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Dieter David Scholz
Anna Netrebkos „Manon“ SuperstarMassenOpernEvent
Ein großes Medien-Ereignis ist sie vor allem, die Manon-Premiere in der Berliner Staatsoper unter den Linden, mit dem „Traumpaar“ Anna Netrebko und Rolando Villazón in den Haupt-partien. Sie wurde live übertragen auf Deutschlandradio Kultur, aufgezeichnet für ARTE, das die Aufführung am 9. Mai sendet. Am 19. Mai gibt es eine Übertragung auf einer Großbild-leinwand vor dem Opernhaus. Und seit Monaten sind alle Aufführungen dieser "Manon" aus-verkauft. Die Opera comique „Manon“ von Jules Massenet hat noch nie so viele Menschen angezogen. Was nicht an dem Stück liegt. Die Oper an sich, die ja nicht zu den gängigen Repertoirestücken zählt, ist bei diesem Ber-liner Event eigentlich ganz nebensächlich. Ein Großteil des Publikums kennt ja – mit Verlaub gesagt - weder die Romanvorlage des Abbé Prevost, noch das Libretto Massenets von Meil-hac und Gilles. Es geht hier um einen neuen Typ von Opernbegeisterung, der sich ausschließlich festmacht an Gesangs-Stars und daran, dass Opernsänger heute vielfach wie Popstars vermarktet werden. Anna Netrebko und ihr Bühnenpartner Rolando Villazón sind das beste Beispiel. Sie haben neulich mit ihrer Duett-CD sogar die Popband Tokio Hotel in den Charts verdrängt. Und das zum Teil weit angereiste Publikum kommt nicht des Stückes wegen, sondern es kommt wie in ein Popkonzert, vor allem Anna Netrebkos wegen, die gestern abend tatsächlich in Hochform war und nicht nur mit ihren Pinup-Girl-Reizen, sondern auch mit großer Stimme und erstaun-licher Gesangskunst aufwartete. Auch wenn Sie rein stimmlich (und auch das Fach be-treffend) keine Opéra-comique-Sängerin ist: Sie ist eine außergewöhnliche Sängerin mit Charisma!
Anna Netrebko in der Titelpartie der Oper „Manon“ von Jules Massenet an der Berliner Lindenoper ist vor allem Startheater, das die Massen und die Medien anzieht. Spielt der Opernstoff da überhaupt noch eine Rolle oder verkommt er ganz und gar zur Kulisse? Es ist auf jeden Fall so, dass Regisseur Vincent Paterson (Regisseur und Choreograph am Broadway, in Film und Fernsehen, von Musikvideos und Werbe-Spots sowie bei Auftritten Madonna und Michael Jackson) seine Inszenierung, die zuerst in Los Angeles herauskam, bevor sie nach Berlin exportiert wurde, – seine erste Operninszenierung überhaupt - ganz auf die Netrebko zugeschnitten hat: Es ist eine große Netrebko-Show, typisch amerikanisch, die die Netrebko in den Mittelpunkt der Aufführung stellt. Sie ist allerdings auch ein Wirbelwind auf der Bühne. Sie spielt alle an die Wand. Sie singt auch alle an die Wand. Sie hat eine enorme Raumverdrängung. Sie präsentiert sich von Anfang an als Star, als Photomodell, als Pinup-Girl. Sie ist perfekt in Bewegung und Pose, immer ein bisschen lasziv, und macht immer ein bisschen zuviel des Guten. Das aber gekonnt, raffiniert. Paterson hat natürlich erkannt, dass die „Manon“ von Massenet die ideale Figur ist für die Netrebko, in ihr kann sie sich im Grunde selbst spiegeln. Es ist ja die Geschichte eines jungen Mädchens aus einfachen Verhältnissen, das sich nach allen Reichtümern der Welt, sehnt: Kleidern, Schmuck, Ruhm und Sex. Manon ist eine Schönheit, eine erotische Sphinx. Sie verkörpert „alles, was das weibliche Wesen an Liebenswürdigkeit, Verführungskraft und Schamlosigkeit zu bieten vermag … die Eva des verlorenen Paradieses, die unsterblich listenreiche, naive Versucherin … das Liebestier von angeborener Schlauheit ohne jedes Schamgefühl“ ( Guy de Maupassant). Manon alias Netrebko zeigt gern nacktes Fleisch, strampelt gern mit der Füßchen, äugelt gern kokett, verdreht allen Männern die Augen. Sie ist eine exponierte erotische Männer-phantasie. Um das "heutig" zu zeigen, verlegt Paterson die Handlung nach Paris, in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Er zeigt das Stück auf einer Bühne, die er wie eine Kino-leinwand nutzt. Im musicalhaft abschnurrenden, technisch perfekten Hochglanzdekor einer teuren Ausstattungsproduktion, mit viel Herzschmerz, Komik und Kitsch: Unterm Eiffelturm, in Bohéme-Mansarde, im nonnenwuselnden Kloster, vor trister Gefängniswand, die sich zum Liebestod vor untergehender Sonne gen Himmel hebt. Susan Hilferty hat die Aufführung mit hinreißenden 50er-Jahren Kostümen bestückt. Man sieht sie alle, die mondänen Kostüme und Hüte, die die Monroe und die Callas, Gina Lollobridgida und Audrey Hepburn getragen haben. Anna Netrebko schlüpft in alle hinein. Sie zieht alle Register einer Hollywood-Diva. Sie spielt das Mädchen, das Hollywood-Diva sein möchte, immer im Scheinwerferlicht, immer glamourös und in Pose, sie ist Star ihres eigenen Films. Sie hat von Kinoschauspielern gelernt und sie beherrscht ihren Part, verliebt in Glamour und Glitzer. Sie trägt mal braune, mal blonde Haare, sieht mal aus wie die Monroe, mal wie die Lollobridgida. Ganz körperlicher Reiz. Kein Wunder, dass sie ihr Publikum zu Begeisterungsstürmen hinreißt, so wie sie alle Männer in dieser Oper, inbesondere Chevalier Des Grieux alias Rolando Villazón bezaubert. Villazón zeigt wieder einmal schauspielerisch all seine sympathischen Seiten. Stimmlich ist nicht alles perfekt, was er singt, und wie er es singt, vor allem liegt ihm das Französische nicht. Aber das Publikum liebt ihn trotzdem. Er ist eben der „Traumpartner“ der Netrebko. Anna Netrebko und Rolando Villazón ziehen die Massen an. Star-Rummel scheint die neue Verkaufsstrategie der Oper zu sein. Oder ist es doch nur eher deren Ausverkauf? Es ist unübersehbar, dass sich die Erste Klasse-Oper, ohne Rücksicht auf Verluste, mehr und mehr an den Massengeschmack schmeißt, mit Stars und Primadonnen Kasse macht und für ausverkaufte Häuser sorgt. Das Publikum sehnt sich heute mehr denn je nach Primadonnen. Und es zahlt dafür nahezu jeden Preis. Es ist ja nur eine Frage von PR und Werbung, ob diese Rechnung aufgeht. Und dann geht es natürlich nicht mehr um Stoff und Inhalt und Anliegen der Oper bzw. des Komponisten und seiner Librettisten. Und selbst ein Dirigent wie Daniel Barenboim macht bei solchem Geschäft gerne mit, um nur einmal mehr im Rampenlicht zu stehen und ein wenig von dem Glanz und dem Erfolg auch der Anderen auf sich zu lenken. Es ist ja kein Zufall, dass er kurzfristig für den eigentlich ursprünglich verpflichteten Dirigenten Bertrand de Billy „einsprang“. Angeblich seien künstlerische Differenzen der Grund gewe-sen... Dabei hat Barenboim hörbar keine tiefere Affinität zu der Musik Massenets und nun wirklich kein leichtes Händchen für Opera comique. Er dirigiert auch Massenets "Manon" eher von einem teutonisch-schweren, falschen Wagnerdenken her. Ein musikalischer Irrtum! Macht nichts, das Publikum ist dennoch begeistert, huldigt ihm und allen Beteiligten. Vielleicht ist solches Opern-Startheater nach Popvorlage tatsächlich das Rezept einer neuen Opern-Renaissance. Es ist der Oper ja zu wünschen. Es könnte nur passieren, dass das Publikum auf Dauer doch wieder eine Sehnsucht verspürt nach etwas mehr Inhalt und Aussage, nach Oper, die mehr ist als nur Glanz und Glamour, Sex und Fun. Oper war immer mehr. War Utopie und Rebellion, Traum und Wirklichkeit, gespiegelt, als Tragödie, Satire und Unter-haltung. Doch im Augenblick scheint ein Grossteil des Publikums – verständlicherweise - das pubertär-naseweise, arrogant-belehrende und dabei oft so traurig unschöne, armselige und illusionslose Regietheater müde zu sein. Es sehnt sich nach Diven, schönen Oberflächenreizen und Illusionen. Die Schallplattenindustrie schürt dieses Verlangen eifrig, indem es ein singendes Pinupgirl nach dem anderen auf den Markt wirft und entsprechend vermarktet. Die Medien ziehen gern mit. "Medienkooperationen" ... Eine Hand wäscht die andere. Schon werden die Nachfolgerinnen von Anna Netrebko aufgebaut: Elena Garancia und Nicole Cabell. ..
SWR
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