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Dieter David Scholz

Überraschungs-Glücksfall in Bayreuth

 

Gérard Mortier bewirbt sich gemeinsam mit Nike Wagner Nike Wagner für Wolfgang Wagners Nachfolge in Bayreuth.

 

Wie man heute  (25.05.08) in der FAZ las, hat sich der ehemalige Intendant der Pariser Oper und desig-nierte Leiter der „New York City Opera“ Gérard Mortier mit Nike Wagner, der Urenkelin Richard Wagners und Leiterin des Weimarer Kunstfestes, gemeinsam um die Lei-tung der Bayreuther Fest­spiele beworben. Ein entsprechendes Bewerbungsschreiben sei dem zuständigen Stiftungsrat am vergangenen Sonntag per Fax zugestellt worden, teilte Frau Wagner mit.

 Möglicherweise werden jetzt die Karten neu gemischt. nachdem es monatelang so aussah, als schreckten die  berufenen Intendanten dieser Welt allesamt vor den besonderen Herausfor-derungen des Grünen Hügels zurück, hat sich nun in letzter Minute einer der innovativsten, der erfahrensten und erfolgsreichsten unter ihnen beschlossen, seine unbestreitbaren Talente als Festivalleiter, Operndirektor und Kunstvermittler künftig in den Dienst Richard Wagners und Bayreuths zu stellen. Das verändert natürlich die Sachlage, will sagen die Bewerbersituation völlig.

Dass ein international gefragter Intendant wie Gérard Mortier trotz seines unterschriebenen Intendantenvertrags an der New York City Opera bereit ist, sich mitten in das Bayreuther Wespennest zu setzen und seine Energien unter Umständen sogar exklusiv in die Zukunft der Festspiele zu investieren, ich denke, das ist ein Glücksfall für Bayreuth. Denn gegen ihn sind Eva und Katharina Wagner dennn doch – mit Verlaub gesagt – kleine Fische. Und darüber kann der Stiftungsrat der Bayreuther Festspiele, allen Verabredungen mit dem scheidenden Wolfgang Wagner zum Trotz,  nicht hinweg­sehen, wenn er ernst genommen werden will.

 Wenn sich ein Mann wie Mortier um Bayreuth bewirbt, dann tut er das mit dem von ihm ge-wohnten Realitätssinn, mit Einsatzbereitschaft, mit Power und mit konkreten Utopien. Die wird er dem Stiftungsrat sicher vorgelegt haben. Mortier pokert nicht, er weiß, was er tut und was er vorhat. Mit Beginn der kommenden Saison ist er zwar als künstlerischer Leiter der New York City Opera verpflichtet. Die Spielzeit an diesem Haus läuft jeweils von September bis März. Zeit bliebe also für Bayreuth, das ja nur gute vier Wochen spielt, Ende Juli bis Ende August. Sollte sich - auch das hat Mortier bereits schriftlich zugesagt - ein Zeitkonflikt mit seinen Aufgaben in Bayreuth ergeben, so würde er Bayreuth den Vorrang geben.

Der Mann scheint es also ernst zu meinen. Diese Bewerbung  wird der Stiftungsrat nicht igno-rieren können.  Zumal Mortier in den letzten dreißig Jahren immer dort, wo er gewirkt hat, ob in Brüssel, in Salzburg, im Ruhregbiet oder in Paris aufsehenerregenden künstlerischen Erfolg hatte. Wem, wenn nicht ihm, würde man zutrauen, das Ziel zu verwirklichen, den Festspielen wieder die welt­weite Vorreiterrolle in der Wagner-Interpretation zu erkämpfen und den lange ersehnten künstlerischen Aufschwung in Bayreuth zu bringen?

Was man noch nicht genau weiss:  welche Rolle in seiner Bewerbung Nike Wagner spielt. Aber immerhin: Nike Wagner hat sich im Einverständnis mit Mortier dazu bereit erklärt, auch ihrer Cousine Eva Wagner-Pasquier die Hand zu reichen, falls diese sich dazu entschließen wolle, wieder an ihren ursprünglichen Plan einer gemeinsamen Kandidatur mit Nike anzu-knüpfen. Dass Nike Wagner dies trotz des Loyalitätsbruches tut, den sie erfahren musste, als Eva Wagner-Pasquier vor vier Monaten unerwartet zu Katharina überlief, zeugt von ihrer Cleverness, Souveränität und Weitsicht. Denn der Stiftungsrat, dem ja an einer dynastischen Regelung gelegen ist, der wäre mit so einem von Mortier geleiteten Tandem zweier echter Wagner-Urenkelinnen bestens bedient. Etwas Besseres als diese Bewerbung Mortiers, konnte Bayreuth gar nicht passieren.

Bislang schien es ja so, als hätten sich die verantwortlichen Mitglieder des Rates schon mehr-heitlich darauf festgelegt, ja geradezu mit Wolfgang Wagner abgesprochen, in ihrer Sitzung am 1. September Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier die gemeinsame Festspiel-leitung zu übertragen. Jetzt ist ganz unerwartet der Augenblick gekommen, um jene Offenheit des Verfahrens glaubhaft zu machen und zu nutzen, die von den Vertretern des Bundes und des Freistaats auf der Pressekonferenz nach der Stif­tungsratsitzung am 29. April beteuert worden war. Will man die bestmögliche Eignung der Kan­didaten und die Substanz ihrer Vorschläge wirklich ernsthaft prüfen, so muss notfalls die Entscheidung möglicherweise noch einmal vertagt werden. Da ist ja möglich.  

Und wohl auch nötig, denn innerhalb der im Rat vertretenen Gremien gehen die Meinungen über Katharina Wagner durchaus auseinander, wie bekannt ist. Von Anfang an war die Beteiligung Katharinas das Zugeständnis, das man glaubte, Wolfgang Wagner gegenüber machen zu müssen, um seinen Rücktritt überhaupt zu erwirken, während Eva Wagner-Pas-quier dafür einstehen sollte, diesen Weg verantwortbar zu machen.  Nun ist die Lage eine Andere. Es gibt eine  Alternative ohne Katharina!

Auch innerhalb der finanzkräftigen „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth“, gibt es ja große Vorbehalte gegenüber der Doppelspitze Katharina-Eva. Und auch innerhalb der vier Stämme der Familie Wagner hat man sich noch nicht auf einen gemeinsamen Vorschlag geeinigt. Auch da gibt es viele Vorbehalte gegen Katharina.  Also die Chancen für einen Kurswechsel in der Nachfolgereglung stehen gar nicht schlecht. Es könnte sein, dass nun plötzlich alle eine Lö-sung jenseits von Katharina sehen, auf die sie sich einigen können.

Der Stiftungsrat, der über die Nachfolge Wolfgang Wagners zu entscheiden hat, muss jetzt Farbe bekennen. Nun wird sich zeigen,  ob er wirklich an einer optimalen, hochkarätigen Nachfolgeregelung interessiert ist, oder einer Wolfgang Wagner genehmen, bayerisch-provin-ziellen Familienkungelei den Vorrang gibt. Die Bewerbung eines Mannes wie Gérard Mortier auszuschlagen, wäre beinahe so etwas wie eine Blamage für den Stiftungsrat.  Und der muß ja am 1. September keineswegs Eva und Katharina küren, denn so wurde ja beteuert, Wolf-gang Wagners Rücktritt sei bedingungslos erfolgt.

 

MDR-Figaro  25.08.2008