Dieter David Scholz

Premierenbericht
Siehe auch mein Schlaglicht auf 50 Jahre Opernhaus Leipzig


Hans Sachs trifft der Schlag  oder
Sarrazin-Assoziationen

Die neuen "Meistersinger von Nürnberg" in Leipzig
Opernhaus Leipzig, 9. Oktober 2010

Mit dem traditionellen Friedensgebet in der Nikolaikirche und einem Lichtfest hat Leipzig 20 Jahre deutsche Einheit und die Friedliche Revolution in der DDR gefeiert. Rund 40 000 Men-schen versammelten sich am Abend auf dem Augustusplatz. Am 9. Oktober 1989 waren in Leipzig 70 000 Menschen auf die Straße gegangen. Gleichzeitig feierte die Oper Leipzig das 50. Jubiläum ihres Hauses mit einer Neuinszenierung der "Meistersinger" (Jochen Biganzoli) , mit denen der repräsentativste Theaterneubau  der DDR vor 50 Jahren (in der Regie von Joachim Herz) eröffnet wurde.

   

Im dritten Akt, bzw. mit der Festwiese nimmt die Inszenierung Biganzolis Bezug guf das 50. Jubiläum des Opernhauses Leipzigs. Sie war die Parodie einer Jubiläumsfeier. Dazu wurde nach dem herrlichen Quintett die ganze Bühne nach links weggezogen, um einer Tribüne Platz zu machen, hinter der ein gewaltiger Spiegel das Publikum im Zuschauerraum abbildete. Klar, wir alle waren gemeint mit dieser Inszenierung. Der dritte Akt war denn auch zum großen Teil unter Einbeziehung des Zuschauerraums inszeniert worden. Ein Appell ans Publikum von heute. Sachs trat – ebenso wie Beckmesser – aus dem Saal auf. Der wurde geschmückt zu einem 50. Jubiläum, mit Fahnen und Girlanden. Und alles so ein bisschen spießig als Parodie im DDR-Retro-Look. Auch der Chor in ganz scheußlich spießigen Gesellschafts- und Abend-Kostümen. Die Meistersinger  in Konzertfräcken, auch Stolzing. Die Festwiese ist im Grunde ein  Spießerkonzert der Nachkriegszeit. Nichts von Mittelalter, nichts von Nürnberg. Schlagende Verbindungen marschieren auf. Die Aufzüge der Zünfte werden zu Karnevals-nummern degradiert, mit Fanfarenbläsern als Hans-Würste. Ein FDJ-Ballett grölt „Jedermann an jedem Ort macht einmal in der Woche Sport“. Regisseur Jochen Biganzoli ist sich für keine Plattheit zu schade. Hans Sachs wird von Straßenkids  in eine Hakenkreuzflagge eingewickelt. Ein Hitler-Pantomime setzt ihm eine Damen-Perücke auf und wagt mit ihm ein Tänzchen. Bei seiner vor Überfremdung Deutschlands warnenden Schluß-Ansprache wird er vom Chor ausgelacht. Daraufhin trifft ihn der Schlag. Oder vielleicht ist es auch ein Herzinfarkt. Sachs, Inbegriff deutschen Wesens, wird am Ende der Oper von Sanitätern weggetragen. Das kann man so oder so verstehen. Eine gespenstische Szene. Assoziationen an Sarrazin-Kontroversen schweben im Raum. Gottlob vermeidet Regisseur Jochen Biganzoli wenigstens da Eindeutigkeit. 

Im Gegensatz zum dritten sind die beiden ersten Akte ziemlich langweilig , schon weil sie in einem nichts sagenden, austauschbaren, grün geplatteten  Raum spielen. An einem Konferenztisch findet eine Art Jury­sitzung saturierter Herren in Anzug und Krawatte statt. Nach und nach fallen die Grünen Platten ab und enthüllen Weiße mit Sprüchen, Geboten, verboten, Allerweltsweisheiten und Zitaten aus den Meistersingern. Eine deutschen Zitaten-landschaft könnte man sagen. Beckmesser machte es sich hinter einem Harmonium gemütlich, um seine kreidequietschenden Wertungen vorzunehmen. Auf dem Instrument stehen Büsten Leipziger Musiker, die  stark vergrößert im dritten Akt wiederkehren. Damit  es auch niemand falsch versteht:  Hier gilt's der Musik. Im zweiten Akt stehen in diesem Raum 7 Tische mit Lämpchen, an denen Symbolträger vor sich hin wursteln, eine telefonierende Primaballerina, eine alte Dame, die an einer Deutschlandflagge näht, ein verlotterter Dichter. Deutschland, das Land der Dichter und Denker... Die Prügelfuge gerät zum tänzerisch-gymnastischen Tingeltangel, der in einem strammen, völkischen Fackelmarsch endet. Wagners Blick in die Abgründe deutscher Bürgerseelen gerät hier zur Vorausschau auf deutsche Geschichte nach Wagner. Andeutungen über Andeutungen. Aber alles recht be-müht, ziemlich plakativ und auf eine altklug-vorgestrige Art gesellschaftskritisch. Die Aufführung hat aber auch bühnen­ästhetisch etwas von Stadt-Theater der Siebzigerjahre.    

 

Zur Eröffnung des Hauses vor 50 Jahren hat man mit Franz Konwitschny einen hochkarätigen Dirigenten zur Verfügung gehabt.  Dagegen war in der Jubiläumsaufführung Axel Kober am Pult schlichtweg langweilig. Ich habe selten eine so langweilig dirigierte Meistersinger-Aufführung erlebt. Ganz davon abgesehen, dass es zuweilen ziemlich eklatante Koordina-tionsrobleme zwischen Orchestergraben und Bühne gegeben hat. Nicht nur bei der gefürch-teten Prügelfuge am Ende des zweiten Aktes. Um nicht missver­standen zu werden: Das Gewandhausorchester spielt natürlich sehr gut, gerade die Holzbläser und die Streicher klingen wunderbar. Aber Axel Kober ist das Stück so phantasielos und einfach nur routiniert angegangen. So ein langer Abend kann dann strapaziös werden. Das liegt nicht an Wagner, den  das Stück ist ein Geniestreich. Vielleicht das modernste Stück Wagners. Es liegt auch nicht am Gewandhausorchester. In dieser Produktion zeigt sich wieder einmal, dass man sich mit Dirigenten an der Oper Leipzig scher tut. Glücklicherweise hat der raffinierte Wagner im dritten Akt den Applaus geradezu mitkomponiert.  

Nun muss man in dieser Oper 6 große und 8 mittlere Partien besetzen. Dazu braucht man noch mehrere Chöre. Eine gewaltige Herausforderung. Alles in allem hat man das Stück besetzen können. Immerhin. Allerdings war nicht eine einzige wirklich schöne Stimme dabei. Am besten waren noch die acht Meistersinger besetzt. Großes Kompliment an Chor und Extrachöre! Hans Sachs, die zentrale Figur dieser Oper, wurde mit Wolfgang Brendel zwar prominent besetzt, aber das war doch ein recht hemdsärmelig, will sagen schlam­pig gesungener Sachs, was die Treffsicherheit der Noten angeht so schlampig wie er auch äußerlich auftrat. Sachs schlurfte als heruntergekommener Biedermann mit ungepflegten Haaren und im Morgenmantel über die Bühne, ohne Autorität und Würde. Da war der geschniegelte Bckmesser schon ein anderes Format: die treffende Karikatur eines übereitlen, geckenhaften Sängers. Die Partie für Dietrich Henschel. Da hatte man endlich einmal Grund zu lachen. Ansonsten war dem Stück vom Regisseur Biganzoli zugunsten politischer Zeigefingerattitüde der Humor weitgehend ausgetrieben worden. Sehr rollendeckend war auch der David von Dan Karlström. Die Eva von Meagan Miller war leider ziemlich verquietscht,  nicht wirklich eine schöne Stimme. Und vom revoluzzerhaften Walther von Stolzing konnte man das auch nicht behaupten. Stefan Vinke, der hauseigene Heldentenor, ist, was man einen Schreihals nennt. Erstaunlich, dass er bei der Menge an Wagnerpartien, die er so lautstark herausstemmt, noch so ein Durchhaltevermögen besitzt. Man hat in den vergangenen fünf Jahrzehnten im Leipziger Opernhaus schon sehr viel bessere Stimmen gehört! Auch in diesen Partien.

 

Musikalische Leitung Axel Kober | Inszenierung Jochen Biganzoli

Mit Wolfgang Brendel (Hans Sachs), James Moellenhoff / Robert Holzer (Veit Pogner), Dietrich Henschel (Sixtus Beckmesser), Stefan Vinke / Jeffrey Dowd (Walther von Stolzing), Dan Karlström (David), Meagan Miller / Michaela Kaune (Eva), Karin Lovelius (Magdalena), u. a., Chor der Oper Leipzig | Kinder-, Jugend- und Zusatzchor der Oper Leipzig | Gewandhausorchester

 

Beitrag in MDR - Figaro 11.10.2010, 8. 40 Uhr