Dieter David Scholz

 

FRIEDRICHS "MONTEZUMA" 

 

Das Preussenjahr mit dem 300sten Geburtstag Friedrichs des Großen hat eine Menge an Buchneuveröffentlichungen, CD-Editionen und Ausstellungen hervorgebracht. Eine Schau, die sich insbesondere mit dem Musiker, weniger mit dem Monarchen Friedrich auseinandersetzt, ist am 26.01. im Musikinstrumentenmuseum der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin eröffnet worden: "Friedrichs Montezuma. Macht und Sinne der preußischen Hofoper". Sie ist zu besichtigen bis zum 24. Juni.

     

1755 wurde im Königlichen Opernhaus Unter den Linden die von Carl Heinrich Graun komponierte Tragödie für Musik "Montezuma" uraufge-führt, für die der preußische König Friedrich der Große selbst das Libretto geschrieben hatte. Ein bezeichnender Sonderfall von Hofoper, der exemplarisch geeignet ist, das Phänomen dieser Gattung zu beleuchten. Die Kuratorin Ruth Müller-Lindenberg:

"Was uns wichtig war, einen Querschnitt urch das Funktionie­ren dieses Betriebssystems Hofoper zu geben und seine Rahmenbedingungen, auch seine ökonomischen aufzuzeigen. Gleichzeitig wollten wir verdeutlichen: Was hat eben dieser Stoff der Eroberung Mexikos mit dem Stück zu tun, und  wie passt er in einer ganz besonderen Weise in die Aufführungsrah-menbedingungen."

Drei Perspektiven sind es, die in der Ausstellung  verfolgt werden. Zum einen dasWerk und seine Entstehung,  Erstaufführung und Wirkung, zum Zweiten: Wie hat Hofoper funktioniert?

"Die dritte Perspektive ist natürlich vom Stoff ausgehend, die Eroberung Mexikos. Die Conquista. Diesem Diskurs widmen wir eine eigene Abteilung. Wir möchten die Conquista ausdrücklich nicht nur als einen beliebigen Opernstoff verstanden wissen, sondern wirklich als einen Diskurs, der im Kontext der Aufklärung präsent war und dessen sich Friedrich bedient hat, gemäß dem, was die Epoche darüber wissen konnte." (Ruth Müller-Lindenberg)

120 exquisite Exponate sind es, die im Berliner Musikinstrumenten-museum gezeigt werden, klug kommentiert und thematisch gegliedert, darunter Leihgaben aus dem theatergeschichtlichen Museum in München, dem Ibero Amerikanischen Institut und dem Geheimen Staats-archiv.  Museumsdirektor Thomas Ertelt:

"Wir haben großartige  von zahlreichen anderen Instituten, natürlich auch aus Potsdam, aber man muß sagen, der Großteil der Bestände kommt wirklich aus den Häusern der Stiftung Preußischer Kulturbesitz."

Fast eine Stiftungsausstellung also, in der Briefautographen, Partituren, Gemälde und  Stiche zu sehen sind. Auch die originale Hausordnung des Hofopernhauses von 1743 ist ausgestellt. Effektmaschinen zur Wind- und Donnererzeugung auf der Bühne können von den Besuchern der Ausstellung eigenhändig ausprobiert werden. Es gibt Hör- und Video-stationen. Auch eine Kostüm-Figurinen-Bastelstation für Kinder - aus-gehend vom originalen Kostüminventar für Montezuma. Man zeigt aber auch eine eigenhändige Feuerwerks-Anweisung Friedrichs des Großen für offenes Feuerwerk auf der Bühne, die im übrigen mit tausenden von Ker-zen beleuchtet und während mehrerer Stun-den Aufführungsdauer trotz Überfüllung im Zuschauerraum nicht belüftet werden konnte.  Um diesen Zustand auch sinnlich wahrnehmbar zu machen, hat man eine Riechstation eingerichtet. 

"Wir haben einen Geruchsdesigner gefunden, der uns einen, ja ich muß sagen Gestank hergestellt hat. Man kann in der Ausstellung auf einen Knopf drücken, und für einen kurzen Moment einatmen, wie es mögli-cherweise im Königlichen Opernhaus während einer gut drei-, vierstün-digen Aufführung gerochen hat." (Ruth Müller-Lindenberg)

   

Das Prunkstück der Ausstellung ist ein prachtvolles, mit Gold gehöhtes  Präsentationsblatt des berühmten Bühnenbildners Giuseppe Galli-Bibiena, den Friedrich an seinen Hof geholt hatte. Gezeigt werden natürlich auch ...

"...die Instrumente aus dem Besitz des Königs, die Quantz-Flöten, die er besessen haben soll und sicherlich gespielt hat, die Tasteninstrumente, das berühmte Reisecembalo, eine Ikone unseres Museums, es ist in der Ausstellung da, aber eigentlich doch nur am Rande." (Ertelt)

Im Zentrum steht Friedrichs Opernbetrieb und sein Librettisten-Anteil an Grauns Oper, die am Beispiel der Eroberung Mexikos durch Cortez als musiktheatralischer Diskurs dargestellt wird über den Umgang mit Macht im 18. Jahrhundert, über die Konfrontation des Edlen Wilden mit christ-licher Zivilisation im Sinne der Aufklärung und die Kunst des guten Regierens. Höfische Oper im 18. Jahrhundert war - auch bei Friedrich dem Großen - schließlich immer Selbstdarstellung des Mo-narchen. Ruth Müller-Lindenberg:

"Mir ist es wichtig, dass wir uns der Fremdheit dieses höfischen Thea-ters bewußt werden und dass wir Seiten an dem höfischen Theater erfah-ren können, die uns im heutigen Theaterbetrieb  vollkommen fremd sind. Also die große Pracht der Szenographie, der physische Aufwand, der betrieben werden musste, das Kastratenwesen. Wir durchleuchten ein bisschen auch die Kulturgeschichte des Kastratentums,  auch die inhumane Seite."

Objekte aus der Hofoper Friedrichs, etwa Schuhe der Tänzerin Barberina, der bestbezahlten Ballerina des Königs, das berühmte Dalbergsche Bühnenbildmodell und Exponate aus Mexico City, darunter die Projektion eines eindrucksvollen, hierzulande noch nie gezeigten gigantischen Wand-schirms über die Eroberung Mexikos aus dem 17. Jahrhundert runden diese so interessante wie optisch reizvolle und sinnliche Ausstellung ab, die ein breites Publikum ansprechen dürfte, gerade weil sie eine im allgemeinen Friedichrummel dieses Jahres wenig beleuchtete Facette des preußischen Königs veranschaulicht.

"Eigentlich versuchen wir so viel Menschen wie möglich für diese Ausstellung zu interessieren. Aber natürlich versuchen wir auch mit einer relativ hohen fachwissenschaftlichen Flughöhe Quellen, Doku-mente, musikalische Quellen und die vorhandene  Librettodrucke zu do-kumentieren  und angemessen zu kommentieren. Auch die Entste-hungsgeschichte in Briefen zeigen wir entsprechend. Wir versuchen vieles dazustellen, auf verschieden Niveaus, und wir bemühen uns, dabei niemanden zu verschrecken." (Ruth Müller-Lindenberg)

Begleitet wird die Ausstellung von einem Rahmenprogramm: Es finden sechs Konzerte  mit Musik vom Hofe Friedrichs des Großen statt,  es gibt viele Vorträge,  Sabine Henze-Doehring wird ihr neustes Buch über "Friedrich, den "Musiker und Monarchen" vorstellen und am 21. und 22. Juni hat man zum Abschluss der Ausstellung ein wissenschaftliches Symposium zu Friedrichs "Montezuma" anberaumt. So Gott will, wir dann auch der Katalog zur Ausstellung vorliegen, in dem die Ergebnisse der weit ausholenden Recherchen zu dieser sehenswerten Ausstellung dokumen-tiert werden, die das  Bild Friedrichs als Musiker, Librettist und Opern-impresario um einige neue Erkenntnisse bereichern.     

 

Beitrag für SWR, Musik aktuell 27.01.2012