haben. Nein, hieß es meist, keinen
besonderen, er kann ein paar Skalen spielen.... aber ich habe gute CDs.
Was soll man dazu sagen? Vieles kann man natürlich vom Anhören lernen,
keine Frage. Aber man muß doch die Partien erst einmal von Grund auf
selbst erarbeiten, um ihnen einen eigenen, unverwechselbaren
Stempel aufdrücken zu können. Eine eigene Auffassung einer Partie
kann man sich nur selbst erarbeiten. Und es ist doch Unsinn, von einer
zweiten Callas zu reden. Es gibt nur eine. Die zweite zählt doch gar
nicht.
Eben,
es gibt auch nur eine Nilsson. Eine Kopie ist weit und breit nicht in
Sicht.
Man
sagte mir oft, als ich jung war, ich sei eine zweite Flagstadt. Ich fühlte
mich sehr geehrt und sagte daraufhin nur, ich bleibe aber lieber eine
erste Nilsson!
Sie
haben 16 Jahre in Bayreuth gesungen, 28 Jahre in Wien, sehr lange auch in
Amerika, zu Beginn Ihrer Laufbahn viele Jahre in Stockholm. Welche Jahre
waren die wichtigsten?
Alle
Stationen waren wichtig! Ich habe überall etwas gelernt. Und jede Bühne,
jede Stadt bietet einem etwas, was man nirgendwo sonst findet. Man muß in
die weite Welt gehen und muß mit verschiedenen Regisseuren, Dirigenten
und Kollegen arbeiten, um sich zu entwickeln. Als Sänger an einem Ort zu
bleiben bedeutet immer Stillstand. Natürlich erlebt man an jedem Ort
unvergeßliche Aufführungen und auch solche, die man am liebsten so
schnell wie möglich vergessen möchte.
Sie
sangen überall, haben aber nirgends eine wirklich offizielle
Abschiedsvorstellung gegeben. In
Bayreuth haben Sie 1970 ganz urplötzlich aufgehört, in Wien auch völlig
unerwartet im Jahre 1982. War es so schwer für Sie, offiziell einen Schlußstrich
zu ziehen?
Ich
finde, „Auf Wiedersehen“ zu sagen, sich zu verabschieden, ist immer
ein kleines Sterben, das ist wie ein kleiner Tod. Als junge Sängerin
besuchte ich eine Abschiedsvorstellung einer alten Kollegin in Stockholm.
Sie hat noch einmal, zum letzten Mal, Brünnhilde gesungen. Ich habe den
ganzen Abend geweint. Zu wissen, daß man nie mehr auf der Bühne stehen
wird, wie kann man das verkraften, während man singt? Damals habe ich mir
geschworen, wenn ich einmal eine große Sängerin werden sollte, würde
ich niemals eine Abschiedsvorstellung geben wollen. Ich könnte das gar
nicht! Schon bei der Vorstellung kommen mir die Tränen. Ich finde, Rudolf
Bing, der Manager an der Metropolitan, hat recht gehabt, als er sagte, es
sei doch besser, jemand frage, ach hat die schon aufgehört zu singen, als
daß er frage, singt die etwa noch? Ich gebe zu, ich hätte vielleicht
etwas früher aufhören sollen. Aber jeder macht seine Dummheiten. Ich
konnte allerdings bis zum Schluß alle Noten singen, wenn auch nicht mehr
so wie früher. Und eigentlich sollte man doch dem zahlenden Publikum nur
das Aller-beste präsentieren. Aber das ist gar nicht einfach. Außerdem
macht man ja immer Verträge drei Jahre im voraus. Ich habe in den letzten
zehn Jahren meines Sängerlebens immer schon alle Verträge unter der
Voraussetzung abgeschlossen, daß ich noch bei Stimme bin.

Haben
Sie nicht gelitten darunter, aufzuhören, nachdem Sie zum letzten Mal auf
der Bühne standen?
Nein,
ich bin ein sehr praktischer und vernünftiger Mensch und ich weiß, daß
jedes Ding seine Zeit hat. Genau wie es die Marschallin singt. Alles, was
ist, endet, sagt Erda im „Ring“, das muß man akzeptieren. Wenn man es
nicht akzeptiert, wird man schrecklich unglücklich. Mein Mann war übrigens
sehr nervös, als ich die Fünfzig überschritt, weil er befürchtete, ich
würde unerträglich werden, wenn ich meinen Abschied gegeben habe. Ich
sagte immer, ich weiß nicht, was ich dann mache. Aber es war, im
nachhinein betrachtet, gar kein Problem. Ich gehöre Gott sei Dank nicht
zu den Menschen unter meinen Kollegen, die nicht leben können, wenn sie
nicht mehr singen. Ich kann gut ohne Theater leben.
Was
war Ihnen eigentlich das Wichtigste, als Sie sangen?
Alles
ist wichtig. Ich versuchte natürlich, mit der Stimme so viel wie möglich
auszudrücken. Es sollte schön klingen und die Zuschauer berühren. Wenn
ich einen schlechten Tag hatte, versuchte ich es zu kaschieren mit
lebendigerem Spiel, ganz einfach!
Liegt
es nicht auch oft am Dirigenten, wenn der Sänger versagt?
Ja,
natürlich! Durch einen Dirigenten kann man neu geboren werden, er kann
einen aber auch sterben lassen! Man kann die Wichtigkeit des Dirigenten für
den Sänger gar nicht über-schätzen.
Sie
haben mit vielen renommierten Dirigenten gearbeitet. Auch mit Herbert von
Karajan, der immer bemüht war, auswendig zu dirigieren. Womit Sie ja
nicht nur einmal Ihre unangenehmen Erfahrungen gemacht haben.
Jeder
Dirigent, der eine Oper auswendig dirigiert, ist gefährlich und macht
einen Sänger ner-vös. Und Karajan hat uns oft im Stich gelassen, wenn er
nicht mehr weiterwußte bei seinem Auswendigdirigieren. Mitropoulos war
eine phänomenale Ausnahme, er konnte jede Ziffer, jede Note auswendig. So
etwas habe ich nie wieder erlebt. Auch mit Lorin Maazel habe ich einmal
eine Katastrophe erlebt in Berlin, als er seinen ersten „Fidelio“ an
der Deutschen Oper dirigierte, er war auch so eitel, ihn auswendig zu
dirigieren. Er war sehr unsicher, übersprang einen Dialog und dann hat er
uns das ganze Finale verhagelt, weil er Hans Beirer, der den Florestan
sang, keinen Einsatz gab. Und jeder am Theater wußte, Beirer braucht
jeden Einsatz! Beirer setzte
also falsch ein. Infolgedessen setzte auch ich falsch ein. Ich schaute
Lorin Maazel hilfesuchend an, aber der half mir auch nicht. Erika Köth,
die die Marzelline sang, fing an zu weinen. Das ganze Finale war ein
Alptraum. Das Haus buhte, daß die Wände wackelten! Es war schrecklich.
Aber mit Karajan ist mir ähnliches im zweiten Akt „Tristan“ einmal
passiert. Er dirigierte ihn natürlich auch auswendig. Plötzlich wußte
er nicht mehr, wie es weitergeht. Ich kam aus dem Takt, sang falsch und
wollte einen Einsatz von ihm haben. Ab und an braucht jeder Sänger mal
einen Einsatz! Dazu ist der Dirigent doch da, daß er dann dem Sänger
hilft. Aber Karajan half mir nicht, wie sollte er auch? Er wußte ja
selbst nicht mehr, wo er war. Er träumte oft nur vor sich hin, während
er dirigierte. Sogar der Souffleur wandte sich völlig irritiert und
hilflos nach Karajan um, durch ein kleines Fenster zum Diri-gentenpult.
Aber das nützte auch nichts.
Wie man weiß, hatte Karajan ein
besonders einnehmendes Verhältnis zum Geld. Stimmt das Ihrer Meinung
nach?
Oh
ja, das kann man wohl sagen! Einmal hatten wir eine musikalische „Tristan“-Probe.
Er spielte mir den „Tristan“ vor. Damals war es übrigens so, daß er
gern Sänger von der Mai-länder Scala nach Wien holte, die natürlich viel
besser bezahlt werden mußten als die Wiener. In Wien sang man nämlich
billiger als in Mailand! Also wir probten „Tristan“. Plötzlich riß
meine Perlenkette, die Perlen kullerten auf den Boden. Alle bückten sich,
um sie aufzulesen. Auch Karajan erwies mir die Gnade, sich zu bücken, hob
einige große Perlen auf und sagte: „Um Gottes willen, was für schöne
Perlen, die haben Sie doch sicher von ihrer phänomenalen La Scala-Gage
gekauft.“ „Nein, Herr von Karajan“, sagte ich, „das ist bloß
Imitation, es sind Kunstperlen, mehr kann ich mir für meine Wiener Gage
nicht leisten.“ Ein anderes Mal haben wir auch „Tristan“ geprobt. Da
sagte er: „Noch einmal, Frau Nilsson, aber diesmal bitte mit Herz. Das
Herz sitzt da, wo Sie Ihre Geldbörse haben.“ „Oh“, entgegnete ich
ihm herzhaft, „dann haben wir ja doch wenigstens etwas gemeinsam,
Maestro!“
Wie war denn Ihr Verhältnis zum
Geld?
Ich
sagte Ihnen ja schon, ich bin ein praktischer Mensch. Und ich kann
zwischen einem Zehn-Mark-Schein und einem Tausend-Mark-Schein
unterscheiden. Wir bekamen ja damals das Geld noch bar ausgezahlt, in der
Pause der Vorstellung. Ich wußte, was ich konnte, und ich wußte meinen
Marktwert einzuschätzen. Mein Repertoire war das allerschwerste unter den
dramatischen Sopranpartien. Deshalb bestand ich immer auf der Höchstgage.
Keine Mark weniger. Wenn ich einmal erfuhr, daß man mich betrogen hatte,
war mit mir nicht zu spaßen. Also Sie sehen, ich hatte ein ganz einfaches
Verhältnis zum Geld. Natürlich habe ich viele Wohltätigkeitsveranstaltungen
ohne Gage gesungen. Ich sang auch an Häusern, die kein Geld zahlen
konnten, was auch für Bayreuth gilt, dort zahlt man im Grunde nur ein
besseres Taschengeld, mehr nicht. Aber
an großen Häusern kannte ich kein Pardon. Es war nur recht und billig,
daß man mir dort die Höchstgage zahlte. Das habe ich übrigen vom alten
Erich Kleiber gelernt. Der riet mir einmal mit Nachdruck: Frau Nilsson,
sie müssen sich überall rar machen, immer die höchste Gage fordern und
Sie dürfen niemals zu oft singen an einem Haus!

Sir
Rudolf Bing soll einmal gesagt haben: „Die Nilsson ist zuverlässig wie
ein Automat, man muß nur genug Geld hineinwerfen und schon kommt schöne
Musik heraus.“ Aber genug des Themas. Noch einmal zurück zu den
Dirigenten, mit denen Sie arbeiteten. Ein ganz anderer Dirigententyp als
Herbert von Karajan war Hans Knappertsbusch, von dem der Ausspruch überliefert
ist: „Warum soll ich auswendig dirigiern? Ich kann ja Noten lesen!“
Er
war ein fabelhafter Dirigent. Aber ich habe mit ihm auch schockierende
Dinge erlebt, die ich nie vergessen werde! Während einer Aufführung
hat er mich so fertig gemacht wie kein anderer Dirigent vor und
nach ihm. Ich habe unter ihm „Salome“ gesungen, ohne Probe. Er probte
nie. Auch den ganzen „Ring“ habe ich mit ihm ohne Probe gesungen.
Also, wie gesagt, es geht um eine Salome, ich glaube es war 1955 oder
1956. Man muß wissen, er mochte Salome überhaupt nicht. Aber er hat das
Werk immer wieder dirigiert. Vielleicht weil es so schön kurz ist und gut
bezahlt wurde. Am zweiten Abend dieser Salome-Reihe sang ein Jochanaan,
der sehr unsicher war und viele Fehler machte. Außerdem hatte
Knapperstbusch schlechte Laune. Kurz bevor Jochanaan in die Zisterne
stieg, machte er schon wieder einen Fehler. Da stand Knappertsbusch auf
und brüllte ihn laut an. Während der Vorstellung! Ich war völlig
entsetzt und dachte nur: Wenn das mir passiert!
Ich war außer mir vor Angst und Aufregung. Als der Kopf aus der
Zisterne gehoben wurde, setzte ich prompt zu früh ein vor Nervosität. Da
erhob sich Knappertsbusch wieder und schrie lautstark auf die Bühne zu
mir: „Du Arschloch“. Mir schossen die Tränen nur so in die Augen. Ich
habe geweint und ge-sungen, die ganze Schlußszene hindurch. Und
Knappertsbusch hat mich während der ganzen Vorstellung nicht mehr
angeschaut. Es war entsetzlich! Nach der Vorstellung ging er aus dem
Orchestergraben und sagte „Scheiße“. So war er! Ich saß 14 Tage
zuhause und weinte. Ich war damals ja noch Anfängerin. Bei jeder weiteren
Salome, die ich sang, zitterten mir die Knie, wenn ich auf die Bühne
ging. Knappertsbusch hat mir sehr geschadet. Ich wollte nie mehr unter ihm
singen. Ein Jahr lang habe ich ihn auch strikt gemieden. Dann war ich
angereist, um Fidelio zu singen. Plötzlich hieß es, heute abend
dirigiert Knappertsbusch.
Hat er sich denn entschuldigt für seine ungehobelte Art?
Er
entschuldigte sich nie für etwas. Aber er kam nach der Vorstellung auf
die Bühne, zeigte mir seine schwedischen Manschettenknöpfe und machte
mir ein Kompliment. Es sei eine schöne Vorstellung gewesen. Und dann
sagte er: „Voriges Jahr haben Sie geschmissen, tun Sie das nicht
mehr!“
Noch einmal zurück zu Rudolf
Bing, dem legendären Chef der New Yorker Metropolitan Opera. Sie haben
ihm in Ihren Memoiren ein ganzes Kapitel gewidmet und ihn sehr gewürdigt.
Viele Ihrer Kollegen mochten ihn überhaupt nicht.
Ich
weiß das. Aber mich mochte er, wenn auch nicht von Anfang an. Wir
verstanden uns gut. Er war ein fabelhafter Organisator, er war absolut
zuverlässig, man konnte sich auf ihn ver-lassen. Ich bewunderte ihn als
Theaterdirektor. Er und Kurt Adler in San Francisco waren die besten
Operndirektoren, die ich jemals kennengelernt habe. Sie wußten
unglaublich viel, waren perfekt in ihrem Metier und glänzende Manager.
Natürlich waren sie schwierige Menschen, vor allem Kurt Adler, der sehr
arrogant war. Die ersten Jahre haben wir uns viel gestritten. Aber
irgendwann fanden wir zueinander und waren dann sehr gut befreundet. Er
rief mich jedesmal, wenn ich in Europa eine wichtige Vorstellung sang, von
San Francisco aus an, um sich nach dem Erfolg meiner Vorstellung zu
erkundigen.
In Stockholm begann Ihre Laufbahn.
Sie haben Stockholm denn auch ein besonders großes Kapitel in Ihren
Memoiren gewidmet.
Ja,
weil ich, als ich zu schreiben anfing, dachte, daß mein Buch vor allem in
Schweden be-sonderes Interesse finden würde. Außerdem war Stockholm mein
künstlerisches Zuhause. Ich habe dort bis auf ganz wenige Ausnahmen alle
meine Partien gelernt und zum ersten Mal gesungen, wenn auch in
Schwedisch. In Schweden erarbeitete ich mir mein komplettes Re-pertoire,
die Grundlage meiner internationalen Karriere.

Was veranlaßte Sie denn zu dem
Sprung von Schweden in die weite Opern-Welt?
Ich
war eigentlich gar nicht daran interessiert, denn in Stockholm hatte ich
mir einen Namen gemacht. Ich wollte lieber zu Hause eine erstklassige Sängerin
bleiben als im Rest der Welt vielleicht eine zweitklasige. In Schweden
fühlte ich mich sicher. Aber in fremden Ländern und fremden Sprachen war
das anders. Ich mußte ja alle meine Rollen neu lernen in
Original-sprachen, was nicht ganz einfach war. Es dauerte lange, bis ich
auf italienisch und deutsch mit derselben Intensität
singen konnte wie im Schwedischen.
Aber
es kamen viele ausländische Dirigenten an die Stockholmer Oper damals.
Knapperts-busch zum Beispiel, er war der Erste, der mich nach Bayreuth
holen wollte, Fritz Busch wollte mich nach Glyndebourne engagieren. In
Glyndebourne war dann auch mein erstes Gastspiel außerhalb Schwedens.
Dann kamen Florenz, Genua, Mailand und der Rest der Welt. Ich hatte Erfolg
im Ausland und merkte allmählich, daß ich mich auch außerhalb Schwedens
behaupten konnte. Das nahm mir die Angst, und ich fand sogar Spaß daran,
eine weltreisende Opernsängerin zu sein.
Wollten Sie eigentlich immer schon
Sängerin werden?
Ja,
schon als Kind. Bei jeder Sternschnuppe, die fiel, wünschte ich mir, eine
große Sängerin zu werden. Aber ich wußte natürlich als Landkind nicht
im geringsten, was das überhaupt war, eine Opernsängerin.
Bei Ihrem Vorsingen an der Königlichen
Musikhochschule in Stockholm haben Sie sich mit einem Gläschen Portwein
gestärkt, das Ihnen Ihre Mutter mitgab, wie Sie in Ihren Memoiren
schreiben.
Ja,
sie war immer etwas blutarm und glaubte an die Kraft des Portweins. Sie
trank gern ein Gläschen. Und das hat auch mir beim Vorsingen
geholfen.
Haben Sie diesen Ritus auch bei
ihren Vorstellungen später fortgeführt? Von der Flag-stadt weiß man ja, daß sie vor ihren Vorstellungen immer gern und ungeniert dem Cognac
zusprach.
Die
Flagstadt war sehr robust, noch viel robuster als ich! Aber ich, um Gottes
willen, nein, ich habe niemals vor meinen Auftritten getrunken. Ich habe
ja auch nie Leute in meine Garderobe gelassen. Ich brauchte immer absolute
Ruhe und mußte mich vollkommen auf die Rolle kon-zentrieren. Ich durfte
nicht gestört werden. Ich brauchte einfach Ruhe. Gott sei Dank konnte ich
auch außerhalb der Theatergarderobe immer gut allein sein. Ich war ja
viel allein auf mei-nen Reisen. Parties oder gesellschaftliche
Veranstaltungen mochte ich nie. Und mein Mann schwirrte auch nicht ständig
um mich herum, er reiste mir nur sehr selten nach. Wenn ich da an so
manche Ehemänner meiner Kolleginnen denke! Nein, mein Mann war kein Herr
Nilsson! Ich konnte doch auch nicht von ihm verlangen, daß er meinetwegen
sein Leben verändern und sich mir anpassen sollte. Also mußte ich mich
immer auf mich selbst verlassen. Das hat mich stark gemacht.
Kommt denn das Eheleben bei
einer weltreisenden Künstlerin nicht zu kurz?
Ja,
natürlich kommt es zu kurz! Aber man kann nicht immer den ganzen Kuchen
bekommen. Mein Mann hat begriffen, daß ich im Ausland die Möglichkeit
hatte, mich zu entwickeln und mir etwas aufzubauen. Er hat mich nie
behindert oder gebeten, seinetwegen weniger zu singen.
Sie haben das italienische Fach,
haben Mozart, Strauss und Wagner gesungen. Was war für Sie das
wichtigste?
Ich
war natürlich, wie jeder Sänger, sehr an italienischen Partien
interessiert. Aber an der Stockholmer Oper, wo ich ja anfing, gab es
eigentlich niemanden, der das italienische Re-pertoire beherrschte, ich
meine jetzt die Dirigenten. Aber wir hatten zwei, drei Kapellmeister aus
Deutschland, die Wagner sehr gut dirigieren konnten. Und so habe ich ganz
automatisch mehr und mehr Wagner gesungen, weil ich auch immer wieder
einspringen mußte in Wagner-partien, die im Grunde zu groß für mich
waren damals. Aber ich lernte den Wagner-Stil von Grund auf, und von
Anfang an. Natürlich liebte ich die Wagner-Partien bald, so anstrengend
sie auch sind, nicht nur für einen Anfänger.

Was ist denn das wichtigste für
einen Wagnersänger?
Man
muß eine solide Technik und die Stimme dafür haben, auch die Physis, die
Ausdauer, eine solche Partie durchzuhalten. Wenn man sich seine Stimme
schon einteilen muß und planen muß, wie man die drei Akte durchsteht,
ist es bedenklich. Ich habe das nie getan, ich habe immer mit voller Röhre
gesungen, wie man so sagt. Auch der Text ist sehr anspruchsvoll bei
Wagner, und man muß ihn behalten und verstehen! Das sind ja nicht nur so
ein paar immer wiederholte Phrasen wie bei Verdi. Außerdem muß man nicht
nur in der Kehle, man muß auch im Kopf wach bleiben bei einer so langen
Oper, wie etwa dem Tristan. Das gilt für hochdramatische Soprane wie für
Heldentenöre.
Wer war Ihr Lieblingstenor als Bühnenpartner?
Ich
habe am meisten und am liebsten mit Wolfgang Windgassen gesungen. Natürlich
war er nicht der, der sich die Kleider vom Leibe riß oder verrückte
Dinge gemacht hat. Aber er war dennoch ein großer Schauspieler, denn er
hatte Geschmack. Er war zuverlässig und hatte eine besondere Stimme. Man
kritisierte immer, daß sie so klein sei. Aber die Größe einer Stimme
ist nicht das entscheidende. Seine Stimme hat getragen, sie war
konzentriert, sie saß richtig! Ich höre doch lieber einen schönen Ton,
als daß jemand einen großen, einen lauten Ton singt, der womöglich noch
tremoliert. Ich muß sagen, ich war selber erstaunt über Windgassens
Stimme, als ich ihn zuerst im „Lohengrin“ hörte. Ich dachte, was für
ein Mozarttenor! Ich hielt ihn eigentlich für einen lyrischen Tenor. Ich
glaubte es nicht, daß er je Siegfried würde singen können. Und wie oft
hat er ihn schließlich gesungen. Er hatte unglaublich starke Stimmbänder.
Seine körperliche Konstitution war phänomenal. Selbst in Buenos Aires,
wo man sich als europäischer Sänger immer eine Erkältung holte, hat er
alle „Siegfried“-Vorstellungen trotz Erkältung durchgestanden und
wurde in jeder Vorstellung besser. In dieser Hinsicht war er schon etwas
verrückt, denn er konnte gar nicht genug singen. Wenn er in Mailand ein
paar „Tristan“-Vorstellungen sang, kam es vor, daß er zwischendurch
nach Stuttgart flog, um dort schnell mal einen Siegfried zu singen oder
irgendetwas anderes. Ich glaubte nicht, daß er das über einige Wochen würde
durchstehen können. Aber er regenerierte sich innerhalb weniger Tage von
seinen Marathon-Auftritten. Das habe ich bei keinem anderen Sänger je
wieder er-lebt. Und Windgassen hat niemals forciert. Er hatte eher weniger
gegeben, als zuviel, aber seine Stimme trug einfach. Das ist ja das
Geheimnis einer Stimme, daß sie einen Kern haben muß wie eine Kirsche.
Viel laute Luft allein trägt nicht über das Orchester. Auf die Intensität,
die Focussierung kommt es an. Man darf die Luft nicht durch den
Schornstein verrauchen lassen.
Das sagt sich leicht, wenn man so
ein Trompetenorgan hat wie Sie!
Ja,
ich gebe zu, ich wollte immer die dramatischen Partien singen, auch wenn
Wieland Wagner mich für einen lyrischen Sopran hielt und mich warnte vor
Isolde und Brünnhilde.
Mit anderen Worten: Sie wollten
die Primadonna sein bei Wagner. Haben Sie sich auch im Privatleben als
Primadonna gefühlt?
Nein,
Primadonna kann man auf der Bühne sein, wenn man die entsprechende Rolle
singen darf, aber doch nicht im Leben! Das wäre mir wirklich zu mühsam.
Ich glaube, daß Sänge-rinnen, die sich privat wie Primadonnen benehmen,
vielleicht auf der Bühne als Primadonna zu kurz kamen. Auf jeden Fall
aber verwechseln sie das Leben mit dem Theater.
Das ist Ihnen ja nie passiert! War
es das, weshalb Sie auch keine Angst davor hatten, eines Tages dem Theater
Adieu zu sagen, um sich nurmehr ganz dem Leben zuzu-wenden?
Wissen
Sie, es gibt Sänger, die vergessen ihr früheres Leben, bevor sie
Primadonna wurden, und wollen mit dem normalen Leben nichts mehr zu tun
haben. Sie leben nur noch in einem Theaterleben. Das konnte mir nie
passieren! Ich habe nie meine Herkunft und den Grund meiner Erde
verlassen. Ich bin als Stier geboren und stehe mit beiden Füßen fest auf
dem Boden. Stiere heben nicht so leicht ab!

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