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Dieter David Scholz
Beiträge für für DLF, SWR, MDR Istanbul in der Musik In diesem Jahr ist Istanbul Kulturhauptstadt Europas. Istanbul im Spiegel der Musik zu betrachten, der eigenen und der Reflexe in der westeuropäischen ist als Streifzug von Byzanz über das osmanische Reich bis ins Heute ist ein facettenreiches Terrain und ein Plädoyer für die Befruchtung von Abendland und Morgenland. Es gab eine Zeit, da war Türkische Musik in Europa Mode. Mozart, Beethoven, Haydn, Süssmayer, Gluck, Krauss und andere mehr haben das Instrumentarium der Janitscharen, die Blechbläser und Schlaginstrumente der Militärkapellen des Osmanischen Reiches, als „alla turca“ etikettiert, in die westeuropäische Kunstmusik aufgenommen,. Auch wenn die Osma-nen damals noch versuchten, sich militärisch Westeuropa einzuverleiben: Musikalisch waren sich Orient und Okzident, Abendland und Morgenland nahe gekommen. – In Istanbul, der größten Stadt der Türkei, die 1600 Jahre lang Hauptstadt zweier Weltreiche war, ist die Verschmelzung unterschiedlichster Kulturen, Religionen und Musiktraditionen nichts Ungewöhnliches und bis heute spürbare Realität.
Schon seit den Zeiten Kaiser Justinians, des letzten großen Herrschers der Spätantike ist die Metropole Istanbul, damals hieß sie noch Byzantion oder auch Byzanz, Knotenpunkt ältester Menschenansiedelungen, Religionen und Kulturen. Istanbul ist übrigens die einzige Metropole, die auf zwei Kontinenten liegt, sie erstreckt sich auf der europäischen wie asiatischen Seite des Bosporus.
Auch die Musik dieser Stadt, eine der ältesten Weltstädte, ist davon geprägt. Im Oströmi-schen Reich Byzanz, zu Zeiten des Osmanischen Reiches Konstantinopel, heißt die Stadt, seit 1930 Istanbul. Mustafa Kemal Atatürk, Begründer der Türkei und erster Präsident der nach dem Ersten Weltkrieg aus dem Osmanischen Reich hervorgegangenen Republik, hat ihr den bis heute gültigen Namen verliehen. Aber er hat auch die Weichen gestellt für das heutige Musikleben der Türkei, das weitgehend auf Volksmusik gründet, die Atatürk erstmals syste-matisch erforschen und sammeln ließ.
Die ursprüngliche Musik der Türken besteht aus zwei großen Traditionen, der Volksmusik, vor allem ländlicher Gemeinden in Antolien, des Balkans und Nahen Ostens, und der Kunst-musik, die durch die Kultur der osmanischen Elite geprägt ist, durch islamische Kultur, sowie durch arabische und persische Einflüsse. Während des osmanischen Reichs galt letztere als die authentische Musik der Türkei. Übrigens auch jüdische Musik hatte ihren Anteil an der Osmanischen Musik. Seither hat sich die vorherrschende Musikrichtungen in der Türkei immer wieder gewandelt, je nach politischen Verhältnissen. Spätestens seit den Sechziger-jahren des 20. Jahrhunderts gibt es westlich beeinflusste populäre Musik. Doch seit der großen Landflucht der Bevölkerung in die Städte, insbesondere Istanbul, in den Siebziger-jahren hat sich eine neue kulturelle Synthese entwickelt, die Arabeske, türkische und Musik des Nahen Ostens miteinander verschmolz zu einer spezifischen "Musik des Leidens". Seit der ökonomischen und gesellschaftlichen Öffnung der Türkei Anfang der 90er Jahre dominiert sie die Popkultur. Der erfolgreichste türkische Popstar ist bis heute die Sängerin Sezen Aksu.
Neben Pop existiert in Istanbuls vielfältiger Musik-Szene aber auch Anatolischer Rock, geprägt durch Musiker wie Erkin Koray oder Cem Karaca und Zülfü Livanelli, der die Özgün Musik schuf, ein gitarrenbasierendes Genre in Kombination mit arabesker Musik und ländlichen Melodien. Auch Türkischen Hip Hop gibt es, der von Berlin – der größten türki-schen Gemeinde ausserhalb Istanbuls – seinen Anfang nahm. Daneben erfreut sich Türkische Volksmusik, gespielt auf der Saz, einem Zupfinstrument aus der Familie der Langhalslauten, es existiert bardenhafte alevitische Musik – ein Fünftel der Türken sind schließlich Aleviten, es gibt sogar Roma-Musik und Musik in kurdischer Sprache. Konstante Wertschätzung als nationales Musikerbe erfährt in Istanbul die Mavlevi Musik. Das ist die mystich-ekstatische Sufi-Musik der sich drehenden Derwische.
Einer der bedeutendsten Komponisten dieser Musik ist Dede Efendi, er wurde noch zu Mozarts Zeiten geboren und starb 1851. Vladimir Ivanoff, der 1986 sein Ensemble Sarband ins Leben rief, noch bevor 1991 das Staatsensemble für klassische türkische Musik gegrün-det wurde, versucht mit dem Export dieser Musik Brücken zu schlagen zwischen Orient und Okzident.
Mit dem 1926 gegründeten Konservatorium von Istanbul wollte Atatürk mithilfe ausländischer Berater wie Bela Bartok und Paul Hindemith ein türkisches Konzertwesen nach westlichem Vorbild schaffen. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert pflegte man vor allem die volkstümlichen und osmanischen Traditionen. Schließlich zog in die Weltstadt Konstantinopel die westliche Musik ein: Man baute ein Opernhaus, wie auch in Ankara und Izmir, und gründete Symphonieorchester. Die Europäisierung der türkischen Kunstmusik hat in den Komponisten Ahmed Saygun, Hasan Ferif Alnar und Ulvi Erkin, um nur drei zu nennen, ihren ersten Höhepunkt erreicht. Heute gibt es wieder Komponisten, wie Cengiz Özdemir oder Erol Parlak, die sich – geschult an zeitgenössischer westlicher Musik - wieder mehr auf türkische Traditionen konzentrieren. Seit den Achtzigerjahren ist wie in der Popmusik auch in der Kunstmusik eine große stilisti-sche Vielfalt in Istanbul zu beobachten. - Nun ist Istanbul seit je ein Schmelztiegel der Kul-turen und Traditionen, auch und gerade musikalischer. Mittlerweile gibt es zahlreiche türki-sche Instrumentalisten, Sänger und Komponisten, die auch außerhalb der Türkei auf sich auf-merksam machen. Fazil Say, 1970 in Ankara geborener Pianist ist einer von ihnen.
Gemeinsam ist allen türkischen Komponisten heute, ob Fazil Say, der 2008 Kulturbotschafter der Europäische Union wurde, ob Zeynep Gedizlioglu, Lehrerein an der Akademie in Istanbul bis sie nach Deutschland zog und bei Wolfgang Rihm studierte, oder die Pianistin Inci Yakar, das Bemühen um den Musikalischen Brückenschlag zwischen Ost und West. Es sind die jungen Komponisten, die ihre alten türkischen Traditionen – angereichert mit westlichen Erfahrungen – zu einer Musik verschmelzen, die eine konfliktfreiere, tolerantere, weltoffenere Zukunft Istanbuls als heimlicher Hauptstadt der Türkei erhofft.
Auch der katalanische Musiker Jordi Savall, den abendländisch-morgenländische Schnittstellen seit je interessieren, hat auf einer erst kürzlich erschienenen CD Musik aus dem Istanbul des 17. Jahrhunderts präsentiert, Musik von Dimitrie Cantemir, Moldavischer Fürstensohn, der am osmanischen Hof Sultan Ahmeds des III. sein Leben verbrachte. Dieser überzeugte Wahl-Türke verfasste die bedeutendste erhaltene Sammlung osmanischer Instru-mentalmusik. Die Musik dieser CD öffnet den Blick für die Schönheit der türkischen Kultur, man könnte sie aber auch als Gegenentwurf zur Minarettverbotsdebatte verstehen und als Utopie für ein Miteinander von Orient und Okzident.
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