Dieter David Scholz

Nachruf  


Sir Charles Mackerras ist tot

Er war so etwas wie ein Gütesiegel in Sachen Janacék. Wenn Charles Mackerras tsche-chische Musik dirigierte, hatte das unbestechliches Format. Und viele der Werke des böhmischen Komponisten, der so spät erst international gewürdigt wurde, hätten ohne das Engagement von Charles Mackerras wohl gar nicht Eingang in die Opernspielpläne gefunden. Seine Einspielung der Janacék-Opern mit den Wiener Philharmonikern und mit Elisabeth Söderström waren wegweisend und gelten bis heute als Referenzaufnahmen.  

 

Die Eltern von Charles Mackerras waren Australier. Er selbst, der am 17. November 1925 im amerikanischen Bundesstaat New York geboren wurde, kehrte nach Australien zurück, studierte dort Oboe und wurde 1946 Solo-Oboist des Sydney Symphony Orchestra. Dann zog es ihn ans Dirigentenpult und er ging nach Prag, um ein  Dirigierstudium beim berühmten Václav Talich aufzunehmen, der noch unter Dvorák gespielt hat. Mackerras fing Feuer für die tschechische Musik, lernte die tschechische Tradition und studierte akribisch Quellenmaterial. 1951 leitete er die erste Aufführung von Janacéks Oper "Katja Kabanowa" in England.

Dass Prag Charles Mackerras zu Ehrenbürger ernannte, ist kein Wunder bei seinem weltwei-ten Einsatz für den böhmischen Komponisten. 1991 dirigierte Mackerras zur Wieder-eröffnung des renovierten Prager Ständetheaters den „Don Giovanni“. Mackerras hätte aber auch die Ehrenbürgerwürden der Stadt Salzburg und Wien verdient, denn er hat sich um die „historisch informierte“ Interpretation Mozarts – lange vor dem Siegeszug der sogenannten „Historischen Aufführungspraxis“ - ebenso verdient gemacht wie um die Janacéks. Seine partiturtreuen,  stilistisch hieb und stichfesten, in Rhythmik, Agogik und historischer Verzie-rungspraxis außergewöhnlich präzisen Mozart-Einspielungen beweisen es

 

Zur Wahlheimat des Dirigenten Cahrels Mackerras ist Großbritannien geworden. Ab 1948 dirigierte er am Londoner Sadler’s Wells Theatre, ab 1964 auch am Royal Opera House Covent Garden. 1980 durfte er als erster Nicht-Brite die „Last Night of the Proms“ dirigieren. Ein Jahr zuvor hat ihn die Queen in den Adelsstand erhoben. Die Briten liebten ihn, weil er Elgar und Händel liebte und weil er sich sachkundig und mit Augenzwinkern für die Operetten von Gilbert und Sullivan stark machte.

  

Das britische Musikleben ve­dankt Sir Charles Mackerras  viel. Aber nicht nur das britische. In den sechziger Jahren gastierte Mackerras häufig in der Tschechoslowakei, in Polen und der DDR. Er nutzte seine Reisen zu ausgiebigen Quellenstudien vor Ort, kaufte dort Stim-menmaterial und versah es in mühsamer Fleißarbeit mit Vortragsanweisungen. Wo auch immer er auftrat, wurde aus diesem Material gespielt. – Auch in Australien hat Mackerras seine Spuren hinterlassen.  Bei der Eröffnung des Opernhauses Sydney stand er 1973 auf dem Podium; ab 1982 leitete er drei Jahre lang das dortige Symphonieorchester, bevor er die Leitung der Welsh National Opera übernahm. In Deutschland hat sich Mackerras rar gemacht. In den 60er Jahren dirigierte er an der Berliner Staatsoper und in Hamburg. Zuletzt war der seit den 70er-Jahren weltweit gefragte Dirigent mehrfach Gast der Staatskapelle Dresden.  

Das Repertoire von Charles Mackerras reichte von  den tschechischen Komponisten über Händel und Mozart bis zu Beethoven, Brahms und Britten.  Im Alter von 84 Jahren ist Char­les Mackerras jetzt in London gestorben. Für kommende Woche war sein nächster Auf­tritt bei den Londoner Proms geplant. Im September und Oktober sollte Charles Mackerras die Berliner Philharmoniker dirigieren. Dazu wird es nicht mehr kommen. Das internationale Musikleben hat einen der besten Musiker und Dirigenten verloren – aber auch einen sympathischen, unkomplizierten und ausserordentlich warmherzlichen Menschen.

 

SWR 2, Musik aktuell 16.07.2010